Thomas Müller ist das Gesicht des FC Bayern, in guten Zeiten ein Garant für Titel und Erfolge. Aber Müller ist auch ein Gradmesser für das Binnenklima beim Rekordmeister - ganz besonders dann, wenn er selbst Probleme hat. Nun tauchen Berichte über einen Wechselwunsch im Winter auf.

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"Die Schweden sind keine Holländer, das hat man ganz genau gesehen", wusste schon Franz Beckenbauer. Und vermutlich würde der Kaiser auch zu dem Schluss kommen, dass Niko Kovac nicht Joachim Löw ist, könnte man Beckenbauer denn noch zu etwas befragen. Dabei scheinen sich die beiden, also Kovac und Löw, in einer Sache einig: Thomas Müller ist nicht mehr unverzichtbar.

Der Verbandstrainer Löw hat es allerdings ein bisschen einfacher als Vereinstrainer Kovac: Er nimmt sich einfach, was er braucht. Der nächste Spieler wartet schon, die Auswahl ist gross genug und so einer wie Löw hat zwischen zwei Turnieren ja immer genug Zeit, eine Entwicklung voranzutreiben, ohne die ganz grossen Ergebnisse liefern zu müssen.

Die Verbände haben ihre Qualifikationsrunden für grosse Turniere so entspannt konzipiert, dass sich Deutschland auch mit einer C-Elf problemlos qualifizieren müsste. Da bleibt genug Zeit und Musse, sich um inhaltliche Dinge zu kümmern.

Müller mit Boateng und Hummels von Löw ausgebootet

Diesen Vorteil hat der Bundestrainer dann auch genutzt, als er im Frühjahr unangekündigt an der Säbener Strasse vorstellig wurde und kurzerhand drei Bayern-Spielern den Laufpass gab.

Unter ihnen war auch Müller, der, anders als seine Mitstreiter Mats Hummels und Jerome Boateng, in den Tagen danach öffentlich keifte und zeterte und sich mit der Endgültigkeit von Löws Entscheidung nicht abfinden wollte.

Für Löw ist das Thema seitdem gegessen, eine Rückkehr ausgeschlossen. Und weil Müller auch keinen Vertrag mit dem Deutschen Fussball-Bund hat, kann es den Verantwortlichen herzlich egal sein, ob und was Müller noch verbal zur Debatte beizutragen hat.

Müller ist beim FC Bayern wichtiger als andere

Für Niko Kovac allerdings stellt sich die Gemengelage deutlich diffiziler dar. Thomas Müller ist sein Spieler, er besitzt einen Vertrag bei den Bayern - und dem Vernehmen nach einen ziemlich gut dotierten.

Bei den Bayern gibt es keine x-beliebigen Spieler, aber Müller ist unter den vielen wichtigen Charakteren in München noch eine Spur wichtiger als andere. Er ist das Gesicht des FC Bayern, nach den Abgängen der Granden Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, der inzwischen auch seine erfolgreiche Karriere beendet hat, ist Müller aus Pähl am Ammersee der verbliebene Bayer im Team.

Auch die Riege der 2013er-Helden ist längst merklich ausgedünnt. Mit Müller sind es nur noch fünf Spieler, die beim Triple damals dabei waren.

Thomas Müller ist ein Mythos beim FC Bayern

Müller ist ein kleiner Mythos beim FC Bayern, begründet durch die energische Feststellung Louis van Gaals: "Müller spielt immer" ist längst ein geflügeltes Wort im deutschen Fussball-Sprachgebrauch. Nur verliert es seit einigen Monaten immer mehr an Wucht - weil Müller eben nicht immer spielt.

Im DFB-Dress spielt er gar nicht mehr und beim FC Bayern sehr oft nur aushilfsweise. Nun ist Müller seit ein paar Tagen 30 Jahre alt, und vielleicht ist es einfach der Lauf der Zeit, dass jüngere Spieler nachdrängen und den Silberrücