Wie und wann geht es mit der Bundesliga in der Coronakrise weiter? Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der Sportrechtler Michael Lehner, warum die DFL hohe Schadensersatzansprüche beim Staat geltend machen kann – und weshalb seiner Meinung nach Play-offs um die deutsche Meisterschaft die beste Lösung wären.

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Die Coronakrise hat Deutschland fest im Griff. Selbst den oft so unantastbaren Profi-Fussball. Die Spieler überbrücken die Coronavirus-Pause mit Home-Challenges über Instagram oder per Cyber-Training – und wissen nicht, wann und wie es mit der Bundesliga weitergeht.

"Unsere Mitglieder – insbesondere aus der 3. Liga und der Regionalliga – haben zahlreiche Fragen zu ihren Rechten und Pflichten als Arbeitnehmer während einer Pandemie. Schwerpunktmässig geht es dabei um das Thema Kurzarbeit", erklärt Ulf Baranowsky von der Vereinigung der Vertragsfussballer (VDV) unserer Redaktion: "Wir sind intensiv am Ball."

Coronakrise in der Bundesliga: Werder Bremen erwägt Kredite

Doch reicht das? Klubs wie Werder Bremen und Mainz 05 sprechen offen über Zahlungsunfähigkeit und Kredite, sollte der Corona-Shutdown die Deutsche Fussball Liga (DFL) und ihre Mitglieder letztlich Hunderte Millionen Euro aus der TV-Vermarktung kosten. "Sport1" schreibt von einem geschätzten Verlust von 700 Millionen Euro insgesamt und rund 90 Millionen Euro pro Spieltag.

Grossverdiener von Klubs wie Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach verzichten auf Teile ihres Gehalts, um Jobs von Mitarbeitern zu sichern. 56.000 Arbeitsplätze gebe es in 1. und 2. Bundesliga, erklärte DFL-Boss Christian Seifert zuletzt. Die Champions-League-Starter FC Bayern, BVB, RB Leipzig und Bayer Leverkusen stellen ein Rettungspaket bereit, um anderen Klubs zu helfen. Doch reicht das alles, um die wirtschaftlichen Konsequenzen der Coronakrise abzufangen?

"Der Bundesliga-Zug ist abgefahren"

Geht es nach dem bekannten Sportrechtler Michael Lehner aus Heidelberg, "ist der Bundesliga-Zug für diese Saison abgefahren, da tut sich nichts mehr. Wie wollen sie das denn regeln?"

Dr. Michael Lehner.

Lehner kritisiert im Gespräch mit unserer Redaktion, "dass man erstmal zwei Wochen lang geschaut hat, dann hat man Geisterspiele gemacht, um das Fernsehgeld zu bekommen. Geisterspiele sind aber Wettbewerbsverzerrung. Vereine, die grössere Kader haben, sind klar bevorteilt. Das sind alles Wettbewerbsverzerrungen, die Rechtsprobleme mit sich ziehen können, wenn der eine oder andere Klub sich ein Ergebnis nicht gefallen lässt."

"Die Aufsteiger werden durch Play-offs ermittelt"

Für ihn ist klar: Bis zum Hochsommer wird in Deutschland kein Profi-Fussball gespielt. Auch, wenn die DFL jüngst verkündete, den Spielbetrieb vorerst bis zum 30. April auszusetzen. "Haken dran", sagt Lehner und fordert: keine Absteiger! "Die Aufsteiger werden durch Play-offs ermittelt. Auch den deutschen Meister könnte man durch Play-offs ermitteln, da gibt es juristische Lösungen."

Wie würde das dann aussehen? "Man könnte ermitteln, ob für einen Klub die deutsche Meisterschaft noch möglich wäre und so die Play-offs bestimmen", erklärt der renommierte Sportjurist: "Die gerechte Lösung ist: Keine Absteiger und eine Aufstockung der Bundesliga für ein oder mehrere Jahre mit angepassten Abstiegsregeln. Diese Lösung hat am meisten Charme."

