Sie waren die Posterboys, die Lieblingsspieler von Generationen und Köpfe ganzer Fussballnationen: die Zehner. Doch langsam aber sicher verschwinden sie. Über einen Spielertyp, der ausstirbt.

Eine Analyse
von Max Nölke

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Die Zahl Zehn steht für Vollendung, Ordnung und Absolutheit. Im Fussball gilt der Zehner zudem als erhaben. Er ist mal Maradona, mal Matthäus, mal Zidane und mal Ronaldinho. Zusammen haben Zahl und Position jahrzehntelang eine Symbiose ergeben. Keine andere Rückennummer steht in diesem Sport so sehr für die Schönheit des Spiels, für ein ganz bestimmtes Gefühl und für einen Mythos.

Doch wie das mit Mythen meist so ist, hat die Realität sie längst aufgeweicht. Denn der klassische Zehner dankt langsam, aber sicher ab. Die Idee des Strippenziehers hinter den Stürmern ist veraltet, das moderne System ausgelagert auf andere, neu erschaffene Positionen. Und so wird die Zehn womöglich bald eine Reliquie vergangener Fussballtage sein, die sich zum Libero, dem Vorstopper und dem Manndecker gesellt. Wie konnte es so weit kommen?

Der letzte grosse Zehner

Ronaldinho galt lange als Prototyp des Spielmachers auf der Zehnerposition. Er pflegte zu Teilen ein unberechenbares Spiel, das sich schwierig in eine konkrete Spielform stanzen liess. Auch das soll 2008 ein Grund gewesen sein, weshalb Pep Guardiola den Brasilianer aus dem Team des FC Barcelona aussortierte. Mit dem fanatischen Perfektionisten und dem umherschwebenden Freigeist trafen zwei aufeinander, die sich nicht kombinieren liessen. Ronaldinho musste gehen. Und der FC Barcelona läutete mit der erfolgreichsten Vereinsepoche der vergangenen Jahrzehnte eine neue Zeitrechnung ein.

Die Zeit des modernen Fussballs begann, samt Kurzpassspiel, abkippenden Sechsern und falschen Neunern. Da blieb kaum noch Platz für einen anarchischen Magier, der über dem System schwirrte und das Tempo metronomartig bestimmte, wie seine Tagesform es gerade zuliess. Die Zeit der Individualisten schien zu Ende und damit verschwand eine Abhängigkeit vom Spielertypen Spielmacher.

"Der wichtigste Spieler ist die Sechs"

Nun ist es nicht Pep Guardiola vorzuwerfen, dass die Position des Zehners verschwindet. Auch Jürgen Klopp sagte schon, der beste Spielmacher der Welt sei das Gegenpressing. Joachim Löw formulierte den Abgesang, in einer DFB-Pressekonferenz auf Mesut Özil angesprochen, sogar ganz konkret: "Den klassischen Spielmacher auf der Zehn – so wie früher Zidane, Platini, Netzer – gibt es so nicht mehr." Arsenal Londons Coach Mikel Arteta sägte seinen Zehner nun glatt ab. Er sei an Özil gescheitert.

Der Trend ist unverkennbar: Kein europäisches Top-Team spielt heute noch mit einem Zehner. "Der wichtigste Spieler eines Teams spielt mittlerweile meist auf der Sechs, eine Position weiter hinten", sagt Peter Hyballa im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Deutsch-Niederländer war lange Zeit Trainer, unter anderem im Jugendbereich bei Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen tätig. Zuletzt hat er ein Buch über seine Spielphilosophie geschrieben.

Das Schwinden des klassischen Zehners sieht Hyballa als Konsequenz zunehmender Kontrolle und Ordnung im Spiel. Trainer seien darauf gepolt, systemgetreuen Fussball zu spielen, weg von der Freiheitsstruktur. "Der Zehner ist eigentlich das Gegenteil davon. Er ist der Verrückte, der, der nicht nach hinten arbeitet. Diese Extra-Wurst-Spieler sind aber nicht mehr zeitgemäss."

Und dennoch äusserte DFB-Direktor Oliver Bierhoff 2019 eine Sehnsucht nach genau diesen Individualisten im deutschen Fussball. "Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität", sagte er nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland bei einer DFB-Veranstaltung.

Peter Hyballa
Peter Hyballa trainierte unter anderem die U19 des BVB.

Der moderne Spieler ist vielseitig

Dabei sind es die Spielsysteme und Vereinsstrukturen selbst, die den Individualisten ihre Freiräume nehmen, glaubt Hyballa. Es zählen die Struktur- und Teamspieler, die sich dem System unterordnen. Bereits in der Jugend gehe es zu sehr um die Taktik: "Lass die Jungs doch kicken, mal in der Telefonzelle ein' nass machen. Aber die meisten Trainer haben Angst davor." Vor dem eigenen Kontrollverlust und den Aktionen, die nicht kalkulierbar sind. "Dabei muss ein Zehner auch mal auf den Halbraum scheissen, sich gegen das System wehren", sagt Hyballa.

Der moderne Fussballer wird dagegen zunehmend vielseitig ausgebildet, muss mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen. Bei Innenverteidigern, die sich in den Spielaufbau einmischen, Achtern, die das Zentrum für sich beanspruchen und Stürmern, die sich als falsche Neun in den Rückraum fallen lassen, ist die klassische Zehnerposition im modernen Fussball quasi überbevölkert. "Dann denken sich die Zehner: 'Wenn die alle in meinem Wohnzimmer herumturnen, weiche ich woanders hin aus'", sagt Ex-Trainer Hyballa. Damit ist die Position im dynamischen Spitzenfussball beinahe obsolet geworden.

Ihren romantischen Wert verliert die Zehn so schnell aber nicht. Sie ist noch immer eine Sehnsucht, steht für die Unbekümmertheit des Spiels, ist die Nummer, die den Özils vorbestimmt ist. Den Spielern, die mit der Rückennummer ein Versprechen eingehen. Die diesen Blick zwischen Mitleid und Genervtheit haben, weil nicht alle anderen im Team einen von Gott dermassen geküssten linken Fuss besitzen, wie sie. Und die auch mal wieder ein' in der Telefonzelle nass machen. Nur eben nicht mehr auf der klassischen Zehner-Position. Und in Özils Fall auch nicht mehr in der Premier League.

Über den Experten: Peter Hyballa ist ein ehemaliger Trainer, der sowohl in Deutschland, als auch in den Niederlanden tätig war. Unter anderem trainierte er die U19 bei Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. Zuletzt hat er ein Buch über seine Spielphilosophie geschrieben.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Peter Hyballa
  • dfb.de: Bierhoff: "Zurück an die Weltspitze"
  • theguardian.com: Arsenal's Mikel Arteta: "I feel that I have failed with Mesut Özil" – video
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