• Fünf Tore in sechs Spielen in der Bundesliga, sechs Tore in zwei Spielen für die deutsche Nationalmannschaft in der laufenden Saison - an Lea Schüller führt im deutschen Frauenfussball derzeit kein Weg vorbei.
  • Die Stürmerin vom FC Bayern ist gerade einmal 23 Jahre alt, immerhin schon Deutsche Meisterin und hat sich für ihre Karriere noch einiges vorgenommen.
  • Im Interview mit unserer Redaktion erzählt sie, warum es für sie keinen Sinn ergibt, sich am Trainingsplan von Robert Lewandowski zu orientieren, warum sie die Anstosszeiten im Frauenfussball ärgern und wie sie eigentlich zum Gendern steht.
Ein Interview

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Lea Schüller ist derzeit nicht zu stoppen. Die Bilanz der Stürmerin vom FC Bayern sucht ihresgleichen und nährt auch die Ambitionen der deutschen Nationalmannschaft. Ambitionen, die Schüller selbstverständlich teilt. Denn nur weil sie bereits einmal die deutsche Meisterschaft gewinnen konnte, ist ihr Titelhunger noch lange nicht gestillt. Das wird im Interview deutlich.

Frau Schüler, Sie hatten am Wochenende ihr 150. Bundesligaspiel, dabei haben sie schon wieder zweimal getroffen – und das auch noch im Spitzenspiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Warum läuft es gerade so unverschämt gut bei Ihnen?

Lea Schüller: Ja, warum? Gute Frage. (lacht) Ich glaube, dass ich seit der vergangenen Rückrunde bei Bayern angekommen bin und mich in vielen Dingen verbessern konnte. Ich konnte meine Fitness sehr gut aufbauen und habe überragende Mitspielerinnen, die mir das Toreschiessen deutlich erleichtern.

Sie haben sogar schon Ihren eigenen Hashtag #EsSchüllert – stört es Sie, dass der von männlichen Fussballern abgekupfert wurde? Oder ist es eher ein Ansporn, wenn Sie die Menschen offensichtlich an Gerd Müller und Thomas Müller erinnern?

Es ist mir natürlich bewusst, dass es da abgekupfert wurde, aber es ehrt mich, dass dieser Hashtag für mich etabliert wurde. Und ich ärgere mich da gar nicht darüber, dass es von woanders kommt. Ich find’s einfach cool.

Ist einer der beiden vielleicht sogar eine Art Vorbild für Sie?

Ich orientiere mich ganz allgemein an den besten Stürmern, und da gehört Thomas Müller natürlich auch dazu.

Schüller: Ich bin am Anfang noch weniger gelaufen

Auch in der Nationalmannschaft läuft es für Sie überragend. Nach ihrem Viererpack attestierte ihnen ihre Mitspielerin Lena Oberdorf allerdings eine "klassische Stürmerkrankheit". Man müsse Ihnen schon ein bisschen in den Arsch treten, damit Sie die Läufe machen würden. Wo sehen Sie selbst ihr grösstes Verbesserungspotenzial?

Da hat sie schon recht. Ich habe auf jeden Fall eine Stürmerkrankheit. Ich habe mich da aber auch schon verbessert. Ich würde behaupten, dass ich am Anfang noch weniger gelaufen bin, als ich das jetzt tue. (lacht) Ich arbeite jetzt auch deutlich mehr nach hinten, und man merkt dann auch gleich, dass man besser ins Spiel kommt, dass man sich mehr Chancen herausspielt. Ansonsten glaube ich aber auch, dass ich mehr der Stürmertyp bin, der schnell ist und in die Tiefe läuft. Ich will noch daran arbeiten, dass ich öfter die Bälle festmache und ablege.

Und in welche Höhen soll es da noch gehen für Sie? Wie sehen Ihre persönlichen Ziele aus?

Mein Ziel ist es, dass ich irgendwann Torschützenkönigin in der Bundesliga werde. Ich möchte auch gerne den Pokal mit der Mannschaft gewinnen. Und nur weil ich jetzt einmal mit Bayern Meister geworden bin, heisst das nicht, dass das für mich kein Ziel mehr ist. Und natürlich möchte ich auch mit der Nationalmannschaft Titel holen.

Wird dieser Titelhunger auch dem Frauenteam beim FC Bayern eingeimpft, die Bayern-DNA, wenn man so will?

