Viele Fans gehen wegen der WM 2006 auf die Barrikaden: "Macht unser Sommermärchen nicht kaputt!", heisst es. In dieser emotionalen Forderung schwingt falscher Stolz mit.

Ein Kommentar
von Michael Wollny

Stadionbesuch am Wochenende: FC Bayern München gegen den 1. FC Köln. 4:0. Keine besonderen Vorkommnisse. Ausser vielleicht die Diskussion meiner Sitznachbarn. Es ging um die WM 2006 und die Überzeugung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Die WM 2006 gekauft? Beschuldigt auch Franz Beckenbauer, unser sakrosankter Sommermärchenonkel aus München, als Mitglied einer ominösen Nadelstreifen-Kamarilla? - Geh weida, Oida!

Na gut, zutrauen würde man's "denen da oben" ja schon. Aber selbst wenn! - Wen juckt's? Die ganze Welt ist doch korrupt! Und wir Deutschen haben aus diesem Filz wenigstens noch das Schönste gebastelt, was diese Welt bis dato je gesehen hatte - zumindest seit 1982, als wir mit Nicole beim Eurovision Song Contest den Planeten ein bisschen friedlicher und freudiger gemacht hatten.


Macht unser Märchen nicht madig!

Also macht uns jetzt bitteschön unseren Sommer 2006 nicht madig, zu einem Märchen gehört nun mal ein verdammtes Happy End!

Es passte, dass diese Diskussion hier geführt wurde, in der WM-Arena im Münchner Norden, wo am 9. Juni 2006 alles begonnen hatte. Die DFB-Elf besiegte Costa Rica und in der Folge ganz Deutschland vor den erstaunten Augen der Welt seine historischen Komplexe. Aus Begeisterung wurde schwarz-rot-geile Massenhysterie, es bepinselten sich Menschen die Gesichter, die von Fussball so viel Ahnung hatten, wie Nicole von Speed-Metal. Hauptsache man war Teil des Ganzen. Party-Codewort: "Schland!".

Was ich in der Allianz-Arena gehört habe, lese ich auch in den sozialen Netzwerken: Diese lästigen Fragen nach ein paar Milliönchen machen unser Sommermärchen kaputt! Was kommt Ihr jetzt damit ums Eck? Schwamm drüber! Man möchte diesen Empörten die Klatschpappe aus der Hand reissen und um die Ohren hauen: Wacht mal auf!


Es geht schliesslich nicht darum, was Deutschland aus dieser WM gemacht hatte. Es geht darum, was die Fifa aus diesem Sport gemacht hat. Und es wird sich noch zeigen, wie tief der DFB selbst in Mauscheleien und Machenschaften verstrickt war.

Die spektakuläre Sprachlosigkeit des zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach sprach schon vor Wochen jedenfalls für sich.

Alle Finger zeigen auf Katar

Es war einfach, mit dem Finger auf Katar zu zeigen, wo sich in einer völlig absurden WM-Vergabe endgültig zügellose Gier und abstossender Zynismus im Weltfussball offenbarten.

Doch nun rückte Deutschland in den Fokus der Ermittlungen - und das ist gut so. Es ist kein Affront, keine plumpe Schlechtmacherei des Sommermärchens. Es ist schlichtweg Aufklärung.

Es wäre naiv zu glauben, dass Deutschland den Korruptionssumpf der Fifa mit blütenweissen Stutzen umdribbeln konnte, ohne sich dabei schmutzig zu machen.


Sepp Blatter führte den Fussball-Weltverband schliesslich mit dem Businessplan eines Don Corleone: "Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann."

Wer nun aber vor der WM 2006 wem was angeboten und wer was und wofür angenommen hat, wird geklärt werden. Die Tage scheinen gezählt, da sich Seilschaften im Verborgenen knüpfen konnten.

Es werde Licht im Dunkel

Mit dem fragwürdigen Prolog zum Sommermärchen vertreibt nun eventuell ein weiterer Scheinwerfer die Schatten und legt offen, was sich bislang im Diffusen versteckt hatte.


Die Eindrücke der WM 2006 und was Gäste und Gastgeber daraus machten, wird die Affäre nicht zerstören. Damals hat ein begeisterndes Land ungeahnte Sympathien gewonnen.

Der moderne Fussball hingegen hat schon lange verloren - irgendwann mal seine Unschuld und dann die Glaubwürdigkeit. Nun also die Enthüllungen, mit neuem Licht in altem Dunkel.

Ich bin Fussballfan, so wie meine Sitznachbarn in der Allianz-Arena. Uns sollte die Überzeugung einen, dass der Fussball trotz Intrigen und Korruption noch nicht verloren ist.

Denn wo alle Hoffnung endet, da beginnt die Zuversicht.

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