Ich schwöre, ich hatte mir für diese Woche vorgenommen, nicht über die Bundestagswahl zu schreiben. Meine Themen sollten Fussball, Reality TV, Cathy Hummels und die vor der Tür stehende Fashion Week Berlin sein. Vielleicht noch ein bisschen Vorfreude auf "Sommerhaus der Stars". Endlich mal wieder leichte Themen.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
von Marie von den Benken
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Hier ein kleiner Lacher über absurde Modetrends, dort ein kleiner Lacher über "Love Island". Aber da hatte ich die Rechnung – so formuliert es der Volksmund – ohne den Wirt gemacht. Oder besser gesagt: Ohne den Friedrich Merz.

Ja, genau. Der bodenständige Sauerländer, der vor knapp einem Jahr noch selbst Kanzler werden wollte und auch das CDU interne Rennen um den Parteivorsitz gegen Armin Laschet verlor, ist jetzt, Treppenwitz ick hör dir trapsen, im Zukunftsteam von Armin Laschet.

Seine Aufgabe dort und wie er die CDU retten soll ist nicht ganz klar. Vielleicht ist Friedrich Merz dafür da, Bodenständigkeit zurück in eine Partei zu bringen, die zuletzt dramatisch in allen Umfragen abgeschmiert ist.

Immerhin hält er sich nur zwei Privatjets und gilt daher in der Partei der Maskendeals als überdurchschnittlich volksnah. Exakte Angaben zu seiner finanziellen Situation gibt es übrigens nicht, da Merz gerne gegen die Offenlegung seiner Nebeneinkünfte klagt.

Gut, Merz kennt bisher die Namen seiner Kollegen und Kolleginnen im Zukunftsteam von "Mr. 19%" Armin Laschet nicht. Aber das ist nicht verwunderlich. Merz ist grundsätzlich eher schlecht mit Namen, solange es nicht sein eigener ist. Beobachter der Polit-Szene sind immer wieder erstaunt, dass er überhaupt den Namen Armin Laschet kennt.

Rot-Rot-Grün sind alle meine Verbotskleider

Olaf Scholz hingegen, der aktuelle Golden Boy der Umfrage-Ergebnisse, vermeidet es nach wie vor konsequent, die vier Worte "Ich mache es nicht!" auszusprechen. Natürlich nicht in Bezug auf den Trainerposten beim HSV, sondern hinsichtlich einer möglichen Koalition mit der Partei Die Linke, um nach der Bundestagswahl eine Rot-Rot-Grüne Regierungsmehrheit zu bilden.

Ich mache es nicht, oder wie der Adam Riese der Spitzenpolitik, Armin Laschet, sagt: "Drei Worte". Scholz stellt zwar sehr vehement und nachdrücklich klar, er würde "nicht mit jemandem koalieren, der kein klares Bekenntnis zur NATO, zu solidem Haushalten und zur transatlantischen Partnerschaft" hätte. Diese laut Scholz unverhandelbaren Gemeinsamkeiten erfüllt Die Linke nicht.

Konkreter wird er aber überraschenderweise nicht. Scholz sagt also eigentlich, er würde nie mit den Linken regieren, ohne zu sagen, er würde nie mit den Linken regieren. Das öffnet allerdings, das werden auch er und seine zuletzt oft hochgelobten Kampagnenmacher wissen, eine Flanke, die von Laschet-Notärzten in den Verlagshäusern umgehend zur Wiederbelebung der eingebrochenen Kanzler-Hoffnung der Union genutzt wird.

Olaf Scholz will mit den Linken regieren, heisst es da plötzlich auf den Titelseiten und Clickbait-Artikeln. Die wirklich allerletzte Patrone in der Trommel des Unionsrevolvers. Angst vor einem Sozialismus, in dem kein Geld mehr an die Bundeswehr fliesst, Industrie verstaatlicht und Vermögen umverteilt werden, zieht bei einer bestimmten Klientel immer.

Nur scheint es so, als hätte die Wirksamkeit von Kampagnen, die Verlage zugunsten eines Kandidaten zünden, drastisch nachgelassen. Je hysterischer man in den wort- und verzweiflungsreichen Märchen der Ex-Meinungsmacher-Medien den rot-rot-grünen Scholz-Zug in den Bahnhof der Neo-DDR einfahren lässt, umso besser werden seine Umfragewerte.

Beinahe wirkt es so, als wäre Deutschland inzwischen endlich das, was viele seit Jahren beschwören: Nicht so dumm, wie man in den Chefetagen der grossen Boulevard-Zeitungen glaubt.

Mein Name ist Merz, andere Namen benötigen Sie nicht

Scholz jedenfalls bleibt bislang unbeschadet von den deprimierend hoffnungslos klingenden Notbremse-Versuchen, in denen er zum neuen Erich Honecker stilisiert wird. Sein Vorsprung wächst. Er hat es aber auch leicht.

Den vehementen Versuchen zu, Trotz, Laschet zum Sieger des Triells hoch zu fantasieren, leistet ihm die CDU weiterhin stabil Wahlkampfhilfe. Diese Woche zum Beispiel in Form des neuen Zukunftsteams. Das sind acht mehr oder weniger bekannte Politiker und Politikerinnen, die Armin Laschet endlich zu einem Kandidaten mit Format, Ideen und Lösungen teamworken sollen.

Wenn man Friedrich Merz fragt, der natürlich als Mann der CDU-Zukunft und beinharten Kämpfer für das 1,5 Grad Klimaziel im inoffiziellen Schattenkabinett von Laschet nicht fehlen darf, sind diese acht Rettungsringe übrigens absolut unbekannt.

