Langsam kommt der Fussball in Europa wieder ins Rollen. Nach der Bundesliga haben sich nun auch England, Italien und Spanien für einen "Restart" entschieden. Allerdings wird dieser die finanziellen Löcher, die die Krise bereits in den Klubfussball gerissen hat, nicht vollständig stopfen. Neue Investoren könnten das zu ihrem Vorteil nutzen.

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Die Übernahme von Newcastle United durch ein saudi-arabisches Konsortium steht seit Wochen auf der Kippe. Sollte die Premier League die Genehmigung erteilen, wäre sie ein Paradebeispiel für das Engagement von Autokratien im europäischen Fussball. Newcastle ist allerdings nicht der erste und wohl auch nicht der letzte Klub, der Investoren in die Hände fällt.

Im europäischen Spitzenfussball sind seit geraumer Zeit nicht nur Oligarchen und andere Mäzene involviert, sondern verstärkt auch Staaten, die als Investoren auftreten. Der Public Investment Fund, der Newcastle United übernehmen soll, ist vielleicht auf dem Papier unabhängig vom saudischen Staat, aber der Vorsitzende dieses Investmentfonds ist Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MBS.

Der saudische Regent unternimmt immer mehr Versuche, sich den Spitzensport zunutze zu machen. Im vergangenen Sommer wurde der spanische Supercup in Saudi-Arabien ausgetragen, wenige Monate später dann der Weltmeisterschaftskampf im Boxen zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz. Auch World Wrestling Entertainment ist regelmässig zu Gast im Golfstaat.

Bevor die Verhandlungen mit dem jetzigen Newcastle-Besitzer Mike Ashley aufgenommen wurden, hegten die Saudis lange Interesse an Manchester United. Allerdings waren die Forderungen der Glazer-Familie, die mit ihrem Aktienpaket Entscheidungsgewalt bei United hat, derart hoch, dass sich MBS und seine Clique um den strauchelnden Traditionsklub Newcastle bemühten.

Golfstaaten betreiben "Sportswashing"

Nun sind die Saudis im Vergleich zu Nachbarn in der Golfregion vergleichsweise spät auf die Idee gekommen, im Fussball einzusteigen. Denn bereits 2011 stieg etwa Katar, der grösste geopolitische Rivale Saudi-Arabiens, mit der Holding Qatar Sports Investments bei Paris Saint-Germain ein. Qatar Airways ist zudem Sponsor vom FC Bayern München und der AS Roma.

Real Madrid hat die Emirates-Airline aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) als Trikotsponsor. Aus den VAE haben sich zudem Abu Dhabi als Besitzer von Manchester City und Dubai als Finanzpartner von Stadtrivale Manchester United hervorgetan.

Im Zusammenhang mit dem Engagement von Abu Dhabi bei Manchester City hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International im Jahr 2018 erstmals den Begriff "Sportswashing" verwendet.

"Dabei versucht ein Land, den Sport - manchmal subtil, manchmal sehr offensichtlich - dazu zu nutzen, das eigene Image durch den Glanz und das Prestige aufzupolieren. Es geht im Grunde genommen um gute PR", erklärt Kate Allen, die britische Direktorin von Amnesty, im Gespräch.

Saudi-Arabien will Reputation aufbessern

Wenn also MBS den Fussball nutzt, um etwa die Reputation Saudi-Arabiens, die in der westlichen Welt nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 schwer gelitten hat, aufzupolieren, dann ist das ein klarer Fall von "Sportswashing".

Wenn jedoch ein reicher Oligarch wie Dmitri Rybolowlew den AS Monaco kauft oder Dietmar Hopp seinem Jugendverein TSG Hoffenheim viel Geld zur Verfügung stellt, um in die Bundesliga zu gelangen, dann stecken dahinter keine politischen Motive.

Bei Saudi-Arabien ist das anders. "Es ist das bekannteste Beispiel von 'Sportswashing' aufgrund der zeitlichen Überlappung zwischen der Austragung von hochkarätigen Sportveranstaltungen und der Inhaftierung von Menschenrechtsaktivisten im Land", bewertet Allen.

Ganz neu ist das natürlich nicht, denn Politik und Sport sind schon lange miteinander vernetzt. Allen sagt: "Viele Jahrzehnte haben Regierungen es bereits verstanden, die Kraft des Sports auf das Image des eigenen Landes zu projizieren - man denke nur an Hitlers Olympische Spiele in Berlin 1936 oder die Fussballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien, das von einer Militärdiktatur regiert wurde."

Europas Fussball wegen Corona in Schwierigkeiten

Ebenso verhält es sich im Klubfussball, in dem es mittlerweile gang und gäbe ist, dass Geldgeber aus autokratischen Ländern ihren Platz in den Entscheidungsetagen und VIP-Lounges erkauft haben. Aufgrund der Coronakrise könnte dieser Trend noch weiter verstärkt werden.

