Ein lauschiger Freitagabend im Februar. Traditionell der Moment, in dem die "Let's Dance"-Familie zusammenkommt, um die Tanzsaison zu eröffnen.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Marie von den Benken dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Antanzen, wie wir Grillfans sagen. Nachdem letztes Jahr die 1:1-DNA-Kopie von Boris Becker (Samenraub-Diva Anna Ermakova) den begehrten Sieg ins heimische London mitnahm, erwartet die foxtrottverliebte Tanz-Nation dieses Jahr gespannt auf die 14 neuen Star-Tanznovizen, die ihnen vier Monate lang den Start in die Wochenenden versüssen werden.

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Nach dem furiosen Show-Auftakt im Januar, als RTL das TV-Volk bereits mit dem "Dschungelcamp" nächtelang in Atem hielt, ein weiteres Highlight aus der Deutzer Bewegtbildschmiede. Die Stardichte allerdings, und das verblüfft bei einem der beliebtesten Formate des Landes, ist 2024 dünner als auf der Berliner Fashion Week. Die besten News der Startsendung bleiben damit, dass es wenigstens noch eine RTL-Megashow gibt, bei der Jan Köppen nicht den Job von Daniel Hartwich übernommen hat.

González sendet per Haarpracht eine eindeutige Message: Punk is not dead

Beruhigend unverändert bleibt auch die Jury-Besetzung. Der freitägliche Tanztee ist seit Jahren erfreulich stabil, was das Bewertungs-Kuratorium angeht. Das kennt man von anderen grosser RTL-Showproduktionen nicht. Bei "Supertalent" und "DSDS" etwa werden die Komitee-Mitglieder traditionell öfter ausgetauscht als Trainer beim FC Bayern. Inzwischen muss man – dem Wendler sei Dank – sogar froh sein, wenn es ein Juror überhaupt eine komplette Staffel überlebt.

Familiär geschmeidig bleiben also Motsi Mabuse (heute mit platinblonder Michelle-Hunziker-Gedächtnisfrisur), Joachim Llambi (blauen Glitzerfummel aus der alten "ZDF-Hitparade"-Garderobe von Bata Illic geklaut) und Jorge González (gesprochen: "HoHe Kohnnsalletzzzz") die Jurygesichter. Vor allem González wird seinem Ruf als modisches Styling-Entfant-Terrible der deutschen TV-Landschaft gerecht und sendet per Haarpracht eine eindeutige Message: Punk is not dead. Punk sitzt jetzt bei Tanzsendungen in der Jury.

Als eine Art Mischung aus dem frühen Sascha Lobo, NOFX und den Sex Pistols thront er hinter dem Jurypult und versperrt mit seinem Fieberglas-Arrangement einer ganzen Generation Tanzfans auf der Haupttribüne hinter ihm den Blick auf den Dancefloor. Ob sein Outfit in direktem Zusammenhang mit dem heute im Bundestag verabschiedeten Legalisierungsgesetz für Cannabis steht, bleibt unklar.

Das Allerschönste, was Füsse tun können, ist tanzen

Weniger überraschend dagegen sind regelmässige Änderungen bei den Profitänzern. Jede kleinste Verletzung kann zu einer Zwangspause führen. Oder, wie dieses Jahr beispielsweise bei den Tanz-Legenden Renata Lusin, Christina Hänni (bis zur Teilnahme von Luca Hänni bei "Let's Dance" 2020 noch Christina Luft) und Isabel Edvardsson: Auch Schwangerschaften machen einen Tausch innerhalb der Profitänzerinnen-Squad notwendig. Plus: Wie bei Profisportlern üblich, ist auch das Alter ein Faktor. Dieses Jahr beispielsweise hat Christian Polanc mit 45 Jahren das Verfallsdatum erreicht und wechselt vom Dancefloor in den Zuschauerraum.

Dieses Jahr nehmen dafür die Debütanten Anastasia Stan und Mikael Tatarkin sowie die etablierten Malika Dzumaev, Patricija Ionel, Mariia Maksina, Zsolt Sándor Cseke, Vadim Garbuzov, Alexandru Ionel, Marta Arndt und Paul Lorenz die Prominenten unter ihre Profi-Fittiche. Dazu kommen echte Quotengaranten wie Ekaterina Leonova, Kathrin Menzinger, Valentin Lusin und Massimo Sinató, die mittlerweile deutlich bekannter sind als 90 Prozent der "Let's Dance" Kandidaten.

Vollkommen neu dagegen ist das Studio. Nach 16 Jahren in Puff-Rot glänzt die Promi-Tanzschule Köln Ossendorf ab dieser Saison in Gold. Sogar die Schriftart der Bewertungskellen wurde geändert. Die Jury-Kanzel ist grösser, bekommt ein spürbares Bling-Bling Update und erinnert damit jetzt mehr an eine Quiz-Show als an einen Tanzwettbewerb. Wobei "Let's Dance" erfahrungsgemäss stets auch eine Art Quiz-Show war.

