Beim Spiel in Leipzig suggeriert eine ungenau gezogene Abseitslinie ein Versagen des Video-Assistenten. Doch dieser hatte nachvollziehbare Gründe für sein Handeln. In Frankfurt wird ein Fehler des Schiedsrichter-Assistenten bei einer nebensächlichen Entscheidung aufgebauscht. Das muss sich ändern.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Zu dem Los, mit dem Schiedsrichter im Profifussball leben müssen, gehört es, dass insbesondere im Fernsehen selbst sehr knappe und deshalb schwierige Entscheidungen, wenn sie sich als falsch herausstellen, gerne als unverständliches Versagen des Unparteiischen oder seiner Assistenten dargestellt werden.

Auch der Videobeweis hat daran nichts geändert. Er lenkt die Kritik häufig bloss vom Referee auf den Video-Assistenten um. Zweifel, Abwägen und Verständnis scheinen oft keine Optionen zu sein, wenn das Skandalisieren mehr Aufmerksamkeit verspricht.

So wie am Samstag nach dem Spiel zwischen RB Leipzig und Borussia Dortmund (1:1). In der ersten Hälfte hatte Schiedsrichter Felix Brych zwei Treffer für die Gäste zu Recht wegen Abseits annulliert, sein Assistent hatte jeweils ein sehr gutes Auge bewiesen.

Als der Ball in der 38. Minute zum dritten Mal ins Gehäuse der Leipziger befördert wurde, blieb seine Fahne unten. Das Tor von Marco Reus zählte, weil auch der Video-Assistent keine Einwände hatte.

Ohne Zertifikat keine kalibrierten Linien

Der TV-Sender Sky zog jedoch später eine Abseitslinie und kam zu dem Schluss: Es war Abseits. Und die im Studio versammelte Expertenrunde äusserte grosses Unverständnis darüber, dass das nicht bemerkt worden war.

Es blieb dem Schiedsrichter-Experten Markus Merk vorbehalten, auf längst Bekanntes hinzuweisen: Die Video-Assistenten haben keine kalibrierten Abseitslinien, weil es der DFL zufolge noch kein zertifiziertes System gibt, das den Ansprüchen der Bundesliga genügt.

Deshalb müssen die Video-Assistenten nach einem Tor ohne diese technische Hilfe beurteilen, ob eine strafbare Abseitsstellung vorlag. Lässt sich das aus ihrer Sicht nicht zweifelsfrei feststellen - etwa aufgrund ungünstiger Kameraperspektiven -, bleibt es wie in Leipzig bei der Entscheidung des Schiedsrichterteams auf dem Feld.

Aber war das Abseits von Reus nicht so klar, dass es der Video-Assistent mit blossem Auge hätte erkennen müssen? Die Linie von Sky zeigte schliesslich auf, dass es sich um eine ganze Fusslänge handelte. Das Problem ist nur: Diese Linie war ungenau.

Die Abseitslinie des Fernsehens stimmte nicht

Denn zum einen war sie nicht der Verzerrung der Kameraperspektive angepasst und zum anderen beim falschen Leipziger Verteidiger gezogen. Richtig angelegt, befand sich Reus nur um eine Fussspitze im Abseits.

Damit wird es nicht nur verständlich, dass der Schiedsrichter-Assistent diesmal kein Fahnenzeichen gab, sondern auch, dass der Video-Assistent sich zurückhielt. Weil er eben der Anweisung folgte, nicht einzugreifen, wenn eine Entscheidung nicht klar und offensichtlich falsch ist.

Daraus folgt dreierlei. Zum einen, dass die vermeintliche Objektivität des Fernsehbildes manchmal trügt. Zum anderen, dass die DFL gute Gründe dafür hat, auf ein zertifiziertes Kalibrierungssystem zu bestehen und sich nicht mit weniger zufrieden zu geben. Und schliesslich, dass man nur auf die baldige Einführung eines solchen Systems hoffen kann.

