Keine Spieldominanz, dafür umso mehr einfache Fehler: Die deutsche Nationalmannschaft hinterliess beim 2:4 gegen die Niederlande ein schwaches Bild. Bringt die Unerfahrenheit dieser jungen Mannschaft die EM-Quali in Gefahr?

Mehr Fussballthemen finden Sie hier

Frustriert schlichen Spieler und Trainer vom Platz, als das 2:4 gegen die Niederlande abgepfiffen war. "Wir haben das Spiel völlig aus der Hand gegeben", ärgerte sich Innenverteidiger Niklas Süle. "Die Gegentore haben wir viel zu leichtfertig kassiert", fügte Offensivspieler Serge Gnabry hinzu. Und Bundestrainer Joachim Löw fasste zusammen: "Das ist nicht das Spielverständnis, das wir haben wollen."

Es gab viele Kritikpunkte, mit denen sich die deutsche Nationalmannschaft am Freitagabend befassen musste. Warum fand die Mannschaft trotz der 1:0-Führung nie zu ihrem Spiel? Warum hatte sie so ungewohnt wenig Ballbesitz? Woraus resultierte die Fehleranfälligkeit im Aufbauspiel? Und warum strahlte die Abwehr keinerlei Sicherheit aus? All das sind Fragen, auf die Löw schnellstmöglich Antworten finden muss.

Joachim Löw: "Die Niederlage ist verdient"

"Die Niederlage ist verdient", weiss der Bundestrainer. "Leider hatte ich heute nie das Gefühl, dass wir das Spiel im Griff hätten. In der Vorwärtsbewegung haben wir zu viele Bälle verloren. Zudem sind wir vorne nie wirklich in die Gefahrenzone gekommen. In der zweiten Hälfte wurden die Niederländer dann immer druckvoller. Wir konnten uns nicht mehr befreien."

Die Spieldominanz, die jahrelang das Markenzeichen des deutschen Fussballs gewesen ist, fehlte im Spiel gegen die Niederlande völlig. In der ersten Halbzeit gab es Phasen, in der die Niederlande fast 60 Prozent Ballbesitz hatte.

In der zweiten Halbzeit brach die deutsche Nationalmannschaft dann völlig ein. Vier Gegentore innerhalb von 32 Minuten sprechen Bände. Zumal die Tore immer aus einem Fehlverhalten der deutschen Verteidigung resultierten. Bei dem Gegentreffer zum 1:1 waren Jonathan Tah und Nico Schulz schlecht positioniert. Das 1:2 war ein Eigentor von Tah. Die weiteren beiden Gegentreffer folgten aus individuellen Fehlern von Matthias Ginter, Joshua Kimmich und Süle.

Joshua Kimmich: "Wir sind nicht reif genug"

"Das hat gezeigt, dass wir nicht reif genug sind. Es war heute nicht das erste Mal, dass wir eine Führung hergegeben haben. Das ist kein Zufall mehr", fand Kimmich deutliche Worte. Die Fehleranfälligkeit in der Abwehr führt er darauf zurück, dass die DFB-Elf zu wenig Ballbesitz hatte: "Wenn du kilometerweise immer nur dem Ball hinterherläufst, ist es schwierig, die Konzentration bis zum Ende bei 100 Prozent zu behalten."

Stand die deutsche Nationalmannschaft in erfolgreichen Zeiten für totale Dominanz und maximalen Ballbesitz, so findet nun eine Kurskorrektur statt. Löw hatte bereits im März angekündigt, den Fokus nicht mehr auf den reinen Ballbesitzfussball legen zu wollen. Stattdessen sollten Dynamik, Zielstrebigkeit und Schnelligkeit mehr Einzug finden.

"Dass wir weniger Ballbesitz hatten, ist teilweise gewollt", sagt Toni Kroos daher. "Wenn wir tief stehen und Ballgewinne haben, können wir mit unseren schnellen Spielern Konter fahren." Diese Strategie war zumindest in der ersten Halbzeit erkennbar.

