Vor genau 25 Jahren erzielte Thomas Helmer vom FC Bayern München sein berühmtes (Nicht-)Tor gegen den 1. FC Nürnberg. Zu den Folgen gehörten eine fragwürdige Wiederholung des Spiels, der Abstieg des "Club" und Morddrohungen gegen den Schiedsrichter und seinen Assistenten. Heute wäre die Anerkennung eines solchen Phantomtreffers praktisch ausgeschlossen.

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In den fast 56 Jahren seit ihrer Gründung hat es in der Fussball-Bundesliga zahlreiche unvergessliche Tore gegeben, die in keinem Rückblick fehlen. Mindestens genauso im Gedächtnis geblieben sind aber auch die Geistertore, die niemals hätten zählen dürfen, vom Schiedsrichter jedoch fälschlich anerkannt wurden und deshalb für heftige Diskussionen, teilweise auch für Sportgerichtsverfahren sorgten.

"Helmer-Tor" und das "Phantomtor von Hoffenheim"

Sie haben sogar eigene Namen bekommen, so etwa das "Phantomtor von Hoffenheim", das der Leverkusener Stefan Kiessling am 9. Oktober 2013 erzielte. Sein Kopfball flog ans Aussennetz und flutschte von dort durch ein Loch in den Kasten der Gastgeber.

Der Unparteiische Felix Brych war jedoch wie sein Assistent der Überzeugung, dass der Ball die Linie zwischen den Pfosten überquert hatte, und entschied auf Tor.

Mit dem Begriff "Helmer-Tor" wiederum wird jenes Ereignis verbunden, das sich nun zum 25. Mal jährt und seinerzeit gravierende Folgen hatte.

Am 23. April 1994 treffen im Münchner Olympiastadion bei strahlendem Frühlingswetter der FC Bayern und der 1. FC Nürnberg aufeinander. Es ist der drittletzte Spieltag, die Bayern sind Tabellenführer, die Franken stehen auf dem viertletzten Platz und kämpfen gegen den Abstieg.

Aus kurzer Distanz am Tor vorbeigestochert

26 Minuten sind gespielt, als die Münchner einen Eckstoss in den Nürnberger Strafraum schlagen. Bayerns Innenverteidiger Oliver Kreuzer verlängert den Ball per Kopf zu seinem Mitspieler Thomas Helmer, der am langen Pfosten lauert.

Bedrängt von einem Verteidiger und dem Nürnberger Torwart Andreas Köpke gelingt es Helmer jedoch nicht, die Kugel aus kürzester Distanz im Gehäuse der Gäste unterzubringen.

Sie springt ihm von der rechten an die linke Wade, dann gegen die Aussenseite des Schienbeins und von dort ins Toraus. Die Riesenchance zum Führungstreffer ist vertan. Durch das Stadion geht ein Raunen, Helmer klammert sich an den Pfosten, starrt ungläubig ins Leere.

Doch plötzlich wird aus dem Raunen ein Jubel, denn Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers hat gepfiffen und zur Mitte gezeigt. Das bedeutet: Tor!

Der Unparteiische verlässt sich dabei auf seinen Linienrichter Jörg Jablonski, der mit erhobener Fahne die vermeintliche Torerzielung angezeigt hat. Dem "Kicker" erklärt er am Tag nach dem Spiel, wie es dazu gekommen ist: "Ich stehe genau an der Eckfahne und gucke in die Sonne. Der Spieler Helmer steht am hinteren Pfosten vor der Torlinie. Ich sehe, wie Köpke auf den Ball zustürzt und wie Helmer den Ball über die Linie bringt."

Die ARD sendet sogar einen "Brennpunkt"

Er sei "hundertprozentig der Überzeugung" gewesen, dass der Ball hinter der Linie war. "Erste Zweifel kamen mir aber schon, als der Ball neben dem Tor lag." Er habe dennoch "nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", sagt Jablonski.

Die Funkkommunikation im Schiedsrichterteam über Headsets gibt es noch nicht, man verständigt sich über Zeichensprache. Mündliche Rücksprache soll der Schiedsrichter mit seinen Assistenten nur im absoluten Ausnahmefall halten, denn das gilt als Zeichen von Schwäche.

Die Nürnberger können die Entscheidung nicht fassen, auch die Bayern wundern sich. Der Ball ist am Ende ins Toraus gegangen - aber war er vorher beim Gestochere vor dem Gehäuse vielleicht für einen Sekundenbruchteil hinter der Linie? Thomas Helmer geht jedenfalls nicht zu Osmers und der nicht zu ihm. Am Ende gewinnen die Münchner das Spiel mit 2:1, auch weil der "Club" kurz vor dem Abpfiff einen Elfmeter verschiesst.

