• Die Emotionen kochen nach dem heftigen Unfall von Max Verstappen in Silverstone über.
  • Der Red-Bull-Racing-Pilot hat nun nur noch acht Punkte Vorsprung auf Mercedes-Mann Hamilton.
  • Die Vergangenheit hat gezeigt: Ein Moment kann die Tonart eines Titelkampfs komplett ändern.

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Es gibt Momente, die das Verhältnis zwischen zwei Fahrern grundlegend verändern können. Ein kleiner Funke reicht, und es knallt. Und wenn es dann knallt, dann raucht es nicht, dann brennt es lichterloh.

Das hat in der Formel 1 Tradition, so war es zum Beispiel bei Nigel Mansell und Nelson Piquet. Bei Ayrton Senna und Alain Prost. Oder aber bei Michael Schumacher und Damon Hill oder Jacques Villeneuve. Ab einem gewissen Punkt setzt im Titelkampf der Verstand aus, das Ego gewinnt Oberhand, der Respekt geht flöten und der Hass fährt mit. Eine extrem brisante Mischung, welche die ganze Tonart eines Titelkampfs von jetzt auf gleich verschärfen kann.

Deshalb ist klar: Auch das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton 2021 hat das Zeug, in die Geschichte der Motorsport-Königsklasse einzugehen. Als Duell der Generationen, siebenmaliger Weltmeister gegen Herausforderer, Routinier gegen Emporkömmling, Platzhirsch gegen Hitzkopf hat es sowieso schon Potenzial für jede Menge Geschichten. Jetzt kommt auch noch der Titel-Faktor dazu.

Endlich auf Augenhöhe

Denn das ist die wichtigste Zutat: Beide können in dieser Saison auf Augenhöhe fahren. Lange hat Mercedes die Formel 1 nach Belieben dominiert, Verstappen kennt es als aktiver Fahrer gar nicht anders, er feierte sein Debüt 2015, als Lewis Hamilton zum zweiten Mal in Folge mit Mercedes den Titel holte.

Mit Red Bull Racing stiess das Jahrhunderttalent in den vergangenen Jahren immer mal wieder in die Phalanx der Silberpfeile vor, es kam auch zu direkten Duellen auf der Strecke, doch die waren mehr oder weniger harmlos, weil es – wenn überhaupt – mal um einen Rennsieg ging.

Verbal gab es durchaus Giftpfeile, als Hamilton zum Beispiel die Fahrweise des stürmischen und aufmüpfigen Verstappen nach einer Berührung in Mexiko 2019 offen kritisierte: "Bei Max ist es ziemlich wahrscheinlich, dass man mit ihm kollidiert, wenn man ihm nicht extra viel Platz lässt." Verstappen konterte, das sei ein "dummer Kommentar", er trage das lieber auf der Strecke aus: "Wenn sie wollen, dass ich hinter ihnen bleibe, dann ist es besser, direkt zuhause zu bleiben." Ein Vorgeplänkel, mehr nicht.

2021 ist alles anders

Nun hat Verstappen ein ähnlich starkes Auto wie Hamilton, wenn nicht sogar ein besseres. Und nun geht es zwischen den beiden um den Titel, nun geht es darum, wer der Bessere ist.

Es geht dabei natürlich auch um die Wachablösung bei den Teams, alle sind am Limit. Heisst: Der Druck steigt, womit die Psyche in den Vordergrund rückt, denn Rennsport ist vor allem auch Kopfsache. Und das bedeutet: Wer zurückzieht, verliert, auch wenn es nur eine Szene, nur ein Moment ist. Was wiederum der Grund für den Zusammenstoss beim vergangenen Rennen in Silverstone ist. Es war dieser Moment, der sich durch einige enge Zweikämpfe in diesem Jahr mehr oder weniger angekündigt hat.

Crash bei 290 km/h und mit 51g

Es war die erste von 52 Runden, als es knallte. Als keiner klein beigeben wollte, Hamilton mit seinem linken Vorderrad Verstappens rechtes Hinterrad berührte und den Niederländer in der Highspeed-Kurve "Copse" bei 290 km/ in die Streckenbegrenzung schoss. 51g, das 51fache des eigenen Körpergewichts, wirkte dabei auf den 23-Jährigen ein.

Während Verstappen im Krankenhaus untersucht (und später entlassen) wurde, fuhr Hamilton zum Sieg und liess sich von den 140.000 Fans feiern. Von der gegen ihn verhängten Zehnsekunden-Strafe wegen des Crashs liess er sich nicht aufhalten. Womit er den Rückstand auf Verstappen nach zehn von 23 Rennen auf acht Punkte verkürzt hat.

