Zum Trainingsauftakt Borussia Dortmunds wird klar: Der erste Herausforderer des FC Bayern München wird improvisieren müssen. Reicht das für die Meisterschaft?

Eine Kolumne
von Christopher Giogios
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BVB-Youngster Erling Haaland hat seine Saisonerwartungen auf den Punkt gebracht. Im "Sport Bild"-Interview stellte der Torjäger zwei Dinge fest. Erstens: der BVB habe die Qualität, um Meister zu werden. Zweitens: es genüge aber natürlich nicht, bloss darüber zu reden. In Dortmund würde man wohl sagen: "Wichtig is' auf'm Platz".

Das klingt wesentlich selbstbewusster als bei Hans-Joachim Watzke. Der Vereinsboss will von Meisterschaftsambitionen, die etwa vor der vergangenen Saison geäussert worden waren, offensichtlich nichts mehr wissen. Stattdessen gab er an, zukünftig auf das (öffentliche) Verkünden solcher Ziele verzichten zu wollen. Gleichzeitig beklagte sich der 61-Jährige über die mediale Kritik, die auf den Verein eingeprasselt sei, als der die Meisterschaft verpasste.

Es ist das altbekannte Hin und Her bei der Borussia: Auch in der Saison 2018/19 wurde penibel auf das M-Wort verzichtet, obwohl Lucien Favres Mannschaft nach 15 Spieltagen einen Neun-Punkte-Vorsprung auf die Bayern aufwies. Wenige Monate später war der Platz an der Sonne an den Dauer-Rivalen verloren - und plötzlich hallte aus Dortmund der Ruf zum grossen Kampf um die Meisterschaft durch die Republik.

Es fällt dem Verein seit jeher schwer, eine klare Erwartungshaltung zu kommunizieren, an der sich die sportlichen Darbietungen das ganze Jahr über messen lassen. Umso erfrischender, dass gerade junge Spieler wie Haaland deutlich machen: die Borussen treten natürlich an, um die Meisterschaft zu gewinnen.

Wenige Transfers, viel Jugendarbeit

Doch wie steht es in der Saison 2020/21 um die Chancen diesbezüglich? In Sachen Transfers hat der BVB der angespannten wirtschaftlichen Lage Tribut gezollt. Mit der Verpflichtung von Thomas Meunier von Paris St. Germain hat der Klub aber zumindest den wichtigsten Abgang, Achraf Hakimi, hochkarätig ersetzt. Zwar interpretierte der marokkanische Nationalspieler seine Rolle auf der rechten Seite deutlich offensiver als der belgische Nationalspieler – allerdings dürfte Meunier mehr dem Geschmack Favres entsprechen, der für kontrollierten, ruhigen und bedachten Fussball steht.

Jude Bellingham hingegen, der 17-jährige Nachwuchs-Star von Birmingham City, steht sinnbildlich dafür, dass der BVB noch viel mehr als sonst auf die Jugend setzt und setzen muss.

Neben dem jungen Briten begrüsste Favre beim Trainingsauftakt auch Youssoufa Moukoko (15), Ansgar Knauff (18) und Immanuel Pherai (19) im Profitraining – ganz zu schweigen von Giovanni Reyna, der mit seinen 17 Jahren in der vergangenen Saison schon bewiesen hat, dass er fester Bestandteil des BVB-Kaders sein wird. Gerade die Entwicklung des US-Amerikaners zeigt, dass Favre es versteht, junge Spieler zügig an das Profiniveau heranzuführen.

Es fehlt die Erfahrung

Allerdings hat diese Philosophie auch ihre Schattenseiten. Mit einem derart talentierten Kader wird Borussia Dortmund sicher einige Mannschaften dominieren können. Allerdings braucht es Erfahrung, um am Ende vor einer derart dominierenden Mannschaft wie jener des FC Bayern zu stehen. Ausserdem brauchen die Dortmunder Jadon Sancho. Der Verbleib des begehrten Engländers ist nach wie vor ungeklärt.

Die Champions-League Qualifikation von Manchester United dürfte den BVB-Fans hinsichtlich dessen nicht geschmeckt haben. Denn Sancho soll klargestellt haben, nur für einen Verein aufzulaufen, der auch in der Königsklasse vertreten ist. Sofern sich die Red Devils auf die kolportierte Ablöseforderung in Höhe von 120 Millionen Euro einlassen, stünde einem Abgang also nicht mehr viel im Wege.

Für weitere Ernüchterung sorgt die neueste Hiobsbotschaft zur Verletzung von Kapitän Marco Reus. Der Verein gab bekannt, dass der 31-Jährige mit einer Sehnenentzündung weiterhin auf "unbestimmte Zeit" fehlen werde und den Start in die Vorbereitung verpasse.

Bei Reus, dessen ellenlange Krankenakte ja wohlbekannt ist, verheisst das nichts Gutes. Traditionell ist der BVB offensiv hervorragend besetzt. Aber es bleibt fraglich, ob die junge Offensive einen Abgang Sanchos und eine andauernde Verletzung ihres Kapitäns dauerhaft kompensieren könnte.

Watzke fährt unter diesen Voraussetzungen also gut damit, auf die grossen Kampfansagen in Richtung Süden zu verzichten. Ausserdem hat Haaland sie ihm ja auch abgenommen - zumindest zaghaft. Die Saison könnte eine Wundertüte werden.

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