Mit Cristiano Ronaldo hat ein Weltstar den Weg in die saudi-arabische Fussballliga gefunden, mit Karim Benzema kommt nun ein ehemaliger Teamkollege hinzu. Dass immer mehr Fussballer mit einem Wechsel in das Land in Verbindung gebracht werden, ist kein Zufall.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Julian Münz sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Als Cristiano Ronaldo im Winter 2022 seinen Wechsel zum Klub Al-Nassr aus der saudi-arabischen Hauptstadt Riad verkündete, erntete er vor allem eines: Häme. Denn es war eben kein prestigeträchtiger Champions-League-Klub, der den portugiesischen Superstar zu diesem Zeitpunkt verpflichten wollte - wie er zuvor eigentlich angekündigt hatte. Stattdessen wechselte Ronaldo mit viel Tamtam in die saudische Pro League - eine Liga, die zwar zu den besten in Asien zählt, im Weltfussball aber bis dahin kaum Beachtung gefunden hatte. Auch wenn Ronaldo damit viel Geld verdiente, schien der Wechsel eher aus der Not als aus dem Wunsch geboren.

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Wenige Monate später steht fest: Der Wechsel des 38-Jährigen in das absolutistisch regierte Königreich ist kein Einzelfall. Denn auch Karim Benzema, der jahrelang mit Ronaldo bei Real Madrid spielte, zieht es in der kommenden Saison in die saudische Pro League. Bei seinem neuen Klub Al-Ittihad erhält der Franzose einen Dreijahresvertrag, der ihm einen dreistelligen Millionenbetrag einbringen soll. Dafür löste Benzema sogar freiwillig seinen bis 2024 laufenden Vertrag bei Real Madrid auf.

Auch Messi hat bereits Verbindungen nach Saudi-Arabien

Und die Gerüchte um etablierte Fussballstars, die zu Vereinen in der saudi-arabischen Liga wechseln könnten, werden immer lauter: Lionel Messi, Sergio Busquets, Sergio Ramos, Pierre-Emerick Aubameyang, Luka Modric - zahlreiche Ex-Barca- und Real-Profis gehören zu den Spielern, die in den vergangenen Wochen mit verschiedenen Vereinen in Saudi-Arabien in Verbindung gebracht wurden.

Gerade Messi, dessen Zeit bei Paris Saint-Germain im Sommer definitiv endet, ist besonders begehrt - der in Riad spielende Club Al-Hilal soll dem Argentinier 400 Millionen Euro pro Jahr angeboten haben. Denn der Weltfussballer hat bereits gute Beziehungen zu Saudi-Arabien aufgebaut: Seit Mai 2022 ist Messi Tourismusbotschafter des Landes. Ein Wechsel würde nicht nur seinen beruflichen Verpflichtungen entgegenkommen, sondern auch seinen ehemaligen Rivalen Cristiano Ronaldo freuen: "Wenn grosse Spieler und grosse Namen kommen, junge Spieler, alte Spieler: Wenn das passiert, wird die Liga besser", hatte der 38-Jährige gesagt.

Saudischer Staatsfonds übernimmt vier Klubs

Dass die Vereine aus Saudi-Arabien plötzlich mit grossen Angeboten locken, ist kein Zufall, sondern Teil eines Plans der Staatsführung. So gab das saudische Sportministerium in dieser Woche bekannt, dass der Staatsfonds PIF, in Europa vor allem als Mehrheitseigner von Newcastle United bekannt, gleich vier saudische Topklubs zu jeweils 75 Prozent übernehmen wird. Mit der Übernahme von Ronaldos Klub Al-Nassr, Benzemas Klub Al-Ittihad sowie Al-Hilal und Al-Ahli soll es privaten Unternehmen wieder ermöglicht werden, Geld in die bisher staatlich geführten Vereine zu investieren.

Auch bei anderen Vereinen des Landes sollen private Unternehmen einsteigen, so etwa der Ölkonzern Aramco beim Zweitligisten Al-Qadisiyah. Laut der saudi-arabischen Nachrichtenagentur SPA soll die Saudi Pro League mit dem Geld bald zu den zehn besten Fussballligen der Welt gehören, bis 2030 will das Land den Umsatz der Liga auf 480 Millionen Euro steigern. Um das zu erreichen, müssen natürlich auch grosse Namen den Weg zu den Fussballvereinen des Landes finden - und entsprechend bezahlt werden.

Folgt Saudi-Arabien dem Beispiel Chinas?

Es ist kein neues Phänomen, dass Fussballprofis gerade gegen Ende ihrer Karriere in die Ligen der Golfstaaten wechseln, wo ihnen auch im hohen Alter noch üppige Gehälter winken. Bisher spielten sie vor allem in Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der grosse Nachbar Saudi-Arabien setzte in der eigenen Liga lieber auf Spieler aus dem eigenen Land.

In den 2010er Jahren kam mit der chinesischen Super League ein weiterer Konkurrent hinzu, der für die europäischen Vereine erstmals sogar zu einer ernsthaften Konkurrenz um Topspieler im besten Alter wurde - der Ligarekordtransfer Oscar war erst 25 Jahre alt, als er vom FC Chelsea nach Shanghai wechselte. Dem hat der chinesische Fussballverband mit einer 100-prozentigen Steuer auf Transfers aus dem Ausland und spätestens 2019 mit der Einführung einer Gehaltsobergrenze einen Riegel vorgeschoben.

Investitionen in den Fussball sind Teil der Vision 2030

Die saudische Pro League könnte nun die neue Liga der Reichen werden, die zumindest finanziell mit den europäischen Klubs mithalten kann. Denn anders als in Europa sind den Vereinen in Saudi-Arabien keine finanziellen Grenzen gesetzt - und auch die Menschenrechtssituation im Land scheint zumindest einen Teil der Fussballelite nicht von einem Wechsel abzuhalten.

Initiiert wurde das Privatisierungsprojekt des saudischen Fussballs von Kronprinz Mohamed bin Salman. Das Vorhaben ist Teil der "Vision 2030", mit der das Land seine stark auf die Ölförderung ausgerichtete Wirtschaft diversifizieren will. Auch seine Ambitionen im Fussball scheint Saudi-Arabien dabei auf ein weiteres Standbein stellen zu wollen. Bislang folgte das Land mit der Übernahme des Premier-League-Klubs Newcastle United eher den Beispielen der Vereinigten Arabischen Emirate und Katars, die mit staatsnahen Investmentfonds die Vereine Manchester City und Paris Saint-Germain gekauft und in die europäische Spitze geführt haben.

Und es ist zu vermuten, dass die sportlichen Pläne des Königreichs noch nicht am Ende sind: Denn Teil der von Saudi-Arabien ausgerufenen "Vision 2030" ist auch die Ausrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft im selben Jahr, an der das Land schon seit längerem Interesse angemeldet hat.

Verwendete Quellen:

  • DPA
  • Al-Jazeera: Saudi Arabia privatises football clubs, eyes big-name signings
  • The Athletic: PIF to take control of Saudi Arabia’s four biggest clubs as part of major shake-up in Pro League
  • Reuters: Saudi wealth fund to take control of soccer star Ronaldo's club


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