Als Rudi Völler voriges Jahr Sportdirektor bei der Nationalmannschaft wurde, war der Aufschrei gross. Zu alt, zu grau und zu männlich: So heftig fiel die Kritik aus. Heute lernen die Besserwisser: Es gibt nur einen Rudi Völler.

Eine Kolumne
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Rudi Völler wird am Samstag 64 Jahre alt und wollte eigentlich seiner Frau zuliebe kürzertreten, als er vor zwei Jahren seinen Manager-Job bei Bayer 04 Leverkusen aufgab. Jetzt ist bekannt und offiziell: Aus dem Vorruhestand wird nichts.

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Rudi Völler macht als Sportdirektor bei der Nationalmannschaft zwei Jahre weiter, das heisst: Der Weltmeister von 1990 regelt die Dinge nicht nur bei der Heim-EM 2024 in Deutschland, sondern auch bei der Nordamerika-WM 2026.

Die Nachricht aus der Verbandszentrale wird alle Besserwisser aufschrecken, die schon Völlers Ernennung zum DFB-Feuerwehrmann voriges Jahr mit voller Wucht kommentiert haben. Die Vorhaltungen klingen noch im Ohr.

Zu alt, zu grau, zu männlich, zu traditionell, zu vorhersehbar: An Plattitüden hat es seinerzeit nicht gemangelt. Heute darf und muss man feststellen: Dem deutschen Fussball konnte nichts Besseres als Rudi Völler passieren.

Er hat Ruhe in den Laden gebracht, den Trainerwechsel von Hansi Flick zu Julian Nagelsmann wegmoderiert, zwischenzeitlich Platz auf der Trainerbank genommen und inzwischen sowas wie EM-Euphorie ums DFB-Team entfacht.

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Das sind nämlich die anderen Attribute des Rudi Völler: freundlich, zugänglich, unmissverständlich, entschieden. Wer so arbeitet, darf auch gerne grau, männlich, traditionell und vorhersehbar sein. Die Leistung zählt. Und nichts anderes.

Rechte Hand gesucht

Rudi Völlers Vertragsverlängerung entbindet den DFB aber nicht von der Pflicht, endlich einen Nachfolger auf dieser Position aufzubauen. Ursprünglich sollte er längst eine rechte Hand bekommen wie damals Simon Rolfes in Leverkusen.

Eine rechte Hand, die Gelassenheit mitbringt, Lernwilligkeit zeigt und ein Talent für Medienarbeit, Krisenmanagement und Führungskraft beim Bundestrainer, wer auch immer das sein wird, offenbart. Ein junger Rudi Völler halt.

Sami Khedira, Fredi Bobic, Jonas Boldt - die Kandidatenliste war lang und nicht lang genug. Bei den Frauen holte man Nia Künzer an Bord, die sofort die Hrubesch-Nachfolge (Christian Wück) regelte. Aber bei den Männern?

Nochmals: Rudi Völler ist bis 2026 die perfekte Lösung. Man braucht ihn als Leuchtturm, wenn Nagelsmann doch als Bundestrainer aufhören sollte und alle Orientierung suchen. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Er wird nicht jünger.

Mag ja sein, dass es nur einen Rudi Völler gibt, wie die Fans in den Fussballstadien gerne singen. Hilft nur nichts. Den Generationswechsel kann der Verband nicht aussitzen. Der neue Mann darf auch jung, bunt und weiblich sein.

Über den Autor

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Über die Heim-EM hinaus: Völler bleibt DFB-Sportdirektor

Rudi Völler bleibt dem DFB über die Heim-EM hinaus erhalten. Der 63-Jährige hat seinen Vertrag als Direktor der A-Nationalmannschaft verlängert und wird damit bis zum Ende der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko im Amt sein.
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