Jürgen Klopp erlebt mit dem FC Liverpool Wochen der Extreme. Das geht vor dem Premier-League-Spiel des Champions-League-Siegers am Boxing Day bei Leicester City nicht spurlos am ehemaligen BVB-Trainer vorbei – in mehrerlei Hinsicht.

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Die Weihnachtszeit gilt als besinnlich. Begriffe wie Demut und Sätze wie "zur Ruhe kommen" haben Hochkonjunktur. Auch Jürgen Klopp, 2019 Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, gab pünktlich zu Heiligabend dem britischen "BBC Radio 5" ein recht demütiges Interview.

Der 52 Jahre alte Trainer sprach über die Nachteile seines populären Jobs. So schilderte der ehemalige BVB-Coach von seiner Anfangszeit als Cheftrainer bei Mainz 05 – seiner ersten Trainer-Station. "Als ich ein sehr junger Trainer war und ich wusste, dass meine Spieler nicht besonders viel verdienen, musste ich einigen meiner besten Freunde beibringen, dass sie keinen neuen Vertrag bekommen werden und ich nicht wüsste, wie es mit ihnen weitergeht", erzählte er.

Nachdenkliche Worte von Jürgen Klopp vor dem Boxing Day

Nachdenkliche Worte. Doch davon, dass Klopp zur Weihnachtszeit und um Silvester zur Ruhe kommt, kann keine Rede sein. In England herrscht in der Premier League zwischen den Feiertagen Hochbetrieb. Es gibt die Chance, viel Geld zu verdienen.

Die Pubs sind berstend voll, die Stadien ohnehin – besonders am Boxing Day, dem traditionellen Spieltag am zweiten Weihnachtsfeiertag. Liverpool trifft an diesem ausgerechnet auf Leicester City (21:00 Uhr), den Tabellen-Zweiten.

Dabei erlebt Klopp derzeit ohnehin irre Wochen. Oder anders formuliert: Er muss ein Pensum abliefern, das offenbar Spuren hinterlassen hat. Konkret: Wenn das Duell in Leicester bestritten ist, hat Liverpool in einem Monat zehn Spiele absolviert: zwei in der Champions League, zwei bei der Klub-WM, eines im League Cup und fünf weitere in der Premier League.

FC Liverpool enteilt in der Premier League

Klopp wirkt in dieser Gemengelage fast wie ein Getriebener, obwohl er mit den "Reds" in der englischen Liga an der Tabellenspitze den Kontrahenten enteilt und von 17 Saisonspielen lediglich einmal unentschieden gespielt hat – und ansonsten alle Partien gewonnen hat.

"Wir hatten nicht das Gefühl, dass nun alles vollbracht ist", sagte er im Radio-Interview im Rückblick auf den Champions-League-Titel – und meinte: "Es geht darum, grundsätzlich zu gewinnen und es gibt keine Grenzen."

Grenzen überschritt Klopp, der seit 2015 in Liverpool an der Seitenlinie steht, zuletzt aber wiederholt neben dem Platz. Zuerst stellte er vor der Champions-League-Partie beim FC Salzburg während einer Pressekonferenz öffentlich einen Dolmetscher bloss - und legte sich dann während des Halbfinales der Klub-WM gegen CF Monterrey (2:1) mit seinem Trainerkollegen Antonio Mohamed an.

Jürgen Klopp raunzt Dolmetscher an

"Scheisse für einen Dolmetscher, wenn ein Deutsch sprechender Trainer daneben sitzt", hatte Klopp den Dolmetscher vor versammelten Journalisten angemotzt. Wie dieser Worte des Liverpool-Kapitäns übersetzte, passte dem Trainer nicht.

Ebenso wie die Art seines Trainer-Kollegen Antonio Mohamed von Monterry. Dieser hatte die Rote Karte gegen Liverpools Verteidiger Joe Gomez nach einem Foul gefordert. Klopp imitierte Mohamed deshalb wiederholt mit abfälliger Geste und wank den Trainer der Mexikaner zu sich, als dieser andeutete, in Richtung Bank der Liverpooler zu stürmen.

Es waren Szenen, die an jene erinnerten, wie er einen Schiedsrichters-Assistenten im September 2013 vor laufenden TV-Kameras bei einem Champions-League-Spiel des BVB in Neapel anschrie. Doch der Coach zeigte Reue.

"Ich wollte mich nochmal für gestern entschuldigen. Ich weiss, sowas ist absolut scheisse, weil es in der Öffentlichkeit stattfindet. Kompletter Blödsinn. Ich mochte es nicht, wie es übersetzt wurde", sagte Klopp und entschuldigte sich zumindest bei dem Dolmetscher. "Die Art und Weise, wie ich es angesprochen habe, das muss besser laufen. Entschuldigung."

Hat Jürgen Klopp zu viel Stress mit dem FC Liverpool?

Der Trainer des FC Liverpool wirkt zunehmend dünnhäutiger. Weil der Stress zuletzt zu viel war? Vor Weihnachten, dessen Höhepunkt in England am 25. Dezember ist, wandte sich Klopp in einer emotionalen Botschaft an die Fans seines Klubs.

Mit seiner Mannschaft ging er an diesem Tag wie gewohnt der Arbeit nach. "Unsere Kabine veranschaulicht, wie wundervoll es ist, wenn eine Mischung aus Kulturen, Traditionen, Hintergründen und Glaubensrichtungen als Kollegen und Freunde zusammenkommt, die gemeinsame Ziele verfolgen", schrieb Klopp auf der Vereins-Website. Er erinnerte weiter an den Champions-League-Triumph im Frühsommer und die Feierlichkeiten danach.

"Solange ich lebe, werde ich niemals die Nacht von Madrid und den Tag danach in Liverpool vergessen, als wir den Champions-League-Titel nach Hause gebracht haben", so Klopp. "An diesem Tag habt ihr uns jede Art von Emotion spüren lassen."

Nachdenklich und demütig ist der deutsche Trainer in jedem Fall, in intensiven Wochen mit einem irren Pensum.

Verwendete Quellen:

  • sport1.de: Klopp: Musste Freunde ausbooten
  • sportbuzzer: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp: Emotionale Weihnachtsbotschaft an die Fan
  • spiegel.de: Jürgen Klopp – The Dark Side of the Moon

Nach Attacke gegen Dolmetscher: Klopp sagt ''sorry''

Jürgen Klopp hat sich nach dem Champions-League-Auswärtsspiel bei RB Salzburg bei einem Dolmetscher für eine verbale Attacke entschuldigt. Klopp hatte ihn am Tag davor gerügt, weil er die Antworten von Liverpool-Kapitän Jordan Henderson seiner Meinung nach nicht gut genug übersetzt hatte.
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