• Hansi Flicks öffentliche Erklärung, den FC Bayern im Sommer verlassen zu wollen, sorgt für Unruhe beim Rekordmeister.
  • Die Bayern haben ihren wichtigsten Angestellten vergrault.
  • Nun stehen sie nicht wie erwartet vor einer neuen Ära - sondern vor einem pikanten Umbruch.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Bisher steht nur eine Absichtserklärung im Raum, Hansi Flick möchte seinen Arbeitsvertrag beim FC Bayern vorzeitig auflösen und schon im Sommer nicht mehr für den Rekordmeister arbeiten. Es ist faktisch also noch gar nichts passiert.

Vielleicht hat sich der FC Bayern auch deshalb dazu entschlossen, auf seiner Homepage nicht eine Silbe jenes Bebens in die Welt zu versenden (Stand: 12:50 Uhr), das den Klub seit Samstagabend um halb sechs erschüttert. (Anm. d. Red.: Inzwischen hat der FC Bayern reagiert. Hier geht's zum Artikel.)

Flick kündigt öffentlich - der FC Bayern schweigt

Keine Meldung zu Flicks Ankündigung, es wurde am Samstag nicht wie sonst üblich die Pressekonferenz nach einem Bundesligaspiel übertragen und es gab auch keine dieser Stimmen-Roundups, in der die eigenen und gegnerischen Protagonisten Stellung zum Spiel beziehen. Die Bayern stellen auf stumm.

Das gilt auch für die Bosse, die am Samstag offenbar kalt erwischt wurden von ihrem (Noch-)Trainer. Flick stellte sich unmittelbar nach dem 3:2-Sieg in Wolfsburg vor die Kameras, da waren die Granden schon auf dem Weg zum Privatflieger. Und ob der Fernseher irgendwo am Tegernsee, wo Uli Hoeness residiert, zu diesem Zeitpunkt noch lief, ist auch nicht überliefert.

Tatsache ist jedoch, dass von den Verantwortlichen noch keine Reaktionen eingetrudelt sind auf Flicks Alleingang. Denn als solchen muss man die Aktion wohl einordnen.

Flick setzt die Bayern unter Druck

Es gibt jedenfalls zwei Versionen, die bis jetzt kursieren. Flick habe ohne Wissen seiner Vorgesetzten gehandelt. Oder aber: Flick hätte den Bossen nach dem Champions-League-Aus seine Absicht erklärt, allerdings nicht deren Zeitpunkt der Veröffentlichung. So oder so sind die Münchener also kalt erwischt worden und müssen sich nun durch den Schutt wühlen, den Flick ihnen da auf den Hof gekippt hat.

Hansi Flick hat den FC Bayern ein weiteres, vielleicht letztes und sehr entscheidendes Mal überrumpelt. Schon in den letzten Wochen bestimmte Flick den Diskurs, andere würden sagen: Er zündelte ein wenig und nahm den möglichen Brand billigend in Kauf.

Nun hat sich der Trainer nach einem handelsüblichen Bundesligaspiel der Öffentlichkeit anvertraut, noch ehe er sich offenbar seinem Arbeitgeber anvertraut hätte. Oder mit ihnen eine Strategie besprochen hätte, wie diese nicht ganz unwichtige Sache den Fans beizubringen wäre.

Die Fans sind wütend - vor allem auf Salihamidzic

Die Reaktionen in den sozialen Medien in den Stunden danach waren eindeutig. Die Fans sind - gelinde gesagt - stinksauer. Einige wenige auf Flick, dem aus ihrer Sicht eine gewaltige Mitschuld an den Unruhen der letzten Wochen gegeben wird. Die überwältigende Mehrzahl aber sieht dessen Vorgesetzten in der Verantwortung für den Schaden, der jetzt schon entstanden ist.

Hasan Salihamidzic als Flicks Widerpart steht voll in der Schusslinie, die Fans arbeiten sich am Sportvorstand ab. Das ist nachvollziehbar, schliesslich waren es die verbalen Infights zwischen Flick und Salihamidzic, die es immer wieder und zuletzt auch immer öfter in die Öffentlichkeit schafften. Es ist aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn während Salihamidzic seit Monaten im Sturm steht, ist von anderen Protagonisten so gut wie nichts zu sehen oder zu hören.

Letzten Sonntag wagte sich Präsident Herbert Hainer in die TV-Sendung "Sky90" und versuchte sichtlich bemüht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Ein bisschen spät vielleicht nach den Vorgeschichten zwischen Flick und Salihamidzic.

Von Oliver Kahn, seit Januar immerhin Vorstandsmitglied, ist gar nichts mehr zu vernehmen.

