Der Abwehrspieler Lucas Hernandez kam für 80 Millionen zum FC Bayern. Ein echter Weltklasse-Transfer und "Brazzos" erste grosse Duftmarke auf dem Transfermarkt. Und nun? Ist die Saison bald rum und Hernandez stand bisher gerade einmal sieben Mal in der Startelf. Was ist schiefgelaufen?

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

Er war eigentlich der Königstransfer. 80 Millionen Euro. Für einen Abwehrspieler. Die Münchner Verantwortlichen um Sportchef Hasan Salihamidzic platzten vor Stolz, als sie den jungen Franzosen Lucas Hernandez im Frühjahr 2019 präsentierten.

Schon bei der Verpflichtung des variablen Verteidigers mit dem starken linken Fuss gab es aber ein paar offene Fragen. Hernandez war damals am Knie verletzt. Die Münchner zerstreuten damals jedoch alle Bedenken und versicherten, dass der Franzose zur neuen Saison fit sein würde. War er dann auch, doch eine weitere Innenbandverletzung am Sprunggelenk Ende Oktober setzte ihn wieder ausser Gefecht.

Davies und Alaba blockieren Hernández' Platz

Seitdem hat sich beim FC Bayern einiges getan. Der Trainer heisst nicht mehr Niko Kovac, sondern Hansi Flick. Alphonso Davies blühte auf der Linksverteidiger-Position auf und gilt inzwischen als eines der grössten Talente auf dieser Position im Weltfussball.

David Alaba rückte dafür in die Innenverteidigung. Schon unter Pep Guardiola hatte er diese Position zeitweise gespielt. Er hat absolut das Potenzial, sich in der zweiten Hälfte seiner Karriere auf dieser Position noch einmal neu zu erfinden. Alaba spielt einen spektakulären Ball. Er treibt die Mannschaft von hinten heraus an, agiert als tiefer Spielmacher und kann gegen die gegnerischen Stürmer auch defensiv seine Schnelligkeit ausspielen.

Davies und Alaba blockieren derzeit einen Platz für Hernandez - und es gibt eigentlich keinen Grund, warum sich das bald ändern sollte. Verlängert Alaba, der immer noch erst 27 Jahre alt ist, seinen Vertrag in München, könnten die beiden Linksfüsser den FC Bayern auf der linken Seite der Viererkette auf Jahre prägen. Das macht es so kompliziert für den 80-Millionen-Mann Hernandez.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Weltmeister von 2018 auch dann nicht restlos überzeugte in München, wenn er fit war. Weder als Linksverteidiger (fünf Pflichtspieleinsätze) noch als linker Innenverteidiger (vier Pflichtspieleinsätze). Etwas schwerfällig und ungelenk wirkte er. Dazu geht er manchmal zu früh auf den Boden, um einen Ball zu gewinnen. Bei einer so hohen Viererkette wie beim FC Bayern kann sich das schnell rächen. Viel Absicherung gibt es da nicht.

Muss Flick dem Weltmeister mehr Chancen geben?

Trotzdem: Wer Hernandez in den vergangenen Jahren bei Atlético Madrid spielen sah, konnte nachvollziehen, warum die Münchner für einen wie ihn an die finanzielle Schmerzgrenze gingen. Er ist für einen Abwehrmann zwar nicht besonders gross (1,82 Meter), dafür in seinen besten Momenten aber schnell, beweglich, robust und mit einem hervorragenden Passspiel gesegnet. Dazu mit 24 Jahren noch mit grossem Potenzial ausgestattet.

Hansi Flick weiss um die schwierige Situation: "Wir werden versuchen, Lucas immer die Möglichkeit zu geben zu spielen. Er ist ein Spieler mit sehr viel Herz. Wir haben noch acht wichtige Spiele. Da wird er für uns mit Sicherheit seinen Dienst leisten. Er macht im Training einen sehr guten Eindruck", sagte er unter der Woche.

Grundsätzlich wäre der zweite Platz in der Innenverteidigung neben Alaba durchaus eine Chance für Hernandez. Jerome Boateng hat sich gefangen, aber überzeugt auch nicht immer restlos.

Es ändert aber etwas im Spiel, wenn drei Spieler mit starkem linken Fuss in der Viererkette spielen. Dies verändert die Winkel im Aufbauspiel. Zudem fehlt es bei einer Innenverteidigung Alaba (1,80 Meter)/Hernandez (1,82 Meter) etwas an Zentimetern gegen kopfballstarke Stürmer. Zum Vergleich: Jerome Boateng ist 1,92 Meter, Niklas Süle sogar 1,95 Meter.

Trotzdem wäre Flick gut beraten, Hernandez in den nächsten Wochen eine Chance zu geben. 80 Millionen Euro sind auch für den FC Bayern ein riesiges Investment. Boateng biegt zudem mit 31 Jahren auf die Schlusskurve seiner Karriere ein.

Hernandez soll den Verein im Idealfall noch Jahre prägen. Dafür braucht er Chancen, sich zu beweisen, sich festzuspielen. Trotz des immer noch offenen Meisterkampfs sollte es daher durchaus eine Priorität sein, einen hochveranlagten Spieler wie Hernandez weiterzuentwickeln.

Merkwürdige Transferbilanz

Der 24-Jährige steht nebenbei auch für eine etwas merkwürdige Transferbilanz des FC Bayern in dieser Saison. Diejenigen, die richtig einschlagen sollten, spielen kaum eine Rolle (Coutinho und Hernandez), während Benjamin Pavard (auf rechts gesetzt) und Ivan Perisic (wichtiger Joker), die eher unter dem Radar verpflichtet wurden, durchaus einen wesentlichen Beitrag zu Bayerns Aufschwung leisten.

Allerdings muss man zwischen Coutinho und Hernandez noch einmal unterscheiden. Coutinho passt mit seiner Spielweise einfach nicht richtig ins System von Hansi Flick. Er hat Durchschlagskraft eingebüsst und ist für eine Rolle als Gelegenheitsspieler einfach viel zu teuer, um über den Sommer hinaus zu bleiben.

Hernandez hat noch vier Jahre Vertrag und ist erst 24. Ihm kann nach wie vor die Zukunft gehören, wenn er von Flick die Chance bekommt, sich zu beweisen. Vielleicht ja sogar tatsächlich neben Alaba. Beide könnten zusammen ein unglaublich spielstarkes Innenverteidiger-Duo bilden. Aufgeben sollte man den Franzosen trotz des verkorksten ersten Jahres jedenfalls definitiv noch nicht.

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