Immer auf der Suche nach der Frage: Wer haut die grösste Zote raus? Erwartungsgemäss legt da der Schlüpfrigkeits-Beauftragte Joachim Llambi erfolgversprechend vor. Er beurteilt Kandidat Biyon Kattilathu mit folgendem Bonmot: "Da wurdest du hintenraus etwas hart". Hintenraus etwas hart, oder wie wir Anzüglichkeiten-Avengers sagen: Viagra mit Ladehemmung.

14 "Stars" für ein Tanzhalleluja

Womit wir beim Teilnehmerfeld wären. Die 14 Anwärter auf den Dancing Star 2024 sind derartig verblüffend reichweiten-kontraoptimiert ausgewählt, dass selbst ich nur sechs kenne. Vermutlich gestaltete sich der Bau des neuen Studios so budgetfreundlich wie die Hamburger Elbphilharmonie. Geld für die Honorare echter Stars war wohl jedenfalls nicht mehr übrig.

Und um sich nicht unnötig in politische Einflussnahme zu verstricken, hat RTL offenbar auch die kürzlich per ABBA-Tanzvideo eingereichte Initiativbewerbung von Markus Söder abgelehnt. Obwohl der Joachim Llambi der Landesfürsten vermutlich gratis gekommen wäre. Übrig bleiben daher nur:

Ann-Kathrin Bendixen

Die Influencerin Ann-Kathrin Bendixen hat fast 500.0000 Instagram-Follower und ist als "Affe auf Bike" bekannt. Vermutlich, weil sie seit über vier Jahren allein mit ihrem Motorrad um die Welt reist. Achtung: Nicht verwechseln mit "Affe auf Mike" – das ist Elena Miras.

Detlef D! Soost

Offiziell Tanz-Coach und Motivationstrainer. Im Jahr 2000 massgeblich an der Entstehung der ersten "Popstars"-TV-Band No Angels beteiligt. Damals entging D! der Cancel Culture nur, weil es vor 24 Jahren noch als okay galt, minderjährige Frauen im Fernsehen blosszustellen. Ein knappes Vierteljahrhundert später kennt man Detlef D. Soost nur noch als das "Undercover Boss"-Meme. Zwischenzeitlich hat er sich von seinem "D!" scheiden lassen und wird nur noch mit Detlef Soost angesprochen. Was zur Trennung führte? Unklar.

Vermutlich aber seine beängstigende Nähe zum Querdenker-Kosmos. Wer erinnert sich nicht gerne, wie Topvirologe und Politikwissenschaftler Soost während des Corona-Lockdowns seinen Fans die Frage stellte, ob eine Impfpflicht nicht eine Begrenzung der Grundrechte sei und ob man noch in einer Demokratie oder schon in einer Diktatur lebe.

Eva Padberg

Als Reminiszenz an die neue Wohlfühl-Agenda wird seitens der Jury und der Moderatoren etwa 421-mal erwähnt, dass Eva Padberg die älteste Frau im Ensemble ist. An einigen Stellen bekommt man den Eindruck, das Model ginge stramm auf die 90 zu. Also 90-60-90. Padberg ist 44.

Gabriel Kelly

Nur halb so alt ist Gabriel. Er ist das 63. Mitglied der Kelly-Family, das für "Let's Dance" vom Hausboot auf das Tanzparkett wechselt. Überraschend gibt Gabriel seinen Beruf mit "Musiker" an. Sein Vater Angelo Kelly ("Sometimes, I wish I were an Ääääääääääääääääängel") ist vermutlich der einzige Kelly-Member, der sich noch nicht von Joachim Llambi hat abkanzeln lassen.

Tante Maite dagegen war nicht nur Kandidatin (gewann 2011 sogar den Titel), sondern zeitweise sogar in der Jury. Allerdings nur ein Jahr. Da sie mit zu starkem Akzent sprach, wurde sie anschliessend durch Jorge González ersetzt.

Jana Wosnitza

Ist sie schon mal mit Laura Wontorra in einem Raum gesehen worden, also gleichzeitig?

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Stefano Zarrella

Gilt als erster Food-Creator des Landes. Wird daher oft für einen Fussfetischisten gehalten. Statt Foot-Creator ist Stefano Zarrella aber vor allem der erfolgreichste Windschatten-Promi der jüngeren Geschichte. Seinen Bekanntheitsgrad verdankt er vornehmlich seiner Ex-Verlobten Romina Palm (GNTM-Finalistin 2021), dem anderen Sohn seiner Eltern: Giovanni Zarrella (Vorzeige-Schlageritaliener) und seiner Schwägerin Jana-Ina (hat mal "Love Island" moderiert).

