• Ex-Biathlet Michael Rösch spricht im Interview mit unserer Redaktion über die neue Biathlon-Saison.
  • Der Olympiasieger von 2006 verrät, wen er auf der Rechnung hat und wie es um die ukrainischen Biathletinnen und Biathleten steht.
  • Sorgen bereitet Rösch die Nachwuchsförderung im deutschen Sport.
Ein Interview

Herr Rösch, es sind nur noch wenige Tage bis zum Start des Biathlon-Weltcups. Was erwarten Sie von der neuen Saison?

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Michael Rösch: Vor dem Auftakt ist die Anspannung bei allen Beteiligten immer mit am grössten. Es gibt viele schöne Dinge, auf die wir uns freuen können. Das Highlight ist natürlich zweifelsohne die "Heim-WM" in Oberhof. Vor dem ersten Weltcup stellen sich aber zwei Fragen. Zum einen, wer die Favoriten sind und zum anderen, wer überhaupt noch dabei ist, nachdem im vergangenen Jahr einige Sportlerinnen und Sportler aufgehört haben. Ich bin schon sehr gespannt.

Mit Erik Lesser hat auch eine deutsche Stütze der vergangenen Jahre ihre Karriere beendet. Wer sind denn nun die deutschen Hoffnungsträger bei Frauen und Männern im Biathlon?

Bei den Frauen muss hier an erster Stelle Denise Herrmann-Wick genannt werden. Gut, dass sie ihre Karriere fortsetzt, wer weiss wie lange noch. Als Olympiasiegerin kann man von ihr einfach die meisten Dinge erwarten. Ausserdem erhoffe ich mir einiges von Vanessa Voigt, die noch lange nicht am Ende ihres Potenzials angekommen ist. Bei Franziska Preuss hängt viel von ihrer körperlichen Gesundheit ab – sie hatte erneut eine schwierige Vorbereitung. Den Sportlerinnen dahinter, vor allem den jungen, muss man noch etwas Zeit geben.

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Die Männer waren im vergangenen Jahr kompakt von ihren Leistungen her und konnten aus eigener Kraft Weltcups gewinnen. Benedikt Doll und Johannes Kühn sind sicherlich die heissesten Eisen für die anstehende Saison. Aber man hat auch bei David Zobel gesehen, wie schnell es manchmal gehen kann, um sich im Weltcup-Team etablieren zu können. Insgesamt ist das Männer-Team mit vielen Athleten auf hohem Niveau bestückt und kann punktuell für Ausrufezeichen sorgen. Zur absoluten Weltspitze, die konstant vorne mitläuft, fehlt noch ein kleines Stück. Aber es wird von Jahr zu Jahr schwerer – ich würde fast sagen, perverser. Die Weltspitze bei den Männern besteht aus 30 bis 40 Sportlern, die allesamt um den Sieg kämpfen können, da ist nicht immer ein Deutscher dann der Sieger.

Rösch über Biathlon-Nachwuchs: "Dieses Grundproblem gilt es zu lösen"

Schon seit Jahren oder beinahe Jahrzehnten zählt Biathlon zu den Lieblingssportarten der Deutschen im Winter. Wie sieht es mit dem deutschen Nachwuchs aus?

Das Erlernen ist zunächst einmal an Stützpunkte gebunden, die sich natürlich nicht quer über ganz Deutschland verteilen. Will man Biathlon professionell betreiben, muss man zunächst einen Stützpunkt suchen und dafür eventuell auch einen Umzug aus der bisherigen Heimat in Kauf nehmen. Generell bereitet mir aber der Stellenwert des Sports in Deutschland Sorgen. In vielen Schulen gibt es nur noch eine Sportstunde und die Förderungen für den Nachwuchs werden immer wieder verringert. Gleichzeitig erwarten Fans, Sponsoren und Medien Medaillen und Topergebnisse in Serie. Wir haben 80 Millionen Einwohner, aber die Masse an Sportlern ist im Vergleich zu beispielsweise den skandinavischen Ländern deutlich geringer. Dieses Grundproblem gilt es zu lösen, um dann auch im Biathlon wieder erfolgreichere Nachwuchsarbeit leisten zu können. Faktoren wie Corona oder nun die Energiekrise erschweren es den jungen Talenten zusätzlich. Es ist viel Potenzial bei den Juniorinnen und Junioren da, aber der Schritt in den Aktiven-Bereich ist noch einmal ein anderer. Die Lücke muss verringert werden, was derzeit aus den vorher genannten Gründen schwierig ist. Ansonsten könnte in den kommenden Generationen ein Teil der Sportlerinnen und Sportler einfach wegbrechen.

