Julia Simic spielte in ihrer aktiven Zeit von 2005 bis 2013 für den FC Bayern München. Heute begleitet sie als Sky-Expertin die Geschehnisse in der Bundesliga und bei ihrem Ex-Verein. Im Interview mit unserer Redaktion analysiert sie die Situation beim FC Bayern und findet kritische Worte für die Vereinsführung, Manuel Neuer und Leon Goretzka.

Ein Interview

Frau Simic, erkennen Sie Ihren früheren Verein FC Bayern München momentan überhaupt noch wieder?

Julia Simic: Schwer. Es herrscht sehr viel Unruhe im Verein. Der FC Bayern wird nicht ohne Grund der FC Hollywood genannt. Ganz ruhig ist es in dem Verein nie. Aber die viele Unruhe in den letzten Wochen und Monaten – das war ein Gesicht, das ich vom Verein eigentlich nicht kenne. Momentan ist der Klub, mit all seinen "Mia san mia"-Werten, kaum er selbst.

Wann nahm diese Entwicklung ihren Anfang? Man hat das Gefühl, dass es seit der Freistellung von Trainer Julian Nagelsmann nur noch bergab geht

Ich würde noch weiter zurückgehen. Der FC Bayern war schon immer sehr eng mit der Nationalmannschaft verbunden. Die Weltmeisterschaft verlief sehr enttäuschend. Es gab einige Nationalspieler vom FC Bayern, die nicht in der besten Form waren. Dann brach mit der Verletzung von Manuel Neuer der Kapitän weg, es folgten die Entlassung von Torwart-Trainer Toni Tapalovic und der Ärger um Serge Gnabry, der nach Paris zur Fashion Week geflogen ist.

Simic: "Es gab einfach viele Störfaktoren"

Es gab einfach viele Störfaktoren, die Julian Nagelsmann moderieren musste. Als Bayern-Fan hätte man sich gewünscht, dass die Themen schneller gelöscht werden. Es gelang ihnen nicht, Ruhe hineinzubekommen. All das führte zu einer mangelnden Konstanz in der Liga, und als i-Tüpfelchen folgte die Trainerentlassung. Der Zeitpunkt war überraschend, weil dieser in der entscheidenden Saisonphase vorgenommen wurde.

Früher hat sich ein Uli Hoeness bedingungslos vor die Mannschaft gestellt. Standen frühere Spieler wie Oliver Kahn oder Franck Ribery in der Kritik, hat er diese lautstark verteidigt. Ist dies beim FC Bayern verloren gegangen? Gnabry wurde zum Beispiel wegen seines Paris-Trips von Hasan Salihamidzic öffentlich scharf kritisiert

Ja, vom FC Bayern kennt man eigentlich, dass sie sich vor ihre Mannschaft stellen. Uli Hoeness war jemand, der die Aufmerksamkeit dann brutal auf andere Dinge gelenkt hat. Das war diesmal anders. Und ich glaube, genau das fiel Salihamidzic auch ein bisschen vor die Füsse. Es wurde einfach nie ruhiger, weil es zu viele Themen auf einmal gab.

Manuel Neuer mit der Schale.
Manuel Neuer mit der Schale. © IMAGO/Sven Simon/IMAGO/Anke Waelischmiller/Sven Simon

Als der FC Bayern am letzten Spieltag Meister wurde, hob Manuel Neuer als Kapitän zuerst die Meisterschale hoch. Fanden Sie das passend, nachdem er den FC Bayern durch seinen Skiunfall in eine schwierige Lage brachte und mit seinem Interview auch noch für viel Unruhe sorgte?

Nein, ich fand es eher unpassend. Man hätte es sich zum Beispiel auch teilen können, indem die drei Kapitäne Joshua Kimmich, Thomas Müller und Manuel Neuer gemeinsam die Schale hochheben. Es wäre meiner Meinung nach okay gewesen, ihn dabei mit einzubeziehen. Dass er die Meisterschale aber alleine hochhebt, fühlte sich nicht richtig an – gerade, wenn man an dieses Interview zurückdenkt, in dem er die Vereinsführung kritisierte. Es gab einfach andere Spieler, die mehr zur Meisterschaft beigetragen haben.

Noch einmal zurück zum Trainerwechsel: Ist Tuchel so viel besser als Julian Nagelsmann, dass er diese Investition wert ist? Der FC Bayern muss einerseits weiterhin viele Millionen Euro Gehalt für Nagelsmann und sein Trainerteam zahlen, andererseits auch noch ein Top-Gehalt für Tuchel und dessen Trainerteam.

