Sieben Trainerentlassungen innerhalb einer Bundesliga-Saison sind schon nicht wenig, zur neuen Saison stehen bereits diverse weitere Auswechslungen auf der Trainerbank fest. Warum verlieren derzeit so viele Übungsleiter ihren Job?

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Natürlich, ist man geneigt zu behaupten, hat der VfB Stuttgart mal wieder am meisten für Aufsehen gesorgt. Die Schwaben haben, mal wieder, am meisten Trainer in einer Saison verschlissen und ihrem Ruf als Trainer-Killer alle Ehre gemacht.

Gleich zweimal hat der VfB sein Personal auf der Kommandobrücke ausgetauscht, von Tayfun Korkut zu Markus Weinzierl zu Nico Willig. Der soll aber nur eine Interimslösung sein und am Saisonende - man glaubt es kaum - einem neuen Cheftrainer weichen.

Der VfB Stuttgart ist damit Spitzenreiter im Trainer-Karussell der Bundesliga, das in dieser Saison so komische Blüten getrieben hat wie kaum zuvor.

Zu Buche stehen nicht nur sieben Trainerwechsel während der Saison - neben den beiden in Stuttgart auch je einer in Augsburg, Leverkusen, Hannover, Nürnberg und auf Schalke -, sondern auch eine ganze Reihe von zum Saisonende angekündigten Trennungen.

Entwicklung über Kontinuität

Der Schleudersitz ist offenbar noch eine Spur gefährlicher geworden in dieser Saison: Korkut und Weinzierl in Stuttgart, Manuel Baum beim FCA, Heiko Herrlich in Leverkusen, Andre Breitenreiter in Hannover, Michael Köllner beim Club und Domenico Tedesco auf Schalke flogen aus ihren Ämtern.

Natürlich fallen die Angestellten in der Regel nicht allzu tief, mit satten Lohnfortzahlungen, und sehr wahrscheinlich wird man den einen oder anderen schon bald bei einem neuen Arbeitgeber wiederfinden. Mit den von den Klubs immer gerne propagierten Massgaben der Kontinuität hat das aber in der Regel wenig zu tun.

Ganz im Gegenteil heisst es öfter als erwartet nun: "Entwicklung sticht Kontinuität". Zumindest werden die meisten Entscheidungen auf diese Art den Fans und Beobachtern verkauft.

In Gladbach muss Dieter Hecking zum Saisonende gehen. Als Max Eberl seine Entscheidung vor einigen Wochen bekanntgab, stand die Borussia auf einem Platz, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt. Trotzdem wollte Eberl einen inhaltlichen Richtungswechsel und kaufte dafür Marco Rose aus dessen Vertrag bei Red Bull Salzburg heraus.

Jede Trennung eine Geschichte

Ähnlich verlief die angekündigte Trennung von Pal Dardai in Berlin. Der kauzige Ungar hatte den Hauptstadtklub stabilisiert und nach zwei Abstiegen in kurzer Folge wieder zu einem verlässlichen Mitglied der Bundesliga gemacht. Die Weiterentwicklung der Mannschaft soll nun aber ein anderer in Angriff nehmen, Dardai wurde diese grosse Aufgabe nicht mehr zugetraut. Wer auf die Hertha-Ikone folgen soll, steht allerdings noch nicht fest.

In Wolfsburg hat die Trennung von Bruno Labbadia zum Saisonende andere Gründe: Der Trainer und sein Vorgesetzter Jörg Schmadtke können offenbar nicht mehr miteinander. Es gebe unterschiedliche Auffassungen über die Entwicklung der Mannschaft, ausserdem stimme die Chemie zwischen den beiden nicht (mehr). Auf Zweckehe hatten weder der Trainer noch sein Sportdirektor grosse Lust. Also: Ein sauberer Schnitt, ehe es so richtig kracht.

Immerhin hat Wolfsburg schon einen Nachfolger parat, aus der österreichischen Liga kommt der in Deutschland eher unbekannte Oliver Glasner vom Linzer ASK.

Und in Leipzig? Da ist schon seit einem Jahr bekannt, dass Ralf Rangnick seine Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor wieder aufgeben und sich nur auf den Schreibtischjob konzentrieren will.

Leipzig stiess damit eine kleine Kettenreaktion an, einigte sich schon früh mit Julian Nagelsmann vom Konkurrenten 1899 Hoffenheim - der wiederum vor wenigen Wochen nach langer, intensiver Suche den Nachfolger ab dem Sommer verkünden konnte: Es ist Nagelsmanns ehemaliger Co-Trainer Alfred Schreuder.

Der Niederländer mischt derzeit an der Seite von Eric ten Hag mit Ajax Amsterdam die Champions League auf und soll als ehemaliger Nagelsmann-Intimus dessen Erbe im Kraichgau verwalten.

