Borussia Dortmund rennt und kämpft und schiesst gegen den FC Barcelona aus allen Lagen, bringt den Ball aber nicht über die Linie. Weil Marc-André ter Stegen ein schwaches Barca gleich mehrfach rettet.

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Es gibt ja diesen unheimlichen Lucien-Favre-Koeffizienten. Den mit der etwas sperrigen Bezeichnung "zu erwartende Tore".

Im englischen Original lautet die Statistik "Expected Goals", abgekürzt xG, sie zählt die Qualität der Grosschancen und errechnet daraus einen Wert, der auf die Wahrscheinlichkeit eines oder mehrere Torerfolge pro Partie hinweist.

Favre ist darin ein Phänomen, weil er mit seinen Mannschaften - egal ob in der Schweiz oder in Deutschland bei Hertha BSC, in Gladbach oder nun eben bei Borussia Dortmund - die Stochastik regelmässig ab absurdum führen.

BVB vergibt gegen Barca Chance um Chance

Vereinfacht formuliert sind Favre-Mannschaften überragend darin, die sich bietenden Chancen auch eiskalt zu verwerten. Was wiederum damit zu tun hat, dass der Trainer so lange passen und kombinieren lässt, bis sich ein freies Schussfeld aus einer tornahen Position auftut. Im wichtigsten Spiel der noch jungen Saison wurde Borussia Dortmund sich und ihrem Trainer aber untreu.

Gegen den FC Barcelona notierten die Statistiker sechs Grosschancen für den BVB und gleich zehn Torschüsse abgegeben innerhalb des gegnerischen Strafraums, der xG-Wert summierte sich am Ende auf 1,9 - das reicht in der Regel locker für zwei Dortmund-Spiele. Gegen Barca reichte es zu einem ernüchternden und irgendwie auch besonders ärgerlichen 0:0.

Reus nach Fehlschuss geknickt

"Das fühlt sich scheisse an", sagte Marco Reus nach dem Spiel am Mikrofon von "Sky". Reus war so etwas wie die Fleisch gewordene Ineffizienz, der Kapitän verballerte gleich vier der sechs grossen Tormöglichkeiten, darunter auch einen Elfmeter, der gar nicht mit einfliesst in die xG-Wertung.

"Der Elfmeter war schlecht geschossen, da muss ich üben und es nächstes Mal besser machen. Dazu hatten wir noch drei, vier, fünf andere grosse Möglichkeiten", analysierte Reus.

Ter Stegens nach Ärger mit Neuer in Topform

Die Dortmunder Chancenverwertung war eine der Geschichten des Abends, die anderen rankten sich um zwei Spieler, die zuletzt eher im Dunstkreis der deutschen Nationalmannschaft, freiwillig oder unfreiwillig, für Debatten gesorgt haben.

Marc-André ter Stegens Auftritt im Signal Iduna Park war mit grosser Spannung erwartet worden. Barcas Nummer eins will ja auch die Nummer eins für Deutschland werden, legte auf der Pressekonferenz vor dem Spiel im verbalen Fernduell mit Manuel Neuer noch einmal nach und stand deshalb ganz besonders im Fokus.

Der durchaus selbstbewusst auftretende ter Stegen liess seinen markigen Worten dann auch Taten folgen. Hielt Reus‘ Elfmeter, rettete zudem dreifach gegen seinen Kollegen aus alten Gladbacher Tagen, parierte gegen Paco Alcacer. Und als er Mitte der zweiten Halbzeit von Julian Brandts Geschoss doch einmal geschlagen war, stand ihm die Querlatte zur Seite. Betont nüchtern und gelassen gab sich ter Stegen danach auch vor den Kameras.