Ich glaube, das hat nicht unbedingt was mit dem FC Bayern zu tun. Wenn man weiss, dass man eine sehr gute Mannschaft hat, dann hat man auch hohe Ambitionen. Natürlich sieht man beim FC Bayern, dass die Männer total erfolgreich sind, und dementsprechend will man da im Frauenbereich natürlich nachziehen.

Sie schrammten knapp am Titel "Fussballerin des Jahres" vorbei – hat Sie das geärgert?

Ja, schon. Klar hat mich das geärgert. Aber ich fand es auch verständlich, weil ich im ersten halben Jahr bei den Bayern gar nicht so eine gute Leistung gebracht habe. Daher bin ich froh, dass ich es unter die ersten zwei geschafft habe. Das ist schon eine sehr grosse Auszeichnung.

Training nach dem Menstruationszyklus

Sie haben viel an Ihrer Fitness gearbeitet: Orientiert man sich da bei den Trainingsplänen auch an den Männern, beispielsweise an Robert Lewandowski?

Nein, gar nicht. Wir haben da gar keinen Zugang. Der männliche und der weibliche Körper ist ganz anders, und deshalb gibt das überhaupt keinen Sinn. Da schaut man sich nichts ab. Wir trainieren ausserdem am Bayern-Campus und die Männer an der Säbener Strasse, also gar nicht am gleichen Trainingsgelände.

Inzwischen soll es Vereine geben, wie zum Beispiel den FC Chelsea, die die Trainingspläne der Spielerinnen an deren Menstruationszyklen ausrichten.

Ja, da ist hier auch so. Zu Beginn der Periode werden Spielerinnen häufig herausgenommen und trainieren dann mal einen Tag individuell.

Das wurde sicher vor zehn Jahren noch ganz anders praktiziert.

Ja, bestimmt. In Essen wurde es auch nicht gemacht, aber ich finde es sehr sinnvoll.

Schüller: "Wer soll da zuschauen?"

Es läuft immer mehr Frauenfussball im deutschen Fernsehen. Am Wochenende sahen allein im Ersten 1,53 Millionen Menschen Bayern gegen Hoffenheim. Wie befriedigend ist es, dass die mediale Aufmerksamkeit auf den Frauenfussball gerade zunimmt?

Das ehrt uns natürlich, dass mal mehr Leute die Spiele schauen. Ich glaube aber, es hängt sehr davon ab, wann die Spiele sind. Jetzt spielen wir mit der Nationalmannschaft zum Beispiel wieder am Dienstag um 16:00 Uhr (am 26.10., WM-Qualifikationsspiel Deutschland - Israel, Anm. d. Red.). Wer soll da zuschauen? Das macht es uns schwer. Es wäre schön, wenn es in die andere Richtung weitergeht. Die Bundesliga und Magenta (Streaming-Plattform der Telekom, Anm. d. Red.) haben jetzt immerhin schon dafür gesorgt, dass die Spiele an unterschiedlichen Tagen zu verschiedenen Zeiten angepfiffen werden, damit auch mehr Menschen zuschauen können und hoffentlich auch wollen.

Die Beliebtheit des Männerfussballs hat in der Coronakrise gelitten. Ist das jetzt die Chance für den Frauenfussball in diese Lücke zu stossen?

Vielleicht. Das kann schon sein. Ich würde allerdings Frauen- und Männerfussball doch voneinander abgrenzen. Es ist etwas anderes, weil Frauen andere körperliche Voraussetzungen haben als Männer. Es ist immer ein anderes Spiel. Aber es ist natürlich auch Fussball, und vielleicht haben die Leute mehr Lust, auch mal anderen Fussball zu schauen. Oder sie haben generell keine Lust mehr auf Fussball. Das kann natürlich auch sein. Deshalb würde ich mich da jetzt nicht festlegen. Es würde mich aber freuen, wenn die Menschen auf Frauenfussball umschwenken.

Die Liste der Kritikpunkte bei den Männern ist lang: Kommerzialisierung, Gehälterexplosion, unfassbare Preise auf dem Transfermarkt, Korruption, keine Vereinsidentifkation – alles Probleme, die der Frauenfussball nicht oder nur in abgeschwächter Form kennt. Ist Frauenfussball der ehrlichere Fussball?