Denn natürlich ist es für alle Beteiligten unbefriedigend, wenn es auch nach der Einführung des Videobeweises bei Entscheidungen ohne Ermessensspielraum zu Fehlern kommt. Die mediale Aufregung über das Tor - in die RB Leipzig übrigens nicht einstimmte - war gleichwohl überzogen.

Übertriebene Aufregung um einen Eckstoss

Das Gleiche gilt für das Herumreiten darauf, dass dem entscheidenden Tor für Eintracht Frankfurt im Spiel gegen Hannover 96 (1:0) ein unberechtigter Eckstoss vorausgegangen war.

Zwar stimmt es, dass der Frankfurter Marius Wolf als Letzter den Ball berührt hatte, bevor die Kugel die Torlinie der Gäste überschritt. Doch der Assistent hatte nicht nur das übersehen, sondern unmittelbar zuvor auch ein Foul von Felipe an Wolf.

Deshalb wäre ohnehin nicht der Abstoss die angemessene Spielfortsetzung gewesen, sondern ein Freistoss für die Eintracht ganz in der Nähe jener Eckfahne, von der aus schliesslich die Hereingabe erfolgte, die zum Treffer für die Gastgeber führte.

Doch trotz dieser Tatsache - und obwohl ein Eckstoss noch lange kein Tor bedeuten muss - wurde in den Spielberichten des Fernsehens hartnäckig in den Mittelpunkt gerückt, dass das Siegtor der Frankfurter eigentlich irregulär zustande gekommen war.

Lothar Matthäus mit Regelschwächen

Im Interview des "Aktuellen Sportstudios" sollte sich Wolf sogar dafür rechtfertigen, dass er Schiedsrichter Marco Fritz nicht mitgeteilt hatte, dass er zuletzt am Ball gewesen war. Und auf Sky war Lothar Matthäus überzeugt, dass der Video-Assistent hätte eingreifen müssen.

Ein Dreivierteljahr nach der Einführung des Videobeweises wusste der deutsche Rekordnationalspieler also immer noch nicht, dass die Berechtigung von Eckstössen, Abstössen, Freistössen und Einwürfen gemäss den Richtlinien des Ifab von den Video-Assistenten grundsätzlich nicht überprüft wird.

Denn andernfalls wäre das Spiel ständig länger unterbrochen. Ist die Begegnung mit Zustimmung des Unparteiischen fortgesetzt worden, darf die Spielfortsetzung zudem laut Regelwerk ohnehin nicht mehr geändert werden.

Deshalb kommt es auch nicht in Betracht, das Zustandekommen eines Eckstosses zumindest dann einem Review zu unterziehen, wenn anschliessend ein Tor fällt. Erneut musste Markus Merk etwas erklären, das einem Experten wie Matthäus eigentlich bekannt sein sollte.

Entscheidungsgenauigkeit von 98,9 Prozent

Es sind eben oft das Aufbauschen von undramatischen Szenen, fehlerbehaftete Analysen und bisweilen auch Lücken in der Regelkenntnis, die die Schiedsrichter und ihre Teammitglieder in der Öffentlichkeit schlechter dastehen lassen, als es angemessen ist.

Als die obersten Regelhüter vom International Football Association Board (IFAB) am Samstag bekanntgaben, dass der Videobeweis nunmehr fest ins Regelwerk übernommen wird, wiesen sie nochmals auf einige Zahlen hin, die eine wissenschaftliche Studie zur zweijährigen Testphase erbracht hatte.

Demnach erreichten die Unparteiischen mithilfe ihrer Video-Assistenten in den weltweit 804 Spielen, die ausgewertet worden waren, bei den überprüfbaren Situationen eine Entscheidungsgenauigkeit von 98,9 Prozent.

Ohne Videobeweis lag diese Quote bei ebenfalls höchst beachtlichen 93 Prozent. Mehr Anerkennung für die Leistung der Referees täte also dringend Not.

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