In Europa befinden sich ganze Ligen in finanziellen Schwierigkeiten. Die Business-Analysten von Vysyble haben ermittelt, dass europäische Top-Klubs bis zu 3,8 Milliarden Euro verlieren könnten, selbst wenn die Ligen zu Ende gespielt werden. Die Premier League allein wird eventuell eine Milliarde einbüssen, da sie den Rest der aktuellen und womöglich auch die gesamte kommende Spielzeit ohne Zuschauer austragen wird.

Die grossen Klubs würden dabei in absoluten Zahlen natürlich am meisten verlieren. Vysyble hat für Arsenal ein Minus von 132 und für Manchester United von 153 Millionen Euro errechnet. Gerade die Finanzberichte von United deuten darauf hin, dass es dem einstmals umsatzstärksten Klub der Welt lange nicht mehr so rosig geht.

In anderen Ländern ist die Situation jedoch noch um einiges existenzieller. Die niederländische Eredivisie sowie die französische Ligue 1 haben ihre Saisons bereits vorfristig beendet und unternehmen anders als die Premier League oder auch die italienische Serie A nicht den Versuch, den Spielbetrieb fortzusetzen.

Aus diesem Grund musste der französische Ligaverband für die ersten beiden Spielklassen ein Darlehen von 225 Millionen Euro beantragen, wie "lequipe.fr" berichtet. In der Ligue 1 sollen 17 Vereine vom Bankrott bedroht sein. Lediglich PSG, Monaco und Olympique Lyon sind finanziell abgesichert.

Eine "Übernahmewelle" auch im Fussball?

Das öffnet die Türen für neue Investoren, die trotz der grossen Krise finanziell liquide sind. Sie stammen deshalb wohl nicht aus Europa, aber womöglich aus den Ölregionen oder auch manch autokratischem Staat. Nicht nur aus PR-Sicht würde ein Einstieg im europäischen Fussball eventuell sinnvoll sein, auch die Investments wären verhältnismässig gering.

"Der Fussball unterscheidet sich nicht von der Normalwirtschaft. Eine geringe Bewertung oder finanzielle Engpässe von Klubs können von potenziellen Mehrheitsinvestoren als Schnäppchen angesehen werden", sagt Christoph Breuer, Wirtschaftsprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln.

In der Normalwirtschaft hatte beispielsweise Andreas Mundt, der Chef des Bundeskartellamts, bereits die Befürchtung geäussert, dass sich Investoren die finanziellen Probleme von Unternehmen zunutze machen könnten. "Es kann durchaus eine Übernahmewelle geben", sagte Mundt kürzlich der "Süddeutschen Zeitung".

Dieses Szenario lässt sich auf den Fussball in Europa übertragen. In Deutschland erlaubt die 50+1-Regel noch keine Übernahme von Mehrheitsanteilen an den ausgelagerten Fussballmannschaften in der Bundesliga, die im Besitz ihrer eigentlichen Vereine bleiben müssen.

Trotzdem spielen etwa Sponsoren aus autokratischen Staaten eine zunehmend exponierte Rolle. Der russische Erdgasgigant Gazprom und sein Engagement beim FC Schalke 04 oder auch die Beziehungen zwischen Bayern München und Katar sind dabei die prominentesten Beispiele.

Darüber hinaus wird im Zuge der wirtschaftlichen Krise auch die Debatte um das 50+1-Dogma weiter angefacht. "Man muss den Fakt sehen, dass die 50+1-Regel jetzt bestimmten Vereinen nicht geholfen hat", sagte Bayern-Präsident Herbert Hainer im Interview mit dem ZDF Anfang Mai.

Ein Umdenken notwendig

Natürlich wäre das nicht im Sinne jener, die sich eigentlich wünschen, dass die Premier League und die spanische La Liga eher dem deutschen Modell folgen und anderweitige Restriktionen in ihre Regularien integrieren, damit gerade Investoren, die mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung stehen, kein Zugang gewährt wird.

Ansonsten kommt es darauf an, dass sich die Beteiligten in den Klubs und deren Umfeld gegen etwaige Übernahmen wehren. "Es gibt keine Garantie, dass es dafür gute Publicity gibt. Genau das Gegenteil ist manchmal der Fall, wie der Aufschrei hinsichtlich Saudi-Arabien und Newcastle zeigt. Die Einstellung der Leute verändert sich", hofft Allen von Amnesty.

Ob diese Hoffnung allerdings erfüllt wird, wenn die Existenz von Klubs auf dem Spiel steht und ein Geldgeber eine gesicherte Zukunft oder wie im Fall Newcastle sogar den Sturm an die Spitze Europas verspricht, das bleibt doch mehr als fraglich. Ein neues Zeitalter von "Sportswashing" könnte durch Corona anbrechen.

Über die Expertin: Kate Allen ist die Direktorin von Amnesty International UK.

Verwendete Quellen:

  • L’Equipe: Le prêt qui permet à la LFP de secourir les clubs
  • Süddeutsche Zeitung: Kartellamt rechnet mit Übernahmewelle
  • ZDF: Herbert Hainer: 50+1-Regel überdenken
  • Marc Rohde und Christoph Breuer: The market for football club investors: a review of theory and empirical evidence from professional European football, in European Sport Management Quarterly 3/2017, S. 265-289
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