Thomas Müller und Javi Martinez schieben in einer ohnehin schon angefressenen Bayern-Mannschaft grossen Frust. Trainer Niko Kovac trägt mit einer verunglückten Aussage dazu bei, die Debatten neu zu entfachen.

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Es ist immer ein durchaus verräterisches Zeichen, wenn die Spieler des FC Bayern nach einer Partie in der Allianz Arena keine Lust haben, zu reden. Am Samstagabend war das mal wieder so. Die Bayern wurden nach ihrer "Sternstunde" (Karl-Heinz Rummenigge) von London nur ein paar Tage später wieder auf die Erde zurückgeholt. So richtig "down to earth", wenn man in Rummenigges immer etwas übertrieben wirkendem Duktus bleiben mag.

FC-Bayern-Pleite als Stimmungskiller

Das 1:2 gegen 1899 Hoffenheim war ein Stimmungskiller am letzten Wiesn-Wochenende, der Kater nach dem Rausch gegen die Hotspurs fiel besonders gross aus gegen eine Mannschaft, die davor von sechs Spielen nur ein einziges gewonnen und dabei magere fünf Törchen erzielt hatte.

Eigentlich sind Heimspiele wie diese ein Selbstläufer für die Bayern, aber auch in dieser Saison bleibt der Rekordmeister offenbar ein Garant für kleine und grössere Überraschungen.

Jubel, Zweikämpfe, Emotionen: Diese Aufnahmen bleiben im Gedächtnis.

Die Fallhöhe nach dem zum Sieg des Jahrzehnts hochgejazzten Auftritt in der Champions League war natürlich enorm, die durchaus vernehmbaren mahnenden Worte nach dem 7:2 versandeten aber offenbar von den meisten Spielern ungehört.

Hoffenheim ordnete die Leistung der Bayern mit einer ansprechenden, aber keinesfalls überragenden eigenen Vorstellung wieder ein, und wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie hundsmiserabel die Spurs derzeit unterwegs sind, dann wurde der fast zeitgleich auf der Insel geliefert: Der Champions-League-Finalist verlor nach dem Pokal-Aus bei Viertligist Colchester und der Rutsche gegen die Bayern auch in der Liga: 0:3 bei Abstiegskandidat Brighton & Hove Albion.

Javi Martinez komplett enttäuscht

Die Bayern waren also alles andere als redselig nach einem wahrlich ernüchternden Spiel, was die transportierten Bilder aus dem Stadion noch stärker und aussagekräftiger erscheinen liess. Da war Javi Martinez, der auf der Ersatzbank kauerte, den Kopf tief vergraben unter seiner Kapuze, und offenbar weinte. Vor dem Spiel, nicht etwa danach.

Co-Trainer Hansi Flick hatte seinen Arm um Martinez gelegt, versuchte, zu trösten. Auch im zehnten Pflichtspiel in dieser Saison schaffte es der Spanier nicht in die Startelf. Gegen Hoffenheim war seine Familie mit im Stadion, offenbar war Martinez deshalb über die Massen enttäuscht über seiner erneute Nichtberücksichtigung. Einen anderen Grund konnte Sportdirektor Hasan Salihamidzic jedenfalls nicht ausmachen.

"Ja, ich denke das hatte rein sportliche Gründe. Ich wüsste nicht, was es sonst sein könnte. Natürlich ist es für Javi ärgerlich, dass er nicht spielt. Aber der Trainer hat sich für diese Formation entschieden, und die Spieler müssen das akzeptieren. Wir haben viele Spiele, und Javi wird bestimmt seine Chance bekommen", erklärte Salihamidzic nach dem Spiel in der Mixed Zone, er war einer der wenigen, die sich stellten.

Müller schweigt - aus Selbstschutz?

Ganz anders ging der zweite Dauer-Bankdrücker mit der schwierigen Situation um. Thomas Müller duschte offenbar in Rekordzeit, kam weit vor den anderen Kollegen aus der Kabine und war entgegen seiner Gepflogenheiten ganz und gar nicht zu Spässchen aufgelegt. "Nothing to say" gebe es, "gar nix".

Aus reinem Selbstschutz machte sich Müller schnell aus dem Staub, bevor ihm vor den Mikrofonen der Journalisten noch die Gäule hätten durchgehen können.

Müller sass gegen Hoffenheim zum fünften Mal in Serie auf der Bank, in den vier Partien vor Hoffenheim kam er dabei auf insgesamt lediglich 36 Minuten Spielzeit.

Kovac-Formulierung verunglückt: "Not-am-Mann-Müller"

Vor der Partie hatte sich sein Trainer im Interview mit "Sky" etwas ungelenk ausgedrückt, was Müller zum Zeitpunkt seines rapiden Verschwindens aus der Arena wohl längst zugetragen worden war.

Müller sei zwar "nicht irgendjemand, er ist ein wichtiger Spieler - die anderen aber auch", hatte Kovac da glaubhaft versichert, sich aber dann doch in die Nesseln gesetzt. "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er sicherlich seine Minuten bekommen."