Gegen den Ball verteidigte die Mannschaft aus einer sicherstehenden Fünferkette heraus. Die beiden defensiven Mittelfeldspieler Kroos und Kimmich spielten nach Ballgewinnen immer wieder den schnellen Pass nach vorne, um die flinken Offensivspieler Serge Gnabry, Timo Werner und Marco Reus in Szene zu setzen.

Beim Führungstreffer zum 1:0 ging diese Taktik auf: Kimmich leitete mit einem genialen Pass einen Angriff ein, welcher letztendlich das Tor von Gnabry ermöglichte. In der zweiten Halbzeit nahm die Torgefährlichkeit allerdings rapide ab. Das zwischenzeitliche 2:2 resultierte lediglich aus einem sehr strittigen Handelfmeter zugunsten von Deutschland. Danach fand die DFB-Elf keinen Zugriff mehr auf das Spiel.

Auch die eingewechselten Ilkay Gündogan und Kai Havertz, die in der letzten halben Stunde für mehr Ballsicherheit sorgen sollten, waren kein Faktor.

Oliver Bierhoff: "Keine Abkürzung zum Erfolg"

Ein Problem könnte die Unerfahrenheit der Mannschaft sein. Acht der elf Spieler aus der Anfangsformation waren 26 Jahre oder jünger. DFB-Direktor Oliver Bierhoff sagt: "Ich würde das Spiel als einen Entwicklungsschritt sehen. Ich hatte schon einmal gesagt, dass wir noch Zeit brauchen und dass es auch Schwierigkeiten und Probleme geben wird. Es gibt keine Abkürzung zum Erfolg – auch für diese junge Mannschaft nicht."

Vor allem der Abwehr war die mangelnde Routine anzusehen. Kein Wunder: Die Fünferkette hatte ein Durchschnittsalter von 24,2 Jahren. Die Veteranen Mats Hummels und Jerome Boateng wurden längst aus der Nationalmannschaft aussortiert. Ein Fehler?

Laut Bierhoff nicht. Er möchte die Gegentorflut nicht auf die Unerfahrenheit der Hintermannschaft zurückführen: "Als wir im Herbst verloren haben, war viel Erfahrung auf dem Platz. Trotz der Erfahrung haben wir dann blöde Tore kassiert. Ich würde das nicht auf die Erfahrung schieben."

Aber wie ist das schwache Abwehrverhalten dann zu erklären? "Man hat einfach gesehen, dass zu viel Passivität da war, auch ein bisschen Angst", sagt Bierhoff. "Dann werden immer mehr Rückpässe gespielt, man wird hinten rein gedrängt und dann passieren eben Fehler."

Nationalmannschaft unter Siegzwang

Das Problem ist nur: Fehler darf sich die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation zukünftig nicht mehr erlauben. Aufgrund der 2:4-Niederlage hat die Niederlande nun den direkten Vergleich (Hinspiel endete 3:2 für Deutschland) gewonnen. Das bedeutet: Bei Punktgleichheit zieht die DFB-Elf den Kürzeren.

Umso wichtiger ist es, sich am Montag gegen den Tabellenführer Nordirland durchzusetzen und diese Mannschaft in der Tabelle hinter sich zu lassen. "Wir müssen nun alle Spiele gewinnen", sagt Kimmich.

Mit einer Leistung wie am Freitagabend wird das allerdings schwierig.

Bildergalerie starten

Transfers: Diese Vereine in Europa erzielten den höchsten Überschuss

Aus der 1. Bundesliga ist der VfB Stuttgart zum dritten Mal verschwunden. Doch kein einziger Klub aus dem Oberhaus hat bezüglich Transfers in diesem Sommer finanziell eine bessere Bilanz erzielt als die Schwaben. Unsere Übersicht wird Sie verblüffen.