"Trainer sind mittlerweile Freiwild"

Stuttgart, Schalke, Gladbach, Wolfsburg, Berlin, Leipzig, Hoffenheim und im wahrscheinlichen Fall des Abstiegs auch noch Hannover 96 und der 1. FC Nürnberg: Bis zu neun Klubs benötigen ab dem Sommer einen neuen Trainer oder haben schon einen gefunden. Es wird einen der grössten Resets in der Geschichte der Liga geben. Aber warum ist das so?

"Die Atmosphäre ist deutlich schlechter geworden. Trainer sind mittlerweile Freiwild", beklagte Lutz Hangartner in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" jüngst einen Verfall der Sitten.

Hangartner ist der Präsident des Bundes Deutscher Fussballlehrer (BDFL) und als solcher nicht nur Obmann der Trainer in den Profiligen, sondern auch der etwa 4000 A-Schein-Inhaber, die in den unteren Ligen des Deutschen Fussball-Bundes ihrem Job nachgehen. "Viele Vereine drehen zu schnell durch. Besonders in den ersten Wochen einer Saison fordere ich mehr Geduld", so Hangartner weiter.

Die meisten Entlassungen gibt es in der Tat im ersten Saisondrittel, wenn die vereinbarten Ziele schnell ausser Reichweite gelangen oder es - etwa mit einem neu installierten Trainer - unvorhersehbare Schwierigkeiten gibt.

Und am Ende einer Saison, wenn es wirklich ans Eingemachte geht und Klubs etwa im Abstiegsrennen um ihre Existenz kämpfen. Rauswürfe wie der von Heiko Herrlich in Leverkusen, nach zwei Siegen in Folge und über die Weihnachtsfeiertage, sind dagegen vergleichsweise selten.

Es gibt notorisch nervöse Klubs wie den VfB Stuttgart, Nürnberg, Schalke, in denen gerne Aktionismus ausbricht. Der HSV oder der 1. FC Köln, noch zwei dieser ultra-nervösen Exemplare, hat es vorübergehend in die zweite Liga verschlagen - was beide aber nicht davon abhält, auch dort munter die Trainer auszuwechseln.

Der HSV hatte schon im Herbst vorgelegt, der FC nun vor ein paar Tagen mit der Demission von Markus Anfang nachgezogen. Köln ist Tabellenerster, hat drei Spieltage vor Schluss sechs Punkte und 16 Tore Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz und kann am Wochenende die Rückkehr in die Bundesliga perfekt machen. Trotzdem musste Anfang gehen.

Sportdirektor kann jeder werden

Das Vertrauen in ihre leitenden Angestellten, die wichtigsten Figuren in jedem Klub, ist offenbar bei der Hälfte aller Vereine in der Bundesliga nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Utopische Zielsetzungen oder Erwartungen sind ein Problem. Diese werden aber nicht, wie immer wieder behauptet, vom angeblich so schwierigen Umfeld definiert, sondern von den Klub-Verantwortlichen selbst.

Oft genug sitzt auf dem Posten des Sportdirektors ein blutiger Anfänger. Während man für den Erwerb der Fussballlehrerlizenz in Deutschland insgesamt drei Stufen durchlaufen und jede Menge Zeit und Geld investieren muss, um am Ende einem 24-köpfigen, bis ins kleinste Detail auserwählten Kreis von Anwärtern pro Jahr angehören zu dürfen, ist der Weg zum Sportdirektor komplett qualifikationsfrei. Im Prinzip kann das jeder werden - ebenso wie Vorstand, Aufsichtsrat oder Präsident.

Entsprechend konfus geht es beim einen oder anderen Profiklub in Deutschland auch zu. Besonders schlimm hat es offenbar den KFC Uerdingen erwischt. Der Drittligist hat sich in die Hände eines russischen Investors begeben und schlingert seitdem nur noch so durch die Saison.

Mikhail Ponomarev zieht nicht nur den kompletten Klub auf links, seit Neuestem hat der Russe auch Twitter für sich entdeckt und schreibt munter drauf los. Das führt dann zu peinlichen Einlassungen wie neulich. "KFC-Momentum Norbert Meier: Mein grösster Fehler beim KFC. Der schlechteste Trainer in der KFC-Geschichte. Der KFC war seine letzte Station als Trainer in Deutschland."

Offenbar ist der Account echt und keine Satire-Veranstaltung. Jedenfalls kratzt er mit Formulierungen wie diesen am Tatbestand der Rufschädigung, in diesem Fall an dem von Ex-Trainer Norbert Meier. In Uerdingen arbeitet mit Heiko Vogel mittlerweile der vierte Trainer in dieser Saison.

"Zwei, vier, sechs - das ist eine seltsame Rechnung", sagte Ponomarev bei Vogels Vorstellung. "Wenn es nötig ist und uns an unser Ziel bringt, hole ich auch 18 Trainer." Selbst die Bosse beim VfB Stuttgart dürften da nur bewundernd die Augenbrauen hochziehen.

Verwendete Quellen:

  • Welt.de: "Die Trainer sind mittlerweile Freiwild"
  • Twitter @KFC-Vorstand
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