Während der DFB auch nach der blamablen 0:6-Niederlage in Spanien den Weg mit Jogi Löw weitergehen will, üben zwei ehemalige Nationalspieler deutliche Kritik am Bundestrainer. Lothar Matthäus findet, Löw hätte schon viel früher zurücktreten müssen. Und auf Didi Hamann wirkt der Bundestrainer "ratlos" und "stur". Doch es gibt auch Stimmen, die Löw in Schutz nehmen.

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Die herbe 0:6-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft in Spanien zieht weiter ihre Kreise. Vor allem Bundestrainer Jogi Löw, der dank dem DFB weiterhin fest im Sattel sitzt, sieht sich deutlicher Kritik ausgesetzt.

Nach Ansicht von Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus hat Löw den "perfekten Zeitpunkt zum persönlichen Rücktritt verpasst". Matthäus schrieb in seiner Kolumne für den TV-Sender Sky: "Und der wäre nach dem WM-Titel 2014 gewesen. Der Moment des grössten Triumphes ist meistens der beste, um den Weg frei zu machen. Aber es ist für viele gleichzeitig der schwierigste. Löw, wie so viele andere an seiner Stelle, wollte dann den verdienten Titel-Bonus auskosten, weitermachen, noch mehr gewinnen, und die meisten scheitern an dieser Aufgabe."

Er habe den Eindruck, dass Löw amtsmüde wirke, sagte Matthäus. "Seine öffentlichen Statements und Erklärungen sind nicht mehr so klar, deutlich und souverän wie noch vor einigen Jahren. Und das spiegelt seine Mannschaft auf dem Feld wider."

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Vom Weltmeistertrainer zum Buhmann: Der vorläufige Abstieg des Jogi Löw

2014 ist Jogi Löw auf dem Höhepunkt seiner Trainerkarriere angekommen. Als Bundestrainer coacht er die deutsche Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel in Brasilien. Sechs Jahre später wackelt sein Trainerstuhl mehr denn je. Eine Chronologie des Abstiegs.

Auch Hamann geht mit Löw hart ins Gericht

Ähnlich verheerend äussert sich auch der frühere Vizeweltmeister Dietmar Hamann. Er glaubt, die 0:6-Pleite sei der hohe Preis für Sünden der Vergangenheit gewesen, schreibt er ebenfalls für Sky.

Zudem deutete der TV-Experte eine mutmassliche Überforderung von Bundestrainer Joachim Löw bei der Gestaltung des Umbruchs an und machte den Coach auch für den Ansehensverlust des Teams in der Öffentlichkeit verantwortlich.

"Löw hatte immer herausragende Mannschaften und Spieler, die Probleme innerhalb der Kabine alleine geregelt haben. Jetzt wirkt er ratlos", erklärte Hammann: "Er hat das Gefühl, dass er die Mannschaft nicht mehr so erreicht wie noch vielleicht vor drei Jahren. Und wenn dies der Fall ist, dann sind die Probleme tiefgründiger, als es alle wahrhaben wollen." Nach seiner Einschätzung mache die Auswahl des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) "doch ein Stück weit einen führungslosen Eindruck".

Versäumnisse nach WM 2018 rächen sich

Mit Verzögerung würden sich nunmehr Versäumnisse rund um die misslungene Verteidigung des WM-Titels 2018 in Russland rächen. "Es war selbstgefällig, dass man vor der WM 2018 überhaupt nicht den Gedanken in Betracht gezogen hat, dass etwas schieflaufen könnte, und dass man den Vertrag mit Löw verlängert hat", schrieb Hamann.

Mehr aber als der peinliche Misserfolg in Russland hätte der Nationalelf und ihrem Image die spätere Ausbootung von Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels geschadet, meinte der ehemalige England-Legionär: "Die Nationalmannschaft hat seit 2018 Stück für Stück an Glaubwürdigkeit verloren. Die Art und Weise, wie man verdiente Spieler aussortiert hat, war respektlos. Damit ging der schrittweise Verfall der Glaubwürdigkeit los."

Den zahlreichen Forderungen nach einer Rückkehr von Müller, Boateng und Hummels ins Nationalteam haben für Hamann nur begrenzt Aussicht auf Erfolg: "Ich habe das Gefühl, dass Joachim Löw eine gewisse Sturheit entwickelt hat. Er zieht das jetzt durch, ob es richtig ist oder nicht." Dabei wäre nach dem Abpfiff des Spiels in Spanien "die perfekte Möglichkeit gewesen zu sagen: Wir überlegen uns das."

Von einem Sinneswandel in dieser strittigen Personalfrage kann Löw nach Hamanns Ansicht allerdings nur profitieren: "Sollte er von seiner Entscheidung abkehren, wäre es kein Gesichtsverlust, sondern ein Zeichen von Stärke."

Scholl und Effenberg nehmen Löw in Schutz

Doch es gibt auch Stimmen, die Löw in Schutz nehmen. Es sei die richtige Entscheidung an Löw festzuhalten, sagte beispielsweise Stefan Effenberg dem Internetportal "Sport1" und fügte hinzu: "Im Endeffekt standen da Spieler auf dem Platz, die sehr wohl eine gewisse Qualität und zum Teil auch grosse Erfahrung haben. Und wenn diese Jungs das nicht abrufen, muss man auch mal mit dem Finger auf sie zeigen und nicht nur auf Jogi Löw."

Insbesondere Toni Kroos habe gezeigt, dass er kein Führungsspieler sei. Es sei klar zu erkennen gewesen, "dass Joshua Kimmich der wahre und richtige Leader dieser Mannschaft ist", sagte Effenberg. Kroos sei nicht der Typ, um verbal als Führungsspieler aufzutreten.

Effenbergs ehemaliger Nationalmannschaftskollege Mehmet Scholl monierte, dass der Bundestrainer das ausbaden müsse, was in der Trainerausbildung und im Nachwuchs falsch laufe. "Das hat nichts mit Löw zu tun, er kann eine Fehlentwicklung nicht an wenigen Tagen auffangen. Die neue Generation sind noch keine Gewinner", sagte Scholl der "Bild"-Zeitung.

Die aussortierten Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller könnten da auch nichts mehr retten. "Es geht um die Ausbildung der neuen Generation", sagte Scholl.

Ähnlich sieht es Effenberg: "Jogi Löw hat jetzt die Chance, personell Konsequenzen zu ziehen und das muss er auch tun. In meinen Augen nicht mit Boateng, nicht mit Hummels, nicht mit Müller, sondern mit den Spielern, die er jetzt zur Verfügung hat."

(afp/dpa/ska)