Was danach folgt, ist gewaltig. Der Schiedsrichter und sein Assistent erhalten Morddrohungen, tagelang belagern Journalisten Osmers‘ Haus und die Büroräume, in denen er hauptberuflich arbeitet. Das Telefon steht nicht mehr still. Osmers lässt sich zu einem Live-Interview bei den "Tagesthemen" überreden, ausserdem sendet die ARD einen "Brennpunkt".

Nürnberg verliert das Wiederholungspiel und steigt ab

Der 1. FC Nürnberg legt fristgerecht Protest gegen die Spielwertung ein, doch die Chancen werden allgemein als gering eingeschätzt. Schliesslich handelt es sich um eine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters und die ist prinzipiell endgültig, selbst wenn sie sich als falsch erweist. Doch das Sportgericht DFB konstruiert sich mit einer gewagten Begründung überraschend einen Regelverstoss des Referees zusammen.

Es argumentiert, Osmers und Jablonski hätten sich bei ihrem Blickkontakt nicht über denselben Moment der vermeintlichen Torerzielung und damit nicht über denselben Vorgang verständigt. Als Folge dieses Missverständnisses sei die Feststellung, dass der Ball im Tor war, keine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters, sondern eine des Linienrichters gewesen, und dazu noch eine falsche.

Die Partie wird schliesslich neu angesetzt, sehr zum Missfallen der FIFA, der die vom Unparteiischen auf dem Feld getroffenen Entscheidungen heilig sind. Sie droht dem DFB für den Wiederholungsfall massive Konsequenzen an, auch von einem Ausschluss ist die Rede. Das Wiederholungsspiel gewinnen die Bayern deutlich mit 5:0. Am Ende der Saison werden die Münchner Deutscher Meister, die Nürnberger müssen absteigen.

Linienrichter Jablonski hört zermürbt auf

Für die Protagonisten des "Helmer-Tores" hat der Vorfall unterschiedliche Konsequenzen. Jörg Jablonski kommt in der Bundesliga nicht mehr als Linienrichter zum Einsatz, nach der folgenden Saison beendet er seine Karriere sogar ganz. "Die Zuschauer haben mich zermürbt", berichtet er später im NDR. "Jede meiner Entscheidungen wurde von lauten Rufen in Zweifel gezogen, das wollte ich mir nicht mehr antun."

Hans-Joachim Osmers dagegen pfeift noch ein Jahr in der Bundesliga, dann muss er aus Altersgründen aufhören. Kuriosum am Rande: Heute sind wiederum zwei Schiedsrichter mit dem Namen Jablonski, respektive Osmers in der Bundesliga unterwegs. Sven Jablonski ist der Sohn des unglücklichen Linienrichters, Harm Osmers hingegen ist mit dem seinerzeitigen Unparteiischen weder verwandt noch verschwägert.

Thomas Helmer wiederum beginnt nach seiner Laufbahn als Fussballprofi eine Karriere beim Fernsehen. Dort moderiert er seit einigen Jahren bei einem Privatsender eine Talkshow, in der regelmässig auch über strittige Schiedsrichterentscheidungen in der Bundesliga diskutiert wird, meist auf Boulevardniveau. Über sein "Tor" gegen Nürnberg dagegen möchte Helmer nicht mehr sprechen. Es sei dazu "alles gesagt", findet er.

Torlinientechnik und Video-Assistent würden den Fehler bemerken

Eine Wiederholung des "Helmer-Tores" wäre heute übrigens praktisch ausgeschlossen. Denn die Torlinientechnologie, die in der Bundesliga bislang fehlerfrei funktioniert hat, würde in einem solchen Fall keine Meldung über eine Torerzielung an den Unparteiischen funken. Und sollte der Referee trotzdem auf Tor entscheiden, würde dem Video-Assistenten bei der obligatorischen Prüfung der Fehler auffallen.

Den Beteiligten vor 25 Jahren wäre es vermutlich lieb gewesen, wenn es schon damals solche technischen Möglichkeiten gegeben hätte. Es hätte keine Morddrohungen gegeben, kein Sportgerichtsverfahren und weitaus weniger Spott. Jörg Jablonski hätte seine Laufbahn nicht beenden müssen und bei Thomas Helmer würde man heute eher an seine grossen Erfolge denken als an dieses eine vermaledeite (Nicht-)Tor.

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Teaserbild: © imago images / Sven Simon