Die ersten drei Folgen der Doku über die Frauen-Nationalmannschaft sind am 6. Juli veröffentlicht worden. Zum Start der EM in England haben sie das Zeug dazu, eine echte Identifikation mit der Mannschaft zu schaffen. Die Doku punktet vor allem dann, wenn es ungewöhnlich offen zugeht. Und das passiert häufig.

Eine Kritik
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Lena Oberdorf ist genervt. Immer wieder fällt ihr Spitzname. Obi hier, Obi da. Doch Martina Voss-Tecklenburg kennt kein Pardon. "Obi mach mit, Obi reicht, Obi nicht so tief, Obi Zugriff, Obi mach es mit Ruhe." Denn Oberdorf, die normalerweise auf der Sechs agiert, musste in der Innenverteidigung ran. Und hatte irgendwann genug. "Sie wollen helfen. Aber manchmal ist weniger mehr", sagt Oberdorf im Rahmen der Doku "Born for This – mehr als Fussball". Sie verliere ein bisschen den Spass, wenn sie das Gefühl habe, sie könne nicht mehr die eigenen Entscheidungen treffen. Kritik an der Bundestrainerin? Eher eine offene Meinungsäusserung. Es ist eine von einigen Geschichten in der Dokumentation, mit denen die dreiteilige Reihe überraschen und punkten kann.

Immer wieder werden Einblicke in die Kabine gewährt, in das Innenleben einer Mannschaft, mit Ansprachen und Emotionen. Die Doku ist aber vor allem deshalb stark und sehenswert, weil das Sportliche zwar den roten Faden bildet, die Grundlage, aber nie nur im Mittelpunkt steht und stumpf nacherzählt wird. Denn es sind die persönlichen Geschichten, Probleme und Empfindungen der Spielerinnen, die das Herzstück bilden.

Mehr Tiefgang, weniger bunte Verpackung

Von April 2021 an hat ein Filmteam von Warner Bros. die DFB-Frauen begleitet. Die Filmemacher Martina Hänsel und Björn Tanneberger schaffen es in dieser Zeit, dank nicht vorhandener Restriktionen oder Vorgaben ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dieses liefert das in Kombination mit offenen, ehrlichen und noch nicht vom aus dem Männer-Bereich bekannten oberflächlichen PR-Einheitsbrei verdorbenen Fussballerinnen ein ungeschnittenes Bild einer mehr als einjährigen Reise einer Mannschaft zu einem grossen Turnier.

Das Bild von einer Mannschaft, die sportliche Probleme hat, sich versucht zu finden, aber auch ganz menschliche Herausforderungen zu meistern hat. Denn natürlich ist der Frauen-Fussball in vielen Teilen ganz anders als der Männer-Fussball. Ob nun beim Gehalt, bei den körperlichen Voraussetzungen oder beim Zuspruch. Denn die Doku soll nicht nur unterhalten, sie ist auch ein Puzzleteil im Kampf um mehr Aufmerksamkeit, der mit der "Strategie Frauen im Fussball 2027" geführt wird.

Probleme im Frauen-Bereich

Denn der DFB hat seit Jahren Probleme im Frauen-Bereich. Wo es bei anderen Nationen aufwärts geht, kriselt es in Deutschland. "Wichtig ist, dass der Frauen-Fussball sichtbarer wird", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf der dpa vor dem EM-Auftakt der deutschen Frauen am 8. Juli in London-Brentford gegen Dänemark.

Keine Frage: Die Doku, die in den Mediatheken von ARD, Sky und MagentaTV abrufbar ist, macht die deutschen Frauen sichtbar, deutlich sichtbarer als es Dokus im Männer-Fussball oft sind. Sie schafft eine Identifikation mit den Protagonistinnen, da sie in eine bisweilen auch schmerzhafte Tiefe geht und nicht nur an einer bunt verpackten Oberfläche kratzt wie zum Beispiel "Deutschland. Ein Sommermärchen" über die WM 2006. So erzählt Torhüterin Almuth Schult von den Schwierigkeiten bei ihrer Rückkehr in den Leistungssport nach der Geburt ihrer Zwillinge im April 2020. Sie flucht im Training, sie ist emotional in den Gesprächen.

Sie gibt Einblicke in ihre Gefühlswelt, dass sie dankbar ist, wieder dabei zu sein. Aber auch, dass es Zweifel und Zweifler gab. "Selbst in meiner Familie gab es solche Momente", sagt sie. Und manchmal dachte sie sich auch: "Was hast du dir für einen bescheuerten Beruf ausgesucht?". Eine Folge der Babypause: Die Nummer eins im DFB-Team ist Merle Frohms. Was Schult nicht davon abhält, sich zu quälen.

Eindringliche gesellschaftliche Themen

Es sind für eine Fussball-Doku sehr intensive Themen, die offen angesprochen werden. "Ich wünsche mir, dass sich das ganz viele Menschen anschauen. Das ist ganz grosses Kino", sagte Bundestrainerin Voss-Tecklenburg, die auch selbst dafür sorgt, dass es ehrlich und authentisch zugeht. Wenn sie zum Beispiel verrät, wie sie den Spagat zwischen ihrer Rolle als Mutter und als Fussballerin geschafft hat, vor allem bei grossen Turnieren. Oder wenn sie an der Seitenlinie flucht und schimpft.

Eindringlich wird es, als Dzsenifer Marozsan – die wegen eines Kreuzbandrisses bei der EM fehlt – erzählt, wie es bei ihrem US-Klub OL Reign war, als der Skandal um sexuellen Missbrauch im US-Frauenfussball öffentlich wurde. Britta Carlson, Ex-Nationalspielerin und heute rechte Hand der Bundestrainerin, spricht in dem Zusammenhang von früheren Erfahrungen.

"Wenn man das reflektiert, hätten wir uns auch schon früher gegen andere Sachen wehren sollen. Wie oft man durch Funktionäre einfach mal anders berührt wurde", sagte sie. "Es gab Funktionäre, die dich in den Arm genommen oder umarmt oder einen Klaps gegeben haben, was einfach ein No-Go ist. Als junger Mensch war das Gefühl, es gehörte dazu, was einfach total traurig ist." Namen nannte sie nicht.

Happy End in England?

Dafür werden immer wieder gesellschaftlich wichtige Themen angeschnitten, wie beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Oder wenn Verteidigerin Sara Doorsoun über ihre gleichgeschlechtliche Liebe und die Folgen für das Verhältnis zu ihrem iranischen Papa spricht. Oder Stürmerin Nicole Anyomi über Rassismus.

Und klar: Immer wieder geht es auch um den Sport, um den Weg zum Turnier, die Hindernisse wie schlechte Trainingsplätze, den Prozess, den eine Mannschaft durchläuft. Mit Verletzungen, Rückschlägen und den Dramen, die dazugehören. Keine Frage: Wer die Doku schaut, wird bei der anstehenden EM mitfiebern. Und kann sich auf die Fortsetzung freuen. Die wird bei der EM gedreht. Vielleicht ja mit einem sportlichen Happy End.

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Verwendete Quellen:

  • DFB.de: Strategie Frauen im Fussball FF27>>
  • Sport.de: DFB-Präsident hofft auf Aufschwung im Frauenfussball