Nach 43 Jahren in Diensten des FC Bayern München verlässt der berühmteste Mannschaftsarzt der Bundesliga die Fussball-Bühne. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, "Doc" des Rekordmeisters und ungezählter Weltklassathleten, ging ein Fall "gewaltig unter die Haut". 1986 half Müller-Wohlfahrt im Titelkampf ausgerechnet dem besten Stürmer des grössten Bayern-Gegners: Bremens Rudi Völler. Ausgangspunkt war ein schweres Foul.

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Stellen Sie sich in der kommenden Saison 2020/21 folgenden Fall vor: Spitzenspiel in München, Borussia Dortmunds schneller Torjäger Erling Haaland schnappt sich an der Mittellinie den Ball. Er legt ihn an dem nicht mehr ganz so schnellen Jerome Boateng vorbei und sprintet hinterher.

Boateng kann Haaland nicht folgen. Er grätscht und trifft in vollem Lauf Haalands Beine. Der Hüne aus Norwegen hätte freie Bahn zum Bayern-Tor gehabt. Jetzt fliegt er in hohem Bogen durch die Luft, landet hart auf dem Rasen und krümmt sich sofort vor Schmerzen auf dem Boden. Haaland muss ausgewechselt werden. Die Bayern führen zum Zeitpunkt von Haalands Ausscheiden mit 1:0 und schlagen Dortmund mit 3:1.

Nach einer Untersuchung tags darauf steht fest, dass Haaland monatelang ausfallen wird. Er fehlt dem BVB nicht nur im Titelrennen mit Titelverteidiger FC Bayern München. Haalands Teilnahme mit der norwegischen Nationalmannschaft an der EM-Endrunde im Sommer 2021 ist vier Monate nach Boatengs Foul noch immer in Gefahr. Eine Unterschung beim Mannschaftsarzt des FC Bayern München und dessen Rat zu einer Operation retten Haalands Saison. Er wird genau zum Rückspiel gegen die Bayern wieder fit und fährt auch zur EM. Borussia Dortmunds Verantwortliche sind stinksauer.

Die beschriebene Szenerie ist Fiktion, hat sich aber doch genau so abgespielt. Nur mit anderen Beteiligten und in der Saison 1985/86.

Augenthalers schweres Foul setzt Völler ausser Gefecht

Die Rolle Erling Haalands fiel damals Rudi Völler zu, die Jerome Boatengs Klaus Augenthaler. Das schwere Foul trug sich am 23. November 1985 zu. Im Münchner Olympiastadion lief an diesem 16. Spieltag das Spitzenspiel des FC Bayern gegen den damaligen Herausforderer Werder Bremen. Die Hanseaten reisten als Tabellenführer an die Isar. Ihr Vorsprung auf den Tabellen-Dritten betrug, umgerechnet auf die heutige Drei-Punkte-Regel, vier Zähler.

Augenthalers überhartes Einsteigen zwingt Völler bereits in der 28. Minute dazu, den Platz zu verlassen. Diagnostiziert wird ein Abriss der Adduktoren im linken Oberschenkel.

Bremens Präsident: "Brutale Treterei der Bayern"

Die Bremer Verantwortlichen schäumen vor Wut. Werders Präsident Dr. Franz Böhmert wirft den Spielern des FC Bayern im "kicker" eine "brutale Treterei" vor und bemerkt: "Wir sind glücklich, dass es nur einen Verletzten gegeben hat."

Die Bayern wehren sich. Manager Uli Hoeness nennt Augenthalers Einsteigen ein "normales Foul". Trainer Udo Lattek erinnert die Bremer daran, "dass wir schliesslich nicht Tischtennis oder Schach spielen."

Völler rechnet zunächst mit einer Pause von vier oder fünf Wochen. Doch vier Monate später hat der Nationalstürmer noch immer kein weiteres Spiel bestritten. Er ist noch immer nicht schmerzfrei.

Schon am 2. Dezember 1985 hat ein "kicker"-Leser das WM-Aus für Völler befürchtet: "Unbegreiflich, dass ein 'Nationalmannschaftskollege' zu solchen Mitteln greifen muss und somit dazu beiträgt, dass Deutschlands bester Stürmer womöglich bei der WM in Mexiko nicht spielen kann."

Bayern Münchens Mannschaftsarzt Dr. Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt begann seine Arbeit beim späteren Rekordmeister im Februar 1977, als Klaus Augenthaler gerade von Bayerns Amateuren zu den Profis befördert wurde.

Müller-Wohlfahrt rät Völler zu einer Operation in Belgien

Völler kehrt rechtzeitig zurück. Zu verdanken hat er dies ausgerechnet dem Mannschaftsarzt des FC Bayern München, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Müller-Wohlfahrt untersucht Völler im Februar 1986 auf Vermittlung seines langjährigen Vertrauten, DFB-Teamchef Franz Beckenbauer. Müller-Wohlfahrt findet heraus: Völlers Beschwerden rühren nicht vom Augenthaler-Foul her. Völler leide an einer sogenannten "weichen Leiste". Sie sorge für eine immer wieder entzündete Bauchmuskulatur. Der bei dem Foul verletzte Adduktorenmuskel sei okay. Bayern Münchens "Doc" rät Völler zu einer Operation.