Mal von ihm selbst abgesehen. Konkret sind sie sogar so irrelevant, dass er die Namen seiner Kollegen und Kolleginnen in einem TV-Interview nicht aufzählen kann und uns damit nach seinen spektakulär missglückten Showdowns gegen Luisa Neubauer und Robert Habeck in den Talkshows der jüngeren Vergangenheit einen weiteren Fremdscham-Moment der TV-Geschichte beschert.

Verdenken kann ich es dem Verbrennungsmotor des Politikgeschäfts allerdings nicht. Beim momentanen Zustand der CDU ist es fast verwunderlich, dass nicht auch Hans-Georg Maassen, Nena und Stefan Homburg in Laschets Zukunftsteam gelandet sind.

Nena war mal so eine Art Schlagersängerin mit besseren Texten und Homburg war mal Wissenschaftler. Nena fordert heute Menschen im Publikum auf, alle Corona-Regeln zu missachten, Homburg droht Journalisten Prügel an. Nena gilt in der Entertainment-Branche schon länger als verhaltensauffällig, Homburg wird in seriösen Medien- und Wissenschaftskreisen nur noch "Humbug" genannt.

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Til Schweiger, der Prophet unter den Querdenkern

Um dem Wahlkampf zwischen Corona-Pandemie, Angst vor Altersarmut und Klimawandel die richtige Würze zu verleihen, meldet sich diese Woche dann auch noch Volljurist Til Schweiger zu Wort und beklagt "Grundrechtseinschränkungen". Oder vielleicht auch "GrundRechtsEinschränkungen", seinen neuen Blockbuster für die ganze ungeimpfte Familie.

Nun möchte man vermuten, besonders Til Schweiger kenne mit schmerzhaften Einschränkungen aus. Immerhin hatte er sich unlängst mit Desinformations-Blogger Boris Reitschuster zu einem intellektuellen Gedanken-Ping-Pong getroffen, um endlich mal ein Zeichen zu setzen gegen die Merkel-Diktatur und die Corona-Legenden. Insofern nicht aussergewöhnlich überraschend, dass Schweiger sich nun auch offiziell nahtlos in die Expertenrunde Wendler, Hildmann, Naidoo einreiht.

Und als ob die politische Expertise von Professor Doktor "Honig im Kopf" nicht genug leidvoller Nachrichtencontent für die bundestagswahlelektrisierte Nation wäre, starten Markus Lanz und Richard David Precht ihren Buddy-Podcast "Unsere Witze, Hits und Gags machen viel mehr Spass als Sex" (Arbeitstitel) und Jan Böhmermann zieht sich mit einer schattigen Nase den Unmut der gesamten Panik-News-Industrie zu.

Darüber hinaus nennt er Olaf Scholz "Olaf CumEx Wirecard Warburg Rickmers Scholz". Sie sehen schon: Ein SPD-Wahlkämpfer ist er nicht. Ach ja, und: Die Woche birgt viel zu viel harte Realität für Hobby-Chronistinnen wie mich. Und da ist das Video "Zerstörung 2" von Internet-Querulant Rezo noch gar nicht mit eingerechnet.

Noch immer beleidigt darüber, dass der blauhaarige Digital-Rebell nicht einfach bei seiner Kernkompetenz bleibt (lustige Prank-Videos und bescheuerte Basecaps), sondern mit seinen Polit-Videos inzwischen eine grössere Reichweite erzeugt als alle "Laschet-ist-viel-besser-als-Scholz" Pamphlete zusammen, diskreditieren Teile der Medien ihn als wenig kompetent und gefährlichen Wahlkämpfer.

Und das, obwohl er in seinem knapp 40 Minuten langen Video mehr Fakten zum Klimawandel unterbringt als so manche ehemals relevante Tageszeitung im gesamten Kalenderjahr. Da verwundert es kaum, dass Armin Laschet sich nicht Rezo-zialisieren möchte.

Nächste Woche garantiert politikfrei. Wahrscheinlich.

In Rezos Video übrigens – das nur, bevor es jetzt wieder heisst, diese Kolumne wäre ein reines Wahlkampf-Plädoyer für Olaf Scholz – wird insbesondere die Klimapolitik der jüngsten Vergangenheit aufgearbeitet. Dabei kommen CDU und FDP schlechter weg als ein Schalke 04 Fan in Ebbe Sand Trikot auf der Dortmunder Südtribüne.

Aber auch in die (Regierungs-)Wunden der SPD wird Salz gestreut. Viele der drastisch unzureichenden Gesetze zur Einhaltung des Klimaziels haben Vizekanzler Scholz und seine SPD mitgetragen. Unzureichend, das sehen übrigens nicht nur die crazy Schulschwänzer von Frindays For Future so, sondern mittlerweile auch das Bundesverfassungsgericht.

Egal also, wie oft sich Armin Laschet auf Wahlkampf-Veranstaltungen von Querdenkern ohne Maske und Impfnachweis anbrüllen lässt, ohne dass die Security einschreitet oder mal auf den coronabedingten Mindestabstand hingewiesen wird: An Rezo liegt es nicht, dass die SPD in der berühmten Sonntagsfrage weiter zulegt.

Naja. Sorry an dieser Stelle. Anders als geplant gibt es diese Woche nämlich doch wieder ziemlich viel Politik. Ich verspreche aber, mir für die kommende Woche jetzt aber wirklich vorzunehmen, absolut ohne jegliche politischen Inhalte auszukommen. Ich hoffe, dass Til Schweiger bis dahin nicht so viele Interviews gibt und Friedrich Merz die Namen der Protagonisten des Zukunftsteams gelernt hat. Bis dann!