Von der Fachkompetenz schätze ich beide Trainer ähnlich stark ein. Tuchel hat aber zehn bis 15 Jahre mehr Erfahrung als Nagelsmann. Ich denke, der FC Bayern hat gehofft, dass er mit seiner ruhigen und reflektierenden Art und Weise Ruhe hereinbekommt und für mehr sportliche Konstanz sorgt. Das ist ihm rückblickend nicht gelungen. Wahrscheinlich wäre die Saison mit Julian Nagelsmann auch nicht viel schlechter ausgegangen. Aber das ist spekulativ. Jedenfalls war der Trainerwechsel eine riesige Investition, die sich bislang nicht ausgezahlt hat. Das wird den freigestellten Vereinsbossen Kahn und Salihamidzic sicherlich vorgehalten.

Glauben Sie, dass der FC Bayern mit Tuchel wieder voll auf die Erfolgsspur findet?

Ja, weil ich Tuchel für einen fachlich sehr guten Trainer halte. Aber das braucht seine Zeit. Man muss einem neuen Trainer zwei bis drei Transferperioden geben, bis er seine Mannschaft zusammen hat. Andererseits gab es auf den vorherigen Stationen von Tuchel immer wieder menschlich Probleme und vorzeitige Trennungen. Ich bin gespannt, wie das beim FC Bayern laufen wird. Seine Aussendarstellung fand ich schon einmal sehr gut. Er kommt ehrlich rüber und versucht, Ruhe hereinzubringen.

Der FC Bayern hat derzeit keinen Sportvorstand. Wen können Sie sich für diese Position vorstellen?

Es ergibt keinen Sinn, irgendwelche Namen zu nennen. In den Medien werden zwar Max Eberl und Markus Krösche genannt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie jetzt auf einmal RB Leipzig beziehungsweise Eintracht Frankfurt verlassen. Der FC Bayern ist erst einmal auch so gut aufgestellt. Karl-Heinz Rummenigge wurde in den Aufsichtsrat geholt und wird Einfluss auf die Transfers nehmen, Uli Hoeness wird vielleicht unterstützen, Tuchel wird ebenfalls entscheidend mitwirken. Wichtig ist, dass der Verein zur Ruhe kommt und dass man eine Mannschaft zusammenstellt, die zum Trainer passt.

Simic über Goretzka: "Er hat nie zu seiner Form zurückgefunden"

Beim FC Bayern gerieten zuletzt auch Joshua Kimmich und Leon Goretzka in die Kritik. Wie haben Sie die beiden deutschen Nationalspieler gesehen?

Mit Goretzka habe ich fast ein bisschen mitgelitten, als er im letzten Saisonspiel beim 1. FC Köln ein- und dann wieder ausgewechselt wurde. Ich weiss, wie sich das anfühlt. Er hat nie zu seiner Form zurückgefunden und hatte wohl auch lang anhaltende Patellasehnenprobleme. Das kostet einige Prozentpunkte Leistungsfähigkeit. Er kam dadurch nie an die 100 Prozent. Die Leistungen von Kimmich hingegen fand ich stark. Ich denke, er braucht einfach noch einen starken Partner an seiner Seite, damit er noch mehr Einfluss auf die Mannschaft nehmen kann.

Warum stand Kimmich dann in der Kritik?

Man erwartet Dinge von ihm, denen er einfach nicht gerecht werden kann. Er kann nicht gleichzeitig vorne die Spiele entscheiden und hinten an jeder Abwehraktion beteiligt sein. Er läuft am meisten, hat die meisten Ballkontakte und spielt die meisten Pässe. Aber er kann nicht drei Positionen gleichzeitig bekleiden. Daher würde ihm ein Spieler wie zum Beispiel Declan Rice, den ich noch aus meiner Zeit bei West Ham United kenne, an seiner Seite guttun, weil der sich voll auf die Defensive fokussiert.

Rechnen Sie in der kommenden Saison wieder mit einem spannenden Meisterschaftskampf, oder wird der FC Bayern zukünftig wieder souverän vorzeitig Meister?

Ich hoffe, dass die Saison ähnlich spannend wird. Der Meisterschaftskampf hat der Bundesliga gutgetan, gerade auch in der Aussendarstellung. Es wäre schön, wenn Dortmund, Leipzig und vielleicht auch Union Berlin mithalten können. Aber ich glaube, dass der FC Bayern der Riese ist, der jetzt wieder ein bisschen gekitzelt wurde. Man wird grosse Transfers tätigen und kommende Saison noch stärker sein. Daher kann es sein, dass der FC Bayern durchstartet und die Meisterschaft frühzeitig entscheidet. Auch wenn ich das nicht hoffe.

Zur Person: Julia Simic spielte in ihrer aktiven Zeit unter anderem für den FC Bayern München, den VfL Wolfsburg, West Ham United und den AC Mailand, absolvierte ausserdem zwei Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft. Im Mai 2021 beendete sie ihre Karriere, ist seitdem Co-Trainerin der deutschen U17-Nationalmannschaft und arbeitet als TV-Expertin bei Sky. Ab der kommenden Saison ist Simic Co-Trainerin der U20-Frauen von Eintracht Frankfurt.

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