Als Thomas Müller seine eine hunderprozentige Chance vergab und Harry Kane fünf Minuten später per Kopf einnetzte, fand sich England in etwas wieder, was der TV-Kommentator Peter Drury eine "nationale Umarmung" nannte. Endlich kann sich England von seinem Deutschland-Trauma verabschieden.

Kevin Hatchard
Gastkommentar
von Kevin Hatchard
Dieser Kommentar stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Thomas Müller umtanzte die englische Abwehr wie ein aufgeschrecktes Reh und Wembley hielt kollektiv den Atem an. Ein Mann, der für den FC Bayern schon so oft getroffen hatte, ein Spieler, der Jahr um Jahr aussergewöhnlich beständig und höchst unkonventionell seine Leistung brachte, musste nur noch an Englands Torhüter Jordan Pickford vorbei.

Müller zielte, Müller schoss vorbei.

Fünf Minuten später köpfte Englands bis dahin aus dem Spiel genommener Kapitän Harry Kane ein Tor, das der hochgelehrte TV-Kommentator Peter Drury als eine "nationale Umarmung" beschrieb. Es stand 2:0 und es war vorbei. Endlich hatte England Deutschland in einem K.O.-Spiel bei einem grossen Turnier besiegt und das auch noch in Wembley, wo vor 25 Jahren die Mannschaft um Stefan Kuntz Englands EM-Luftschloss auf die grausamste Art zerstört hatten.

Den gesamten Text in der Originalfassung können Sie hier lesen: This time it all went our way: Why we are so happy that England beat Germany

Mats Hummels postet emotionales Fazit aus dem Mannschaftsbus

Gedrückte Stimmung bei der Fussball-Nationalmannschaft nach ihrem Aus bei der Europameisterschaft: Noch aus dem Mannschaftsbus macht Mats Hummels seiner Enttäuschung mit einem überraschenden Fazit Luft.

This time it all went Englands way

An diesem schmerzhaften Tag im Jahr 1996, hatte sich alles gegen uns verschworen. Darren Anderton traf den Pfosten in der Nachspielzeit und Paul Gascoigne konnte sich einfach nicht lang genug machen, um Alan Shearer's ehrgeizige Flanke zu verwerten. Diese Szenen wurden in den Fernsehern und Köpfen ständig wiederholt, während sich bei den England-Fans Fast-Tore und unverhohlenes Versagen anhäufte.

Dieses Mal waren wir die Glücklichen in Wembley. Dem manchmal unberechenbare Pickford gelangen wichtige Paraden gegen Champions-League-Sieger Timo Werner und Kai Havertz, Declan Rice sah nach seinem Foul gegen Leon Goretzka Gelb, wo ein strengerer Schiedsrichter vielleicht Rot gezeigt hätte, und dann gab es noch Müllers Szene, die hoffentlich sein grossartiges Vermächtnis nicht nachhaltig beeinflussen wird.

There might be schadenfreude

Als Joshua Kimmich in den Armen von Mats Hummels Frust und Verzweiflung nicht zurückhalten konnte und weinte, haben viele England-Fans sicherlich einen Moment der Schadenfreude genossen. Normalerweise weint nämlich einer unserer Spieler, normalerweise liegen unsere Träume in Scherben auf dem Rasen von Wembley. Normalerweise müssen wir uns nach dem Spiel fragen, was eigentlich falsch gelaufen ist, was wir verändern müssen, wer rausgeschmissen und wer ins Team gebracht werden muss. Normalerweise müssen wir das restliche Turnier vom Spielfeldrand verfolgen, während jemand anderes den Titel holt.

Klar, das könnte jetzt immer noch so kommen. Auch wenn alle schon von dem weit offenen Weg ins Finale reden, erstmal müssen die "Three Lions" am Samstag in Rom die talentierten und unberechenbaren Ukrainer schlagen und im Halbfinale ginge es dann entweder gegen die wiedererstarkten Dänen oder Tschechien, die die Niederlande aus dem Turnier geworfen haben. Ab hier gibt es keine Schwächlinge mehr, es wird einem nichts mehr geschenkt.

