Lucien Favre steht offenbar kurz vor einem Wechsel zu Borussia Dortmund. Laut "Bild" werde nur noch über die Ablösesumme verhandelt. In Gladbach und bei Hertha BSC war der Taktikfuchs und Perfektionist erfolgreich. Doch wie gut passt der derzeitiger Trainer von OGC Nizza in das System BVB?

Nach der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel gilt ein Verbleib des Trainers in Dortmund als unwahrscheinlich.

Watzke sprach von einem "Dissens" – Tuchel wehrte sich. Bisher wurde kein klärendes Gespräch bestätigt.

Währenddessen läuft die Trainersuche beim Tabellendritten auf Hochtouren. Heissester Nachfolgekandidat laut "Bild" ist Lucien Favre.

Der 59-Jährige soll sich mit dem BVB einig sein, lediglich über die Ablösesumme herrsche noch Uneinigkeit. Denn noch bis 2019 ist Favre vertraglich an OGC Nizza gebunden.

Das finanziell klamme Nizza katapultierte er in der aktuellen Saison auf einen überraschenden dritten Platz. Doch könnte der Schweizer in Dortmund ähnlich erfolgreich sein?

Favre setzt auf Talentförderung

Mit der Bundesliga ist Favre vertraut, von 2007 bis 2009 trainierte er Hertha BSC. 2011 begann seine viereinhalbjährige Tätigkeit bei Borussia Mönchengladbach.

Der Mann aus Saint-Barthélemy setzt auf die Entwicklung junger Spieler: Raffael formte er in Berlin zu einem Stammspieler, aus Talent Marco Reus machte er eine Stütze im Team der "Fohlen", inzwischen ist er Führungsspieler – bei Borussia Dortmund.

In Sachen Talentförderung ist Lucien Favre in Dortmund genau an der richtigen Adresse. Die Vereinsführung setzt auf die Verpflichtung vielversprechender Talente, die in Dortmund den nächsten Karriereschritt wagen sollten.

Jüngste Beispiele: Ousmane Dembélé, Emre Mor oder der im Winter verpflichtete Alexander Isak.

Favre und Tuchel: Taktik-Tüftler und Fussball-Liebhaber

Unermüdlicher Fussballliebhaber, Taktikfuchs, Perfektionist: Diese drei Eigenschaften beschreiben sowohl Lucien Favre, als auch den derzeitigen BVB-Trainer Thomas Tuchel.

"Wenn es um Fussball geht, können Sie mich mitten in der Nacht wecken. Ich liebe dieses Spiel und werde es immer lieben", sagte der Schweizer kürzlich in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Für den maximalen Erfolg geht er dabei an seine Grenzen. "Mit harter Arbeit", sagte er, hätten sein Team und er den dritten Platz in der Ligue 1 erreicht.

77 Punkte bedeuten die Qualifikation für die Champions League, die dem OGC Nizza kein Verfolger mehr streitig machen kann.

"Allein für das Spiel gegen Bordeaux habe ich mir acht Spiele am Computer angeschaut. Ich habe noch nie in meinem Leben so intensiv gearbeitet."

Beide Eigenschaften dürfte den BVB-Bossen gefallen. Parade-Trainer Jürgen Klopp steht wie kein anderer für die Liebe zum Fussball, Thomas Tuchel für einen Perfektionisten, ähnlich wie Pep Guardiola.

Favres Gegenpressing passt in den BVB-Kader

Taktik-Tüftler Favre setzt bei seinem Spiel auf schnelle Balleroberung und Kurzpassspiel. Charakter erhält das Spiel unter Favre durch Gegenpressing – also den schnellen Konter nach Balleroberung.

Auch Jürgen Klopps Devise lautete: "Gegenpressing ist der beste Spielmacher." Der aktuelle Liverpool-Coach war mit dieser Spielweise beim BVB erfolgreich: Er gewann zwei Meistertitel und einmal den DFB-Pokal.

Lauf- und dribbelstarken Mittelfeldspielern wie Marco Reus oder Ousmane Dembélé könnte dieser Spielstil sehr gelegen kommen.

Favre führte die "Fohlen" mit Konterfussball aus dem Tabellenkeller in die Champions League. Derzeit ist das Dortmunder System kontrollierter: Thomas Tuchel sind Ballkontrolle und ein geordnetes Positionsspiel wichtig.

Für Julian Weigl und Gonzalo Castro, die Kontrolleure und Schaltzentrale im Mittelfeld des BVB darstellen, wäre die schnellere und risikoreichere Variante des Lucien Favre daher eine Umstellung.

Scheitert die Zusammenarbeit am Charakter?

Aufgrund der Variabilität der Spielertypen ist es wahrscheinlich, dass sich die Mannschaft auf Fussball à la Lucien Favre einstellen könnte.

Doch menschlich gilt der 59-Jährige als ebenso schwieriger Charakter wie Thomas Tuchel. Sowohl Borussia Mönchengladbach, als auch Hertha BSC verliess er in sportlich schwierigen Situationen.

Er wird häufig als Sturkopf beschrieben. Während Tuchel seinen Spielern mit Distanz begegnet, zollt Favre ihnen Respekt. Skandalspieler Mario Balotelli zähmte er, weil er ihm "mit Respekt" begegnete, wie er in der "Zeit" sagte.

Der Freund und Papa, wie ihn Jürgen Klopp durch seine herzliche Art den Spielern gegenüber verkörperte, ist Favre nicht.

Tuchel 2.0? Sowohl sportlich, als auch menschlich weisen beide Fussballlehrer Gemeinsamkeiten auf. Taktisch gesehen spricht einiges für einen möglichen Erfolg des Schweizers beim BVB.

Charakterlich könnte es zwischen Favre und den BVB-Vorsitzenden zu einem ähnlichen "Dissens" kommen, wie er gerade zwischen Tuchel und dem Klub stattfindet.