Wer sind die grössten internationalen Konkurrenten aus deutscher Sicht?

Bei den Männern sind vor allem die Schweden und Norweger zu nennen, die eine enorm breite und starke Mannschaft vorweisen können. Hinzu kommen noch die Franzosen, die im vergangenen Jahr dominiert haben. Bei den Frauen sind es mehr oder weniger die gleichen Nationen, die zu den Top-Favoritinnen zählen, auch wenn es bei den Norwegerinnen in der Vorbereitung alles andere als rund lief. Hinzu kommen hier noch die Italienerinnen um Dorothea Wierer.

Rösch: "IBU fördert Ukraine mit Hilfsgeldern"

Bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges haben unter anderem Sie Kontakt zu den ukrainischen Biathleten aufgenommen und sie unterstützt. Wie ist dort aktuell die Lage?

Die komplette Wehrpflicht wurde aufgehoben. Das ukrainische Team war im Sommer bei der Weltmeisterschaft in Ruhpolding am Start. Die IBU fördert das Team mit Hilfsgeldern, unter anderem für Trainingslager. Zuletzt waren sie in Oberhof, wo sie mit Erik Lesser trainiert haben. Sie wollen und werden beim Weltcup an den Start gehen, müssen aber nach einigen Wochen in die Heimat zurück, um dort ihr Visum "auffrischen" zu können. Die Lage ist nach wie vor eine Katastrophe, viele haben ihre komplette Heimat verloren. Alle Trainingszentren sind zerstört, an ein Training im eigenen Land ist also nicht zu denken. Sie sind angewiesen auf Vereine wie "Athletes for Ukraine", dem ich auch angehöre. Dort werden sie nicht nur finanziell, sondern auch mit Material unterstützt. Sie werden also starten, aber immer im Hinterkopf haben, dass in ihrer Heimat Krieg herrscht, was wohl jeden Wettkampf extrem schwierig macht. Daher ist der Ausschluss von russischen und belarussischen Sportlern auch nach wie vor die absolut richtige Entscheidung.

Unterstützung für WM-Boykott in mehreren deutschen Kneipen

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Aus Protest gegen die Menschenrechtslage am Spielort Katar wollen einige Gastronomen die Spiele nicht in ihren Läden zeigen. Auch Bonner Kneipen beteiligen sich an dem Boykott. Bei ihren Gästen stossen sie überwiegend auf Zustimmung.

Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist bei uns eine Knappheit von Gas entstanden. Was glauben Sie, wie wird sich die Energiekrise auf den Biathlon-Weltcup auswirken?

Es muss erst einmal abgewartet werden, wie sich die ganze Thematik entwickelt. Aber sollte es keinen Winter geben, der ausreichend Schnee bringt, wird es schwer, der Bevölkerung zu erklären, warum bei einem Event für tausende Euros Kunstschnee produziert wird. Auf der anderen Seite: Natürlich sind die Weltcup-Orte versichert, aber einen Ausfall können Sie sich eigentlich nicht leisten. Ein schwieriger Spagat steht uns hier bevor. Insbesondere die Gewinnung von Nachwuchs könnte hier weiter in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn die grossen Events nicht wie geplant stattfinden können. Positiv ist aber, dass sich der Weltverband IBU in einem tadellosen Zustand in allen Bereichen befindet. Für die Zukunft muss man allerdings gewappnet sein, denn es wird immer wieder Krisen geben.

Konkurrenz zwischen Biathlon und WM? "Biathlon kann sogar profitieren"

Erstmals muss der Biathlon-Weltcup in diesem Winter auch noch mit der Fussball-Weltmeisterschaft konkurrieren. Wie wirkt sich dies aus?

Ich sehe es als positiv für das Biathlon an, denn die WM in Katar steht enorm in der Kritik. Der Verband hat sich schon frühzeitig Gedanken gemacht, anhand des WM-Spielplans, wann die Wettkämpfe der Biathleten starten. So können beispielsweise im Vor- oder Nachgang eines Spiels der deutschen Mannschaft zusätzliche Zuschauer fürs Biathlon gewonnen werden, die dort zur Einstimmung oder zum Ausklang des WM-Spiels vorbeischauen. Daher kann Biathlon davon sogar profitieren. Der eingefleischte Sport-Fan hat sogar doppelt Grund zur Freude mit Biathlon und Fussball an einem Tag.

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