MAtS und Mats überragen

"Ich versuche auf meinem besten Stand zu sein. Und wenn ich der Mannschaft dann noch helfen kann, dann umso besser", sagte ter Stegen. Eine besondere Genugtuung verspüre er nicht, auch das Dauerduell mit Reus sei ein ganz normaler Aspekt seines Spiels. "Das ist Fussball, man kommt sich nunmal immer in die Quere. Für mich war‘s gut, für ihn eher nicht."

Und deshalb war der eine MAtS, Marc-André ter Stegen, auch besser gelaunt als der Dortmunder Mats, Hummels. Noch so einer, dessen Name zuletzt stets im Kontext der Nationalmannschaft auffällig oft fiel.

Hummels jedenfalls zeigte im ersten grossen Spiel nach seiner Rückkehr eine sehr grosse Leistung, hielt Barcas Offensive gerade in der ersten Halbzeit gefühlt im Alleingang mehrere Male auf.

Hummels: "Haben zwei Punkte liegen lassen"

Nach 90 Minuten standen einige sehr erstaunliche Daten, unter anderem zehn klärende Aktionen, sieben abgefangene Bälle und angeblich 100 Prozent gewonnener Zweikämpfe - obwohl Hummels selbst sich daran erinnern konnte, wenigstens einen gegen Luis Suarez verloren zu haben.

Aber auch dem Routinier lag das Ergebnis einigermassen schwer im Magen. "Gemessen an der ersten Halbzeit geht das Ergebnis in Ordnung, da sind wir noch zu viel hinterhergelaufen. Aber unsere zweite Halbzeit war super, da haben wir Druck gemacht und Barca zu Fehlern gezwungen. Deshalb habe ich das Gefühl, dass wir zwei Punkte haben liegen lassen. Wir hätten uns eine hervorragende Ausgangslage schaffen können in dieser Gruppe, uns einen klitzekleinen Puffer verschaffen können."

Guter BVB, schwaches Barca

Aber dafür hätte der BVB eben dieses eine Tor erzielen müssen. Vermutlich hätte das gereicht gegen einen Gegner, der ziemlich blass daherkam und noch sehr wenig von der Fantasie zeigte, die Spieler wie Frenkie de Jong, Antoine Griezmann, Luis Suarez und in der letzten halben Stunde auch noch Leo Messi versprechen.

Das war einerseits einem gerade in der Defensive sehr aufmerksamen BVB geschuldet, der "oft Druck auf Ball gemacht und sich gegenseitig ausgeholfen hat", wie Hummels feststellte. "Unsere defensive Mannschaftsleistung war richtig gut."

Andererseits wurde man aus Barca an diesem Abend auch nicht so richtig schlau. Ernesto Valverdes Mannschaft zeigte wenigstens eine Halbzeit lang eine in der Defensive starke Leistung. In der Offensive blieben die Katalanen aber nahezu alles schuldig.

Es bleibt auch nach einem halben Dutzend Spiele in dieser Saison ein Rätsel, wie Valverde die Grosskaliber Griezmann, Suarez und Messi gemeinsam auf die Gegner loslassen will. Barca spielte zusammenhang- und einfallslosen Fussball und hat in einem 4-3-3 dieser Art noch viel zu viele Baustellen, um schon auf Hochtouren zu laufen.

BVB muss zwei Mal auswärts ran

Umso ärgerlicher also aus Sicht des BVB, diesen verwundbaren Gegner nicht geschlagen zu haben. "Wir haben heute nichts verloren, jetzt aber zwei Auswärtsspiele vor der Brust. Am besten holen wir da zwei Siege, um vorne mitzumischen", sagte Hummels.

Anschliessend deutete er dann noch unterschwellig an, worauf es in den kommenden Wochen ankommen wird - und was etwa bei blamablen 1:3 gegen Union Berlin ein dickes Problem war: Widerstandsfähigkeit, Mentalität, Entschlossenheit.

"Da müssen wir eben zeigen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Ohne diesen fantastischen Support hier zu Hause. Konstanz ist das Zauberwort!" Und ein bisschen Effizienz könnte auch nicht schaden.

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