Kovac dürfte dies als Wertschätzung für Müller und dessen Qualitäten, auch spät in einer Partie noch einen grossen Einfluss nehmen zu können, formuliert haben. Angekommen ist die Message aber ganz anders.

Aus dem Müller-spielt-immer-Müller ist der Not-am-Mann-Müller geworden, ein beliebiger Kaderspieler, so die Interpretation. Welche auch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, schliesslich ist die Faktenlage ziemlich eindeutig.

Müller bringt Schwung nach Einwechslung

Seit die Bayern spät im August Philippe Coutinho verpflichtet haben, sieht sich Müller in die Rolle des Reservisten gedrängt. Seitdem hat Müller nur gegen Schalke und Leipzig beginnen dürfen, ansonsten war er Ergänzungsspieler. "Thomas ist ein Profi, der geht sehr, sehr gut mit der Situation um", betonte Salihamidzic. "Und wenn er reinkommt, macht er das sehr, sehr gut. Das muss man sagen."

Gegen Hoffenheim war die Not am Mann so gross, dass Müller sogar mehr als die zuletzt obligatorischen 15 oder 20 Minuten ran durfte. Eine halbe Stunde lang konnte er Einfluss auf das Spiel der Bayern nehmen und war - mal wieder - ein äusserst belebender Faktor. Nicht nur wegen seiner Torvorlage und der Umstellung von Vierer- auf Dreierkette.

Müller brachte erneut etwas Unberechenbares mit ein, auf das sich der Gegner nicht einstellen kann. Aber: Es bleibt für ihn und seinen Leidensgenossen Martinez derzeit einfach kein Platz.

Müller-Einsatz nach der Länderspielpause?

Bei den Bayern ist ja immer Gedränge und die Schlagzeilen schneller und reisserischer formuliert als bei jedem anderen Klub in Deutschland. Aber dass Kovac ein paar Tage nach einem - trotz des klaren Ergebnisses - kraftraubenden Trip nach London im nächsten Spiel nicht rotieren liess und dem einen oder anderen Spieler eine kleine Pause gönnte, war schon etwas verwunderlich. Zumal die Problematik um Müller und Martinez damit noch mehr Fahrt aufnimmt.

Vermutlich wird Kovac in einem etwas grösseren Rahmen denken. Nach der nun anstehenden Länderspielpause ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Coutinho wegen der Reisestrapazen eine kleine Pause bekommt.Dann bekäme der ausgeruhte Müller im nächsten Spiel beim FC Augsburg seine Chance von Beginn an.

Und auch Martinez werde noch wichtig, "es gibt ja über 50 Spiele pro Saison, da bekommt jeder seine Einsätze", versicherte Salihamidzic.

Wie geht es weiter beim FC Bayern?

Die Frage ist nur, wie die beiden verdienten Spieler, die es - in spielfittem Zustand - gewohnt sind, auch zu spielen, damit umgehen werden. Martinez kommt bisher auf schlanke 131 Einsatzminuten, wäre vor dem Spiel gegen Tottenham als klarer Startelfkandidat durchgegangen. Immerhin soll er beim letzten grossen Auswärtsspiel der Bayern in der Königsklasse die Offensive des FC Liverpool ja förmlich im Alleingang aufgehalten haben.

Stattdessen setzte Kovac auf Corentin Tolisso, korrigierte seine Einschätzung zur Pause aber wieder und brachte Thiago. Martinez sass 90 Minuten nur auf der Bank. Ebenso wie nun beim Trostspiel gegen Hoffenheim.

Aber von Martinez sind trotz der für ihn unbefriedigenden Situation keine (verbalen) Störfeuer zu erwarten. Bei Thomas Müller dürfte sich das etwas anders darstellen. Der hat sich schon in den letzten Jahren mit seiner Reservistenrolle kaum anfreunden können.

Martinez und Müller - Führungsspieler ausser Dienst

"Ich weiss nicht genau, welche Qualitäten der Trainer sehen will, aber meine sind scheinbar nicht hundertprozentig gefragt", ätzte Müller vor zwei Jahren in Richtung des damaligen Trainers Carlo Ancelotti. In der letzten Saison entfachte seine Frau Lisa eine ähnlich hitzige Debatte mit einem Post in den sozialen Medien, der eindeutig gegen Niko Kovac gerichtet war.

Müller ist seit ein paar Tagen 30 Jahre alt. Die Zeiten, als die halbe Premier League hinter Müller her war und Manchester United angeblich eine dreistellige Millionensumme geboten hatte, sind vorbei. Der Weltmeister ist immer noch ein Gesicht des FC Bayern, selbst kühnste Gedanken an eine Veränderung erscheinen derzeit nicht zulässig.

Ebenso bei Martinez, der den Klub liebt und wie Müller einer der Publikumslieblinge ist. Und trotzdem wird sich bei beiden etwas ändern müssen. Eine komplette Saison als Führungsspieler ausser Dienst ist kaum vorstellbar.