Diese nimmt der belgische Spezialist Marc Martens vor. Bremens Mannschaftsarzt Dr. Karl Meschede ist dabei - und widerspricht anschliessend Müller-Wohlfahrts Diagnose. Es sei eine "reine Adduktorenverletzung behoben" worden, die von Augenthalers Foul und dem anschliessenden Sturz herrühre. Zudem seien die Bauchmuskeln gestrafft worden.

Werders Vizepräsident Klaus-Dieter Fischer attackiert im "kicker" am 20. Februar 1986 Beckenbauer: "Sicherlich wollte der Franz nur das Beste für den Rudi. Wir finden es jedoch merkwürdig, wenn er Rudi zum Arzt der Konkurrenz schickt und uns nicht einmal informiert."

Das Verhalten Müller-Wohlfahrts nennt Fischer "skandalös. Obwohl er Völler absolute Diskretion zusagte, hat er seine ärztliche Schweigepflicht gebrochen." Den Bayern sei es nur darum gegangen, "Augenthaler auf Völlers Kosten zu rehabilitieren."

Bremens Torjäger Rudi Völler kehrt nach fünfmonatiger Verletzungspause am 22. April 1986 in die Mannschaft zurück - rechtzeitig zum Spitzenspiel gegen die Bayern. In dieser Szene holt Völler gegen Sören Lerby einen Handelfmeter heraus.

Müller-Wohlfahrt geht Attacke aus Bremen "unter die Haut"

Müller-Wohlfahrt gibt am 30. März 1986 im "kicker" zu: "Mir ging das Ganze gewaltig unter die Haut." Und er prophezeite: "Ich bin sicher, der Rudi wird gegen uns spielen können."

Tatsächlich ist Völler ausgerechnet zum Rückspiel, das am 33. Spieltag über die Vergabe der Deutschen Meisterschaft entscheiden kann, einsatzbereit.

Herbstmeister Bremen fehlt nur ein Sieg über die Bayern, um nach dem Wiederaufstieg 1981 und den Vizemeisterschaften 1983 und 1985 endlich den grossen Coup zu landen.

Trainer Otto Rehhagel wirft Völler in der 77. Minute für Norbert Meier in die Partie, die an einem Dienstagabend unter Flutlicht stattfindet. Es steht 0:0.

In einem Zweikampf mit Sören Lerby holt Völler kurz vor Schluss einen Elfmeter heraus. Völler schiesst Lerby ins Gesicht. Schiedsrichter Volker Roth sieht das nicht. Er entscheidet auf Handspiel und zeigt auf den Elfmeterpunkt. Der Video-Schiedsrichter ist noch über 30 Jahre entfernt.

Rudi Völler, links, arbeitete als Teamchef des DFB zwischen 2002 und 2004 mit dem damaligen Arzt der Nationalmannaschaft, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ganz rechts, zusammen. In der Mitte Bundestrainer Michael Skibbe.

Bremen ist nur einen Schuss vom Meistertitel entfernt

Die Spannung im Weserstadion ist nicht mehr auszuhalten. Alle Blicke richten sich auf Michael Kutzop. Wenn Werders Spezialist in der 89. Minute trifft, ist Bremen nicht nur Meister, sondern Völler hat dazu die entscheidende Vorarbeit geleistet. Der Völler, den erst die Hilfe des Mannschaftsarztes des FC Bayern wieder zum Laufen gebracht hat.

Während Kutzop anläuft, scheinen alle Zuschauer im Stadion die Luft anzuhalten. Sie werden Zeugen des vielleicht berühmtesten Fehlschusses der Bundesliga-Geschichte. Kutzop trifft nur den Aussenpfosten. Die Entscheidung, wer Meister der Saison 1985/86 wird, fällt erst am letzten Spieltag. Bremen hat noch zwei Punkte Vorsprung, heute drei Punkten entsprechend.

Die Bayern erhalten am 26. April 1986 Schützenhilfe vom VfB Stuttgart. Die Schwaben schlagen Bremen mit 2:1, während die Münchner beim 6:0 daheim Borussia Mönchengladbach keine Chance lassen. Die bessere Tordifferenz spricht letzten Endes für den FC Bayern.

Rudi Völler: Weltmeister, aber nie Deutscher Meister

Werder muss auf seinen zweiten Meistertitel nach 1965 bis 1988 warten. Zu diesem Zeitpunkt spielt Völler bereits für die AS Rom. Die Deutsche Meisterschaft fehlt dem heutigen Sportdirektor von Bayer Leverkusen noch immer in seiner Titelsammlung. Weltmeister wird er 1990 in seiner Wahlheimat Rom gemeinsam mit Libero Klaus Augenthaler.

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Der Bayern-Doc: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wurde als Arzt zu einer Legende

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ein ehemaliger Fünfkämpfer aus Ostfriesland, wurde zu einer Legende des FC Bayern München, ohne gegen den Ball zu treten: Er erlebte seit 1977 fast alle Triumphe und Tragödien mit dem Rekordmeister - und er war stets zur Stelle, wenn ein Spieler Schmerzen hatte. Jetzt hört er beim FCB auf.