Die Gerüchte um Jürgen Klopp und den FC Liverpool werden immer heisser. Die Medien auf der Insel spielen verrückt, die Fans sehnen sich nach einem neuen Fussball und den alten Erfolgen. Der Deutsche scheint wie gemacht für die Aufgabe an der Anfield Road. Die einzige offene Frage ist: Will Klopp schon jetzt seine Pause beenden? Eine Analyse.

Manchmal ist der Fussball eben doch ziemlich vorhersehbar. Der FC Liverpool hat sich am Sonntagabend von seinem Trainer Brendan Rodgers getrennt. Das schwache 1:1 im Merseyside-Derby beim FC Everton brachte das Fass zum Überlaufen, nur wenige Stunden nach der Partie war Rodgers bereits Geschichte an der Anfield Road.

Seit der Veröffentlichung der recht dürren Mitteilung dreht die Regenbogenpresse auf der Insel förmlich durch. "Klopp of the Kops", titelt die Boulevardzeitung "The Sun" am Montag in Anlehnung an die ehemalige Chartshow "Top of the Pops".

Und die Wortspielfanatiker des "Mirror" liessen einfach ein paar Buchstaben weg, um ihre Sicht der Dinge unters Volk zu bringen: "Jurgen Kop" stand da in grossen Lettern, der Vorname des Umworbenen und die berühmteste Stehplatztribüne des Landes, die zufällig Jürgen Klopps Nachnamen ähnelt.

Liverpool wie einst der BVB

Aber nicht nur deswegen gilt der Deutsche als grosser Favorit auf den vakanten Posten auf dem roten Schleudersitz. In den letzten vier Jahren haben die Reds drei Trainer verschlissen, Rodgers hielt es dabei sogar noch am längsten aus. Liverpool hat nach der dramatisch verpassten Meisterschaft vor zwei Jahren den Anschluss an die Grossen der Liga verpasst, die beiden Manchester-Klubs sowie Arsenal, Chelsea und sogar Tottenham graben dem Verein immer mehr das Wasser ab.

Es ist eine ähnliche Konstellation wie damals im Frühjahr 2008, als sich Klopp entschloss, einem deutschen Traditionsklub aus der Patsche zu helfen. Borussia Dortmund und Liverpool lassen sich in vielen Dingen recht gut miteinander vergleichen. Und als erstes fällt einem die Erfolglosigkeit dabei ins Auge - die Klopp beim BVB dann beendete.

Seit einem Vierteljahrhundert wartet Liverpool auf einen Meistertitel. Seit Einführung der Premier League 1992 konnte sich der ehemalige Rekordmeister kein einziges Mal in die Gewinnerliste eintragen. Alles andere haben die Reds in dieser Zeit irgendwann einmal gewonnen, diese verfluchte 19. Meisterschaft aber nicht.

Es ist eine schlichte Untertreibung, den FC Liverpool als einen Traditionsklub zu bezeichnen. Die Reds sind eine Religion. Mehr Mythos als die Anfield Road ist kaum darstellbar, das rote Trikot, die Scousers, "You’ll never walk alone". Es ist ein Sehnsuchtsort für alle Fussballromantiker, so sie denn nicht zufällig Fan des FC Everton oder von Manchester United sind.

Ein schlummernder Riese

Jürgen Klopp ist ein Bauchmensch. Einer, der motivieren und mitreissen kann, ein Menschenfänger im besten Sinn. Sie würden ihn vergöttern an der Anfield Road, mit seinem Arbeitercharme und seiner Geradlinigkeit. Und Klopp würde einen Nährboden vorfinden, der ihn so sehr erinnern würde an die Anfänge bei der Borussia.

Da hat er mit einem Klub am Rande des Kollaps eine Sensation vollbracht, weil er imstande war, die vielen kleinen Mosaiksteinchen zu einem grossen Bild zusammenzusetzen. Und weil er die schlummernden Potenziale in allen Winkeln der Borussia wachgerüttelt und zu Höchstleistungen getrieben hat. So ähnlich würde man es sich in Liverpool auch wünschen.

Mit Rodgers hat Liverpool die Stossrichtung vorgegeben, dem Trainer ist es nur nicht mehr gelungen, den Plan auch in die Wirklichkeit zu transportieren. Mit dem Nordiren holten sich die Bosse die vermeintliche Garantie auf erfrischenden, mutigen Offensivfussball ins Haus. Die Versatzstücke kann man immer noch erkennen, nur als grosses Ganzes funktionierte seit mehr als einem Jahr kaum noch etwas.

Klopp fände sehr viele Dinge vor, die über einen blossen Ansatz hinausgehen. Liverpool muss im Vergleich zu den anderen Topklubs der Insel wieder eine sportliche Identität schaffen. United ist mit Louis van Gaal bereits auf dem Weg, Chelsea hat und vertraut weiterhin Mourinho, City hat die spektakulärsten Einzelspieler und Arsenal den ewigen Wenger-Fussball. Kaum jemand könnte das besser und wohl auch schneller als Klopp; zumindest, wenn man sich an seiner Arbeit in Dortmund orientiert.

Sabbatjahr oder neues Abenteuer?

Klopps Idee des ehrlichen Malocherfussballs mit Leidenschaft und Emotionen passt hervorragend zu dem, was sich die Fans in Anfield wünschen. Dazu kommen so genannte weiche Faktoren, die in Deutschland eher vernachlässigt werden, in England aber einen grossen Stellenwert haben. Klopps Sinn für Humor, seine Art, den Fussball nicht immer bierernst zu nehmen. Das gefällt den Engländern.

Von Seiten der Klubführung bekäme Klopp wohl nicht nur jede Menge Zeit und Geld, sondern auch eine ganz besondere Form der Rückendeckung. Der Trainer, der es an der Anfield Road besonders gut versteht, die Fans zu packen, eine Symbiose zwischen Anhängerschaft und Klub zu bilden und damit die wenig geliebten Besitzer aus den USA zu Randerscheinungen zu degradieren, der verschafft sich einen besonders grossen Vertrauensvorschuss.

Dass Klopp unlängst nur Deutschland oder eben die Premier League als Schaffensort auserkoren hat, macht die Verknüpfung nur noch lebendiger. Unter den vielen haltlosen Gerüchten und Geschichtchen, mit denen die Yellow Press jeden Tag ihre Leser versorgt, ist die Konstellation Klopp und Liverpool fast schon zu nachvollziehbar. Es gibt zumindest keinen Grund für die Reds, sich nicht mit dem Deutschen als möglichen Trainer zu beschäftigen.

Die Entscheidung dürfte im Prinzip einzig bei Klopp liegen und inwieweit er sich von seinem gerade erst begonnenen Sabbatjahr schon wieder trennen könnte. Sehr viele veritable Kontrahenten gibt der Trainermarkt momentan nicht her. Der Italiener Carlo Ancelotti dürfte noch die besten Chancen haben. Es kursieren aber bereits Gerüchte, wonach Ancelotti den Reds bereits abgesagt hätte.

Den FC Liverpool drängt die Zeit. Die Mannschaft muss schnell den Anschluss nach oben schaffen und sie muss auf dem Weg dorthin nichts weniger tun, als endlich wieder vernünftigen, durchdachten Fussball zu spielen. Zur Bewältigung dieser beiden monströsen Aufgaben bedarf es eines überragenden Trainers. Eigentlich kann es dafür derzeit nur einen geben.