It's a big triumph for Southgate

Während wir schon davon träumen dürfen, dass Harry Kane die Trophäe am 11. Juli in Wembley in die Luft reckt, lässt es Trainer Gareth Soutghate jedoch nicht zu, dass auch seine Spieler schon so weit denken. Der Sieg über Deutschland war ein grosser, persönlicher Triumph für den Trainer, auch wenn er sich nie in den Mittelpunkt drängen würde. Nach dem 2:0-Sieg am Dienstag sprach Southgate kurz über den anhaltenden Schmerz seines verschossenen Elfmeters gegen Deutschland 1996, doch dass er diesen Moment für sich und sein Land versilbert hat, hat auch viel damit zu tun, dass er gewillt ist, sämtliche Störfeuer zu ignorieren.

Experten, solche in Sesseln und auch andere, erklärten ihm wieder und wieder seine Aufstellung und Taktik seien falsch. Man hätte in einem Meer aus Phone-ins und Social-Media-Postings ertrinken können, bevor das Spiel überhaupt begonnen hatte. Die Dreierkette sei negativ, sagten sie. Und warum stehe der spritzige Jack Grealish nicht in der Startformation? Wo wären eigentlich Phil Foden und Mason Mount? Warum konzentriere sich Southgate nicht auf Englands Stärken, anstatt die von Deutschland zu zerstören?

Southgate schaltete das Geschnatter auf stumm, blieb mutig bei seinen Überzeugungen und behielt Recht. Die Flügelspieler nahmen die Portugal-Zerstörer Gosens und Kimmich aus dem Spiel und Englands Linksaussen Luke Shaw war an beiden Toren beteiligt. Grealish war der perfekte Einwechselspieler, der müde gespielte Gegner überwältigen konnte.

Three Lions (Football's Coming Home)

Nationales Kulturgut von 1996: Three Lions (Football's Coming Home). © YouTube

Sterling - die menschliche Wespe

Raheem Sterling, geboren in Jamaica jedoch nur einen Steinwurf von Wembley entfernt aufgewachsen, war einmal mehr Englands Held. Obwohl er schon oft von den englischen Medien und auch einem Teil der Fans schlecht behandelt wurde, hat sich Sterling immer würdevoll verhalten und es ist eine grosse Freude ihn an geschichtsträchtigen Momenten teilhaben zu sehen. Wie eine menschliche Wespe, die zuschlägt, wann es ihr passt, duckte, flitze und wuselte Sterling durch die instabile deutsche Abwehr und war damit eine konstante Bedrohung. Daher war es auch keine Überraschung, dass ihm das erste Tor gelang.

Für Deutschland ist die Niederlage ein Rückschlag, der von Jogi Löws Ende und von Hansi Flicks Übernahme als Bundestrainer kündet. Nachdem Flick unter anderem mit Neuer, Kimmich, Goretzka und Gnabry als Bayern-Trainer bereits Erfolge feiern konnte und mit seiner Erfahrung als Weltmeister-Co-Trainer von 2014, wird diese Wembley-Niederlage vermutlich eine Einleitung besserer Tage sein.

Aber das tut jetzt nichts zur Sache, jetzt darf England das Rampenlicht geniessen. Nach dem Sieg hatte Southgate übrigens zugegeben, wäre seine Taktik nicht aufgegangen, wäre er jetzt "tot". Doch noch sind seine und die Träume Englands quicklebendig.

Aus dem Englischen übersetzt von Sabrina Schäfer.

Joachim Löw, Bundestrainer, Deutschland, England, Achtelfinale, Wembley, EM
Bildergalerie starten

Vom Weltmeistertrainer zum Verlierer: Jogi Löws Rücktritt kam zu spät

2014 ist Jogi Löw auf dem Höhepunkt seiner Trainerkarriere angekommen. Er verpasst aber diesen perfekten Zeitpunkt, um abzutreten. Sein Ehrgeiz ist grösser. Er will auch noch Europameister werden. Das geht in die Hose. Eine Chronologie des Abstiegs.