Weil er den Arztkoffer des Gegners erregt vom Platz schleudert, sieht Leipzigs Kapitän Willi Orban die Gelbe Karte. Zu Recht? Hamburgs Torwart René Adler räumt derweil einen Gegner ähnlich resolut ab wie Manuel Neuer im WM-Finale.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt

Die Fussball-Bundesliga hat in ihrer langen Geschichte schon so manche kuriose Verwarnung gesehen. Im Spiel zwischen RB Leipzig und dem Hamburger SV (0:3) kam nun eine weitere hinzu.

Erhalten hat sie der Kapitän der Gastgeber, Willi Orban - weil er den Medizinkoffer der Gäste wütend durch die Gegend warf. Eine richtige Entscheidung von Schiedsrichter Sascha Stegemann?

Orban selbst gab sich nach dem Abpfiff jedenfalls selbstkritisch. Er hätte sich "etwas cooler" und "nicht so emotional" verhalten müssen, räumte er ein.

Noch deutlicher wurde Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick, der von einer "Dummheit" und "Schwachsinn" sprach. Die Gelbe Karte wiegt umso schwerer, da es Orbans fünfte war. Im nächsten Spiel ist er deshalb gesperrt.

Vorausgegangen war der Verwarnung dies: Orban hatte in einem harten, aber fairen Zweikampf mit Nicolai Müller in der Nähe der Seitenlinie den Ball gespielt. Müller hatte sich dabei jedoch weh getan, weshalb der Unparteiische in der nächsten Spielunterbrechung das medizinische Personal der Hamburger auf den Platz rief.

Respektloses Verhalten von Orban

Willi Orban ging die folgende Behandlung von Müller offensichtlich nicht schnell genug. Angesichts der 2:0-Führung für den HSV witterte er eine Spielverzögerung.

Also warf er, kaum dass Müller wieder auf den Beinen stand, kurzerhand das Arztköfferchen der Norddeutschen in hohem Bogen vom Feld. Krachend schlug es jenseits der Seitenlinie auf, Teile des Inhalts purzelten hinaus.

Damit erreichte Orban das genaue Gegenteil dessen, was er beabsichtigt hatte. Denn nun dauerte es noch länger, bis das Spiel weitergehen konnte.

Die Hamburger beschwerten sich lautstark über diese Aktion, es kam zu einer Rudelbildung. Schiedsrichter Stegemann musste gemeinsam mit seinem Assistenten die Gemüter beruhigen.

Schliesslich rief der Referee den Leipziger Kapitän zu sich, richtete unmissverständliche Worte an ihn und zeigte ihm die Gelbe Karte. Denn Orban hatte sich laut Regel 12 einer Unsportlichkeit schuldig gemacht, genauer gesagt: Er hatte sich dem Spiel gegenüber "respektlos verhalten".

Das ist zwar ein Gummiparagraf, doch Orbans Kofferwurf fällt zweifellos unter dieses Vergehen. Die Gelbe Karte war daher folgerichtig.

Adler wie Neuer im WM-Finale

Aufregung gab es auch in der 88. Minute, als der Hamburger Torhüter René Adler in seinem Strafraum einen weiten Ball knapp vor Davie Selke im Herauslaufen erreichte und wegfaustete. Dabei räumte er den Leipziger Angreifer jedoch derart ab, dass dieser verletzt liegen blieb.

Der Unparteiische liess weiterspielen, weil die Faustabwehr von Adler klar vor dessen Kontakt mit Selke lag. Die Szene erinnerte ein wenig an Manuel Neuers resolute Klärungsaktion gegen den Argentinier Gonzalo Higuain im WM-Finale 2014. Auch damals hatte der Referee nichts beanstandet.

Der DFB hingegen erklärte seinerzeit, es hätte einen Elfmeter und die Gelbe Karte für den deutschen Torwart geben müssen. Denn dieser sei "mit übermässigem Körpereinsatz in den Zweikampf" gegangen und habe "zwar den Ball gespielt, dabei aber voll den Gegner erwischt".

Bei Adler war es am Samstag ähnlich, deshalb hätte sich der HSV über einen Strafstoss nicht beklagen können.

Für die Schiedsrichter - die nun mal keine Zeitlupe zur Verfügung haben - sind solche Szenen allerdings äusserst schwierig einzuschätzen. Denn nicht nur die Torhüter, sondern auch die Stürmer gehen dabei sowohl mit viel Schwung als auch mit einigem Risiko zu Werke.

Die Schlussmänner springen oft mit dem Knie voraus in den Kampf um den Ball. Als Teil einer natürlichen Bewegung oder um den Gegner auf Distanz zu halten? Genau das ist eben oft nicht leicht zu bestimmen.