Bundesliga: Sportrechtler appelliert an Bayern-Boss Rummenigge, BVB-Geschäftsführer Watzke und DFL-Chef Seifert

Der kommerzielle Sport sei eine Schicksalsgemeinschaft, sagt er weiter: "Spieler sind dazu aufgerufen, auf Gehälter zu verzichten; Dauerkartenbesitzer und andere Fans, ihr Geld für Tickets nicht zurückzuverlangen; Sponsoren, ihr investiertes Geld nicht zurückzufordern. Wir können uns in drei bis fünf Jahre Rechtsstreitigkeiten begeben, oder wir gehen einen anderen Weg."

Lehner fordert deshalb auch ein Umdenken des wohl mächtigsten Dreigestirns im deutschen Fussball: Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss des FC Bayern München, BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und DFL-Chef Seifert.

Alle drei betonen immer wieder, wie wichtig es sei, die Saison 2019/20 zu Ende zu bringen. "Den Watzke verstehe ich. Er denkt, dass er die Euros drin hat. Er hofft, dass er durch solche Fake-Spiele, ich nehme mal das moderne deutsche Wort, noch an die Kohle rankommt", meint Lehner kritisch: "Vielleicht müssen die Herren aber ihre Fantasie erweitern. Das ist eine Situation, die noch nie da war und deswegen Lösungen bedarf, die noch nie da waren."

TV-Verträge der DFL: "Ist die Bundesliga gezwungen, Geisterspiele zu machen?"

Zwar habe die DFL den Verträgen nach gegenüber den TV-Vermarktern zu liefern, erklärt er: "Aber ist die Bundesliga gezwungen, Geisterspiele zu machen, um ihre Leistung zu erbringen? Ich sage: Ein Geisterspiel ist nicht das, was geschuldet ist. Ein Fussballspiel findet vor Publikum statt."

Für die Bundesliga gebe es dagegen gesetzliche Ansprüche, "wenn sie in der aktuellen Situation nicht liefern kann, zum Beispiel auf Fonds. Nehmen wir das Infektionsschutzgesetz, Paragraf 56. Da stehen Entschädigungsansprüche für Selbständige drin", erklärt Lehner.

Den Hinweis, dass es im Gegensatz zu mittelständischen Betrieben oder Solo-Selbstständigen um Hunderte Millionen Euro geht, lässt er nicht gelten. "Der Wohlfahrtsstaat kann liefern. Die vielen Klein-Selbständigen und Gastronomien, der Würstelbudenladen vor einem Fussball-Stadion – da wird es eine Kette geben", sagt er: "Da geht es um sehr viel Geld, was aber im Wohlfahrtsstaat Deutschland vorhanden ist. Der Profisport mit seinen vielen Arbeitsplätzen ist so zu behandeln wie jede andere Branche auch."

Sportrechtler Lehner: Mit Corona infizierte Fussballer müssen das nicht sagen

Lehner ist das gesamte Interview über wohltuend positiv gestimmt – nicht selbstverständlich in der Coronakrise. So hat er am Ende des Gesprächs noch eine Botschaft an alle Fussball-Profis: Macht euch beruflich keine Sorgen, wenn ihr mit dem Coronavirus angesteckt wart oder infiziert seid. Seiner Meinung nach müssen Fussballer das nicht erwähnen – Lehner: "Wenn er geheilt und nicht mehr ansteckend ist, handelt es sich um eine höchstpersönliche Information, die ein Fussballer - juristisch gesehen - niemandem sagen muss."

Zur Person: Dr. Michael Lehner, in Karlsruhe aufgewachsen, arbeitet seit 1983 als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Sportrecht. Lehner, der zweitweise an der Universität Montpellier in Frankreich unterrichtete und heute Partner einer Anwaltskanzlei in Heidelberg ist, ist ferner Mitglied der ISLA (International Sport Lawyers Association) und der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im DAV. Der Jurist fungiert zudem als Schiedsrichter bei der Deutschen Institution für Sportschiedsgerichtsbarkeit.
Zur Person: Ulf Baranowsky, Jahrgang 1974, ist Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfussballspieler (VDV). Der studierte Sportwissenschaftler ist ausgebildeter DFB-Trainer und DFB-Vereinsmanager sowie Vorstandsmitglied des DFB-VDV-Verworgungswerks.

Verwendete Quellen:

  • Gespräche mit Dr. Michael Lehner und Ulf Baranowsky
  • sport1.de: Bundesliga droht Pleitewelle
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