Der Bundestrainer machte keine Kompromisse und sortierte Mats Hummels und Leon Goretzka aus - und riskiert Diskussionen mit deren Spitzenklubs Borussia Dortmund und Bayern München. Aber das Momentum spricht dafür, dass Julian Nagelsmann alles richtig macht.

Eine Kolumne
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Es kam genau so, wie es Beobachter prophezeit haben: Mats Hummels wurde nicht für die Heim-EM nominiert. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat eine klare Vorstellung, wer die Abwehr organisieren soll: Antonio Rüdiger von Real Madrid und Jonathan Tah von Bayer Leverkusen. Und nicht Hummels, der mit Borussia Dortmund ebenfalls in einem Europapokalfinale steht.

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Im Herbst, als er beim DFB seine erste grosse Dienstreise nach Nordamerika unternahm, hatte Nagelsmann noch ein Plätzchen für den Innenverteidiger frei. Beim 3:1 gegen die USA stand er auf dem Rasen. Nach den zwei bösen Niederlagen gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2) wurde der 35-Jährige nicht mehr eingeladen. Welche Erkenntnis hat Nagelsmann über Hummels gewonnen?

Sportliche Gründe können es für ein EM-Aus kaum gewesen sein. In der Champions League führte Mats Hummels seine Borussen ins Endspiel. Mit Stellungsspiel und Spieleröffnungen kompensierte er Schwächen beim Tempo. Neu war das alles nicht: So spielt er schon seit Jahren und wurde, wenn man es genau nimmt, auch so Weltmeister. Hummels ist ein Organisierer, kein Laufbursche.

Schwierige Entscheidungen für Nagelsmann

Womöglich taugt so jemand nicht für die Ersatzbank. Als Reservist musst du zwei Eigenschaften mitbringen: (a) schweigen, bis deine Zeit reif ist, und dann (b) sofort Spitzenleistung abrufen. Schweigen ist Hummels' Sache nicht; er weiss sich zu artikulieren und die Dinge beim Namen zu nennen. Für Spitzenleistung will er von Anfang ran und nicht auf Abruf.

Der Bundestrainer hatte deshalb die Wahl, entweder einen nachweislich guten Abwehrspezialisten mitzunehmen, der im falschen Moment fatale Signale an den Rest der Truppe sendet, oder von vornherein die Explosionsgefahr durch Nichtnominierung zu vermeiden. Waldemar Anton und Robin Koch sind, gar keine Frage, pflegeleichtere Ersatz-Verteidiger.

Von aussen können wir, Fans und Journalisten, nur die sportlichen Leistungen beurteilen und nicht das zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht im EM-Kader. Wir haben keine andere Wahl: Wir müssen dem Bundestrainer vertrauen, dass er kein Interesse daran hat, seinen Kader mutwillig zu schwächen. Nagelsmann wird an seinen Entscheidungen gemessen werden.

Aussergewöhnliches Video: So präsentiert der DFB seinen Kader für die EM

Bundestrainer Julian Nagelsmann hat am Donnerstagmittag seinen kompletten vorläufigen Kader für die anstehende Europameisterschaft bekannt gegeben. Der DFB zeigte dabei ein Video, in dem alle Spieler einzeln genannt werden. © YouTube

Hummels ist nicht der einzige Spitzenspieler, der nicht nominiert wurde

Was wir sagen können: Wenn er Spitzenspieler von zwei Spitzenklubs aussortiert, Mats Hummels von Borussia Dortmund und ausserdem Leon Goretzka von Bayern München, muss er sich seiner Sache sicher sein. Die Leute sezieren im Detail, was er sagt und was er tut. Deutschland hat 80 Millionen Bundestrainer. Das ist die eine Seite.

Die andere: Wir spüren bei jeder Gelegenheit, wie die Vorfreude auf die Heim-EM wächst, Tag für Tag. Nur gut, dass die Umfrage-Statistiker von Professor Alfons Madeja ("Bundesliga-Barometer") unser Gefühl bestätigen. Immer mehr Fussballfans trauen der deutschen Nationalmannschaft den Europameistertitel zu: 7,7 Prozent waren es im April, lediglich 6,2 Prozent im Oktober, wie die jüngste repräsentative Umfrage herausfand (n = 6.159). Das Momentum ist zart, aber richtungsweisend.

Der Stimmungswechsel hat viel mit Julian Nagelsmann als Bundestrainer zu tun. 80,5 Prozent, also vier von fünf Fans, fanden seine Vertragsverlängerung beim DFB "gut". 74,4 Prozent, also drei von vier Fans, versprechen sich davon "einen positiven Effekt auf das Auftreten und das Abschneiden der DFB-Elf" bei der Heim-EM. 61,1 Prozent, also fast zwei von drei Fans, trauen Nagelsmann sogar zu, dass er "eine Ära beim DFB prägen" kann. Das sind beeindruckende Zahlen.

Nagelsmann wird sich trotzdem Diskussionen über sein 26-köpfiges EM-Aufgebot und vereinzelte Berufungen gefallen lassen. Sowas gehört zum Job des Bundestrainers dazu. Man darf gespannt sein, ob sich das gute Gefühl, das sich nach den zwei Siegen zuletzt gegen Frankreich (2:0) und Holland (2:1) entwickelt hat, verstärkt oder verflüchtigt. Personaldebatten ändern nur nichts daran: Ab 14. Juni, Eröffnungsspiel gegen Schottland, wird abgerechnet.

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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