Vielleicht auch das. Und der Frauenfussball ist zum Beispiel, was die Theatralik auf dem Platz angeht, auch nicht so wie der Männerfussball. (lacht)

Schüller: "Würde nicht tauschen wollen"

Gibt es Aspekte im Leben männlicher Fussballprofis, mit denen Sie auf keinen Fall tauschen wollen würden?

Ich möchte auf keinen Fall ständig auf der Strasse erkannt werden. Für uns ist es schön, wenn uns mal jemand erkennt. Das ist schon eine Art Wertschätzung. Meistens ist es ein junges Mädchen, das einen erkennt. Aber ich würde nicht unbedingt damit tauschen wollen, dass ich dann nicht mehr durch die Stadt laufen kann und mich jeder erkennt.

Und welche Privilegien hätten Sie gerne, die Sie bei den Männern beobachten?

Hach ja, ich glaube, jeder will viel Geld verdienen. Natürlich würde ich mir auch wünschen, dass ich was weiss ich wie viele Millionen im Jahr verdiene. Aber es ist halt einfach nicht so.

Rein pragmatisch gesehen ist es aber natürlich schon sehr sinnvoll, wie Sie es jetzt machen, neben dem Fussball auch noch studieren und sich so auch auf ein Leben nach der Karriere vorzubereiten.

Ja, voll. Nur Fussball, das macht ja auch irgendwas mit dem Kopf. Und ich glaube, das prägt auch bei vielen Fans die Erwartungshaltung: Der macht doch nichts anderes als Fussball, der muss das doch perfekt können. Mir tut es schon gut, dass ich noch etwas anderes habe, auf das ich mich konzentrieren und auch mal vom Fussball abschalten kann.

Social Media ist im Fussball ein grosses Thema. Während Ihre männlichen Counterparts vermutlich fast alle Social-Media-Manager haben, betreiben Sie Ihren Instagram-Kanal selbst – wie wichtig ist es für Sie, auch auf diesen Plattformen sichtbar zu sein? Und wie gehen Sie da für sich ran?

Ja, es ist sehr wichtig, aber ich bin da wirklich schlecht darin. (lacht) Eigentlich müsste ich das viel mehr nutzen, aber ich habe oft auch einfach keine Lust, etwas zu posten. Dennoch sehe ich es als Chance und versuche, mich da auch zu verbessern.

"Ich finde gendern eher anstrengend"

Ein Thema, das vor allem in den Sozialen Medien gerne und ausführlich diskutiert wird, ist das Gendern. Jetzt ist das eigentlich kein Thema, das man in einem Fussballgespräch erwarten sollte, aber ich bin kürzlich bei Recherchen darüber gestolpert, dass beim VfL Wolfsburg auf der Homepage die Spielerinnen in der männlichen Form bezeichnet werden. Also Almuth Schult als Torhüter z.B. Ist das etwas, was Sie stören würde?

Ne, überhaupt nicht. Ich fände das auch eher anstrengend, wenn ich da die ganze Zeit darauf achten müsste. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn bei uns auch mal die männliche Form verwendet wird. Ich bin im Fussball gross geworden, ich spiele schon Ewigkeiten. Mich stört es nicht. Ich bin auch gar nicht in diesem Thema drin. Aber dass bei Wolfsburg Torhüter statt Torhüterin steht, das könnte man auf der Homepage natürlich schon anpassen. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob da bei uns auf der Seite "Stürmerin" steht.

Da wird ganz genderneutral von "Angriff" gesprochen.

Ja, wie gesagt, mir wäre es egal. Aber auf einer Homepage kann man da natürlich schon drauf achten.

Nächstes Jahr ist die Europameisterschaft der Frauen in England – was nehmen Sie sich für das Turnier vor?

Unser Ziel ist natürlich, weit zu kommen. Wir wollen nicht antreten, um mal zu schauen. Unser Ziel ist es, im Finale zu stehen. Wir haben sehr grosses Potenzial in der Mannschaft, wir sind ein sehr junges Team, wir können noch viel dazulernen und müssen uns erst noch finden. Aber wir haben sehr gute Spielerinnen und müssen daher das Ziel haben, Titel zu holen. Ob uns das schon jetzt bei der Europameisterschaft gelingt, oder vielleicht später bei der WM, wird man dann sehen.