Stefano macht keinen Hehl aus diesem Standortvorteil: "Ich habe einen Bruder, der singt." Normalerweise sinkt bei Fernsehköchen, die bei "Let's Dance" mitmachen, ja lediglich das Niveau. Oder erinnert sich hier noch jemand an Chakall?

Lina Larissa Strahl

Nach kurzer Google-Recherche habe ich für den Rest des Abends einen Ohrwurm von "Das sind Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina" – und in dem Song geht es nicht mal um Sexualpartner, sondern um Pferde.

Lulu

Glaubt, sie sei bekannt, weil sie vor 23 Jahren mal in einem Musikvideo ihrer Schwester mitspielte. Gut, das Video gehörte zum Song "From Sarah With Love" und die Schwester ist Sarah Connor. Das macht Lulu Lewe indirekt irgendwie auch zur Schwester von John Connor. Zumindest Terminator-Fans dürften also auf ihrer Seite sein. Nach einem "Bruder von" jetzt also auch noch eine "Schwester von", da bleibt RTL seinem internen Popularitätskatalysator treu.

Immerhin wird Lulu nicht als Schwester von Anna-Maria Ferchichi vorgestellt. Immer noch angenehmer, als Schwester eines Popstars eingeführt zu werden, als als Schwester von dieser einen, deren Mann vor Gericht gegen Arafat Abou-Chaker verloren hat. Da es inzwischen offenbar reicht, in familiärer Verbindung zu Sarah Connor zu stehen, sind auch die kommenden Staffeln kandidatenseitig abgesichert: Die Exfrau von Marc Terenzi hat fünf Geschwister und zwei Kinder (Stand 24. Februar 2024).

Maria Clara Groppler

Was kann man mit so einem Namen werden? Genau: Comedian. Würde sie jedoch Dietmar Hopp heiraten und einen Doppelnamen annehmen – wer weiss, was möglich wäre?

Mark Keller

Mit 58 Jahren der Methusalem der Staffel – und zum grossen Entsetzen der Jury sogar älter als Eva Padberg. Der Erfinder des Ortes, an dem sich weltweit Menschen einfinden, die nicht so gerne lachen, blickt auf eine lange TV-Karriere zurück: Mark Keller gewann in meinem Geburtsjahr 1989 mit einem Dean-Martin-Cover die "Rudi Carell Show". Keller könnte also mein Vater sein. Es gibt allerdings keinerlei Hinweise darauf.

Biyon Kattilathu

Beschreibt seinen Job so: "Ich schreibe Bücher über Glück." Obwohl, ob er sie wirklich schreibt oder doch nur halbwegs gut ins Deutsche übersetzt, daran hat zumindest Cora Schumachers Toyboy Oliver Pocher Zweifel angemeldet. Ob das etwas damit zu tun hat, dass Kattilathu eine Affäre mit Pochers baldiger Exfrau Amira nachgesagt wird (beide dementieren)? Egal, Fakt ist: Oliver Pocher hat Biyon Kattilathu zu "Let's Dance" hochgemobbt.

Sophia Thiel

Macht was mit Kraftsport und Body-Positivity. Ich blocke auf allen Social-Media-Umfeldern gnadenlos und konsequent alle, die Hate-Kommentare zu ihrer Figur posten. Sollten Sie auch tun.

Tillman Schulz

Ist "Höhle der Löwen"-Investor. Aber das ist Diana zur Löwen auch.

Tony Bauer

Macht Comedy und kommt aus Duisburg, das ist ein bisschen wie "Mein Name ist Dr. Syphilis, ich bin Gynäkologe". Ihm macht das aber nichts aus. Kein Wunder. Wenn die Familie mit Joghurts steinreich geworden ist, lebt es sich auf der Sonnenseite des Lebens recht gut.

Keiner muss gehen. Langweilig.

Dann wird auch noch ein bisschen, also so knappe 3,5 Stunden, getanzt. Joachim Llambi gefällt dabei einiges. Einiges aber auch nicht. Essens-Arrangeur Stefano Zarrella attestiert er: "Bisschen zu schnell, bisschen zu früh." Ob das auch der Grund ist, warum Romina Palm ihre Verlobung auflöste?

Am Ende werden noch die Tanzpaare zugelost, mit denen es dann kommende Woche endlich in den echten Wettbewerb geht. Traditionell muss in der Wohlfühl-Startshow bei "Let's Dance" niemand gehen. Im Gegenteil: Ein Kandidat erhält von den Zuschauern sogar eine Wildcard und kann nächsten Freitag nicht rausgewählt werden.

Dieses Jahr schnappt sich Gabriel Kelly den Freifahrtschein in Woche drei. Eine Familie in der Grösse eines handelsüblichen Callcenters ist besonders dann von Vorteil, wenn viel angerufen werden muss. Wen es dann als ersten aus dem 2024er Tanzkader trifft, das verrate ich nächsten Samstag genau hier. Bis dann.

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