Der Trainer darf bei Bayern nie zu gross werden

Früher hätte ein Machtwort von Uli Hoeness gereicht, aber der darf ja (offiziell) nicht mehr Einfluss nehmen. Seine Nachfolger konnten oder wollten nicht in der Art intervenieren. Vermutlich dürfte sich die Lesart durchsetzen, dass sie den Konflikt schwelen lassen wollten.

Die Probleme mit ihrem Trainer wurden offenbar immer grösser, Flick selbst ist nach dem erfolgreichsten Jahr der Klubgeschichte bei den Fans nahezu unantastbar. Beim FC Bayern ist es aber gute Sitte, einen Trainer nie zu gross werden zu lassen. Das mussten vor Flick auch schon andere erfahren. Also schritten die Bosse nicht ein.

Die Causa Alexander Nübel wäre schnell zu lösen gewesen mit einer eindeutigen Aussage über die angeblich zugesicherten Einsatzzeiten des Keepers. Im Ringen um Jerome Boateng hätte eine saubere Kommunikation die Sache sauber regeln können.

Vereinsfunktionäre schweigen

Und wer aufgepasst hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass rund um die letzten Spiele der Bayern fast ausschliesslich Flick vor den Kameras stand. Das gehört zum dessen Jobbeschreibung zwar dazu, aber Salihamidzic oder ein anderer aus der Führungsriege hätte gerne die eine oder andere Schicht übernehmen können. So, wie das Matthias Sammer mal gemacht hat.

Flick hat - nicht oft, aber immerhin einige Male - auch eigene Fehler eingestanden, sich sogar dafür entschuldigt. Die Gegenseite glänzt mit beredtem Schweigen. Insofern ist die Kommunikationsstrategie der Bayern-Homepage wenigstens in diesem Punkt stringent.

Welche Rolle nimmt Kahn bald ein?

Die Bayern werden bald sieben Titel in zwölf Monaten eingefahren und trotzdem ihren Trainer vergrault haben. Das muss man auch erstmal schaffen. Flick ist ja nicht der einzige, der nicht mehr bereit ist, bei und mit den Bayern eine neue Ära zu prägen. So wie es sich Karl-Heinz Rummenigge gewünscht hat. Flick, Boateng und David Alaba werden in ein paar Wochen weg sein, Thiago ist schon weg.

Co-Trainer Miro Klose, von Rummenigge als grosses Trainertalent gepriesen und als integrativer Faktor für die Profimannschaft und den gesamten Klub als ein zentraler Bestandteil für die Zukunft eingeplant, soll auch wenig Lust verspüren, noch länger in München zu arbeiten. Das ist nicht die Bilanz des erfolgreichsten Klubs der Welt. Das ist die Bilanz eines Klubs, der ein paar Probleme zu viel vor sich herschiebt und vor einem Umbruch steht.

Die Führungsspieler Manuel Neuer und Thomas Müller haben nicht nur zwischen den Zeilen zu verstehen gegeben, wie eng und gerne sie mit Flick gearbeitet haben und dass es in erster Linie der Trainer war, der eine dysfunktionale Mannschaft wieder auf Linie gezogen hatte.

Delikate Situation für den FC Bayern - und was sagt Oliver Kahn?

Neuer und Müller sind Flick-Spieler, Robert Lewandowski hat vielleicht zufällig unter Flick die Saison seines Lebens hingelegt und ist Weltfussballer geworden. Vielleicht aber auch nicht. Das Vertrauensverhältnis der Mannschaft zu ihrem Trainer war absolut aussergewöhnlich.

Man traut sich das deshalb ja kaum zu sagen über den grossen FC Bayern, den Allesgewinner und ewigen Dominator: Aber es könnte sich tatsächlich eine delikate Situation für die Münchener entwickeln. Auch deshalb bleibt die Rolle von Oliver Kahn so spannend. Bisher war der zwar immer mit dabei, aber nie mittendrin. Kahn hat sich aus allem rausgehalten, er taktiert und handelt nicht.

Sehr wahrscheinlich wird das auch noch so gehen, bis sich Rummenigge demnächst verabschiedet. Rummenigge soll der einzige gewesen sein, der bis zuletzt um Flick gekämpft hatte. Kahn oder Hainer waren dagegen maximal diplomatisch unterwegs. Diese Haltung wird aber schon bald nicht mehr reichen, um den FC Bayern zu lenken.

Rummenigge fordert Zusammenhalt in der Bayern-Führung

Karl-Heinz Rummenigge spricht beim FC Bayern ein Machtwort. Der Vorstandschef erwartet ein Ende der internen Querelen. Der Burgfrieden zwischen Trainer Hansi Flick und Sport-Vorstand Hasan Salihamidzic hatte zuletzt erneut gebröckelt.