Und wie das so ist bei Spannungen, die sich über Monate aufbauen, entlud sich alles in Rekordzeit in alle erdenklichen Richtungen. Die Emotionen kochten nicht nur hoch, sie kochten über. Ein Verhältnis, das zuvor von gegenseitigem Respekt geprägt war, droht jetzt aus den Fugen zu geraten. Mindestens aber setzt der Crash die Tonalität der kommenden Wochen.

Ein Thema war die Strafe: Unfälle in der Formel 1 werden gerne so kontrovers diskutiert wie Handspiele im Fussball. Hamilton war bei dem Crash "überwiegend schuldig. Man hat ihn nicht als Alleinschuldigen gesehen. Aber als überwiegend schuldig, weil er sich weiter innen hätte halten können", sagte Rennleiter Michael Masi.

Die zweitmildeste der breiten Strafenpalette gab es, weil die Sportkommissare das Vergehen für sich bewerten und nicht die Folgen des Unfalls. "Das hilft uns überhaupt nicht und wird dem gefährlichen Manöver von Lewis auf der Strecke nicht gerecht", schrieb Verstappen auf Twitter.

Ein zweiter Punkt war der feiernde Hamilton: "Die Feierlichkeiten zu sehen, während ich noch im Krankenhaus war, war respektlos und unsportlich", schrieb Verstappen.

Jeder schiesst gegen Jeden

Der Niederländer schoss gegen Hamilton, der wehrte sich. "Ich glaube nicht, dass ich mich entschuldigen muss. Was wir dort draussen machen, ist Racing", sagte er auf der Pressekonferenz und stellte klar: "Es hat sowieso jeder eine andere Meinung und es interessiert mich auch nicht wirklich, was andere Leute denken."

Auch zwischen den Teams wurde es emotional, Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko forderte eine Strafe für Hamilton, sprach von einem niveaulosen Verhalten, den Sieg so zu feiern. Teamchef Christian Horner wiederum nannte das Manöver Hamiltons verzweifelt und amateurhaft.

Mittendrin sorgen rassistische Kommentare gegen Hamilton für die abgrundtief hässliche Seite des Zoffs. Ein Umstand, der unter den Rivalen für Einigkeit sorgt: "Wir mögen erbitterte Rivalen auf der Strecke sein, aber wir stehen zusammen gegen Rassismus", teilte Red Bull Racing via Twitter mit und betonte, man sei "angewidert".

Kaputte Männer-Freundschaften

Fakt ist: Solch ein intensiver Streit auf und abseits der Strecke hatte schon in der Vergangenheit das Potenzial, Männer-Freundschaften zu zerstören. Hamilton kennt das: Das Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg zwischen 2013 und 2016 hat dazu geführt, dass sich die beiden einstigen Jugendfreunde heute nichts mehr zu sagen haben. Auch dieser Zweikampf ist in die Geschichte eingegangen.

Nichts mehr zu sagen hat Jos Verstappen, Vater des WM-Spitzenreiters, Mercedes-Sportchef Toto Wolff. "Wir hatten seit Jahren einen guten Kontakt, er rief immer wieder an und schmierte uns Honig ums Maul. Ich glaube, jeder weiss warum", sagte Verstappen mit Blick auf die früheren Bemühungen von Mercedes um die Dienste des Toptalents im Gespräch mit der TZ München und dem Münchner Merkur: "Gestern (am Tag nach dem Rennen, Anm. d. Red.) meldete er sich nicht. Das zeigt, welchen Charakter er hat. Er braucht jetzt nicht mehr anzurufen." Marko sprach süffisant vom "Stil des Hauses" Mercedes.

Zwei für einen Tango

Wolff nahm derweil seinen Fahrer in Schutz. "Man braucht immer zwei für einen Tango", stellte der Österreicher bei Sky klar. "Es gibt nichts zu besprechen. Sie haben ihre Sicht, wir unsere, das muss man respektieren", sagte Wolff.

Und dann kam sie, die Frage nach dem Vergleich, an den viele Formel-1-Fans sofort denken. Kann es zu Situationen kommen wie bei Prost und Senna? Wolff: "Ich bin bereit dafür. Let's go for this". Der Startschuss dürfte in Silverstone tatsächlich bereits gefallen sein. Denn das war einer dieser Momente, die das Verhältnis zwischen zwei Fahrern grundlegend verändern können.

Verwendete Quellen:

  • Twitteraccount von Max Verstappen
  • Medienrunde Rennleiter Michael Masi
  • TV-Übertragung von Sky
  • motorsport.com: "Dummer Kommentar": Verstappen reagiert auf Hamiltons Mexiko-Kritik
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