Der FC Bayern München durchlebt derzeit eine durchwachsene Phase. Fünf Mal in Folge kassierte der Rekordmeister zuletzt zwei Gegentore und stolperte in der Liga gegen Hoffenheim und Augsburg. Trainer Niko Kovac ist immer noch auf der Suche nach der richtigen Formation und der richtigen Kombination im Mittelfeld.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Während sich die Defensive in den kommenden Wochen nach schweren Verletzungen von Niklas Süle und Lucas Hernandez quasi von selbst aufstellt, experimentiert Kovac im defensiven Mittelfeld zunehmend munter herum.

Kimmich auf der Sechs, Martínez auf der Sechs, Tolisso auf der Sechs. 4-3-3, 4-2-3-1. So richtig wohl fühlt sich die Mannschaft mit diesen Varianten noch nicht.

Das hat auch damit zu tun, dass Star-Neuzugang Philippe Coutinho alles in allem noch nicht konstant die grosse Verstärkung ist, die sich die Münchner versprochen haben.

Für ihn stellte Kovac die Formation am Anfang der Saison erst auf ein 4-2-3-1 um, damit er auf der Zehn seine Stärken zur Geltung bringen kann.

Dass die Diskussion um ihn und Thomas Müller weiter an Fahrt gewinnt, ist nach den durchwachsenen Ergebnissen der letzten zwei Wochen nur verständlich.

Gegen Piräus durfte Müller erstmals seit Wochen wieder von Anfang an ran. Aber nicht statt Coutinho, sondern neben Coutinho. Müller war dabei beim zähen 3:2-Erfolg noch einer der besseren Münchner und an zwei Toren direkt beteiligt. Coutinho blieb eher blass.

Am Wochenende zuvor gegen Augsburg kam Müller spät als Joker und hätte kurz vor dem Ende freistehend das 3:1 erzielen können. Er schoss über das Tor, Augsburg gelang im Gegenzug der Ausgleich.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich Kovac in den kommenden Wochen in diesem Duell entscheidet.

Formell streiten sich beide um die gleiche Position, doch ihre Spielweise ist so unterschiedlich, dass sich gleichzeitig auch die Ausrichtung der Mannschaft verändert - je nachdem, wen Kovac aufbietet.

Der Druck auf Kovac, Dinge zu verändern, steigt mit jedem schwachen Auftritt. Erst recht, wenn sich der Negativtrend am Wochenende gegen Dortmund-Schreck Union Berlin fortsetzen sollte. Das würde die Debatte um den richtigen Zehner noch weiter anheizen.

Was derzeit für Coutinho spricht und was nicht

Coutinho ist ein Spielgestalter. Ein Zehner. Kreativ, wendig, passsicher auch in engsten Räumen. Es scheint, dass Kovac genau so einen Spieler als Ergänzung zu Taktgeber Thiago im Mittelfeldzentrum gesucht hat.

Für Coutinho stellte Kovac um. Aus dem 4-3-3 in der Vorbereitung wurde zumeist ein 4-2-3-1, was grundsätzlich eine klarere Struktur und intuitivere Positionierungen auf dem Feld ermöglicht.

Trotzdem gelang es den Bayern zuletzt nicht immer, einen schnellen Übergang vom tiefen Spielaufbau in die gefährlichen Zonen zu gestalten, weil die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu häufig nicht passten.

Coutinho soll als kongenialer zentraler Anspielpartner für Thiago dienen, um die Bayern unabhängiger von ihren Flügeldribblern zu machen.

Zwar ist Coutinho in der Tat in der Lage, selbst engste Räume sicher und konstruktiv zu bespielen, doch richtig konstant gelingt das aktuell nicht.

Gefährliche Angriffe durch die Mitte sind eher die Ausnahme. Er hat immer wieder Phasen, in denen er schlecht eingebunden ist und ein wenig abtaucht.

Auch das Zusammenspiel mit Lewandowski ist noch nicht ausgereift. Die historische Torquote des Polen hat mit Coutinho eher wenig zu tun.

Auch in Sachen Torgefahr bleibt Coutinho etwas hinter den Erwartungen zurück. Er schliesst sehr häufig und gern aus der Ferne ab, traf bisher aber erst einmal (gegen Paderborn) aus dem Spiel heraus. Seine Standards sind ordentlich, aber unspektakulär. Defensiv ist er unauffällig.

Was derzeit für Thomas Müller spricht und was nicht

Müller musste sich lange Zeit in Geduld üben. Er ist ein ganz anderer Spielertyp als der kleine Südamerikaner.

Im Vorjahr meist auf der Zehn gesetzt, agiert Müller eher wie eine hängende Spitze und fokussiert sein Spiel stark auf die Laufwege von Robert Lewandowski, die er mit eigenen Läufen oder guten Positionierungen im Strafraum unterstützt.

Müller hat aus seinem unorthodoxen, torgefährlichen Spiel eine Weltkarriere geformt, die ihm viele Freiheiten ermöglichte. Er sucht sich seine Räume gern selbst, sorgt damit für Unruhe und Rhythmuswechsel im Spiel. Ein Edeltechniker wird er nicht mehr.

Anders als Coutinho setzt er auf weiträumige Bewegungen über den ganzen Platz, wechselt gern die Positionen und taucht deutlich häufiger selbst im Strafraum auf.

Müller ist insgesamt torgefährlicher, nimmt dem Spiel durch seine eigenwilligen Laufwege aber ein wenig die Struktur, was bei Ballverlusten für Probleme sorgen kann.

Er ist kein Zehner im eigentlichen Sinne, sondern begreift die Position als Ausgangspunkt für sein typisches Spiel. Das wäre der Kompromiss, den Kovac eingehen müsste.

Oder doch beide zusammen?

Gegen Piräus begann Müller rechts aussen und Coutinho auf der Zehn. Nach 30 Minuten tauschte Kovac durch, stellte Müller auf die Zehn, Coutinho auf den linken Flügel und Gnabry nach rechts. Das lief insgesamt besser, weil vor allem Müller im Zentrum aufblühte.

Natürlich können beide grundsätzlich auch gemeinsam auf dem Platz agieren, sie können sich fraglos ergänzen.

Coutinho hatte seine beste Zeit in Liverpool, wo er vom linken Flügel aus in die Mitte driftete und kaum zu verteidigen war. Doch das ist lange her und die Spielweise in München eine andere. Kovac müsste hier kreativ werden, um beide gleichzeitig auf dem Platz einzubinden.

Geht es allein nach der Form, hat Müller nach den Eindrücken der letzten Wochen die Nase vorn. Salihamidzic sprach nach dem Piräus-Spiel davon, dass Coutinho bei weitem noch nicht bei 100 Prozent sei - was immer das heissen mag.

Dass Kovac Coutinho zum Start viel Spielzeit ermöglichte, ist durchaus nachvollziehbar, doch die Anpassung des 27-Jährigen tritt aktuell auf der Stelle.

Müller scharrt mit den Hufen. Am Tag nach seinem guten Auftritt in Piräus machte die Meldung die Runde, sowohl Inter Mailand als auch Manchester United planten, im Winter Müller aus München zu holen.

Dort, wo er mittlerweile im 20. Jahr spielt, geniesst der Vorzeige-Bayer zumindest seitens der Kollegen nach wie vor uneingeschränktes Vertrauen und erhielt zuletzt von Joshua Kimmich, Manuel Neuer und David Alaba verbale Rückendeckung.

Trainer Kovac wird im Heimspiel gegen Union Berlin das nächste Zeichen in der Debatte um Müller setzen, je nachdem, wann und wie lange er den 30-Jährigen bringt.

Um der Diskussion um Kovacs Zukunft keine neuerliche Nahrung zu liefern, will der FC Bayern nach zwei sieglosen Spielen in der Bundesliga nun eine Serie starten.

Eigentlich ein optimaler Moment, um auf einer zentralen Position einen Wechsel vorzunehmen und damit einen Impuls zu setzen. Müller - so scheint es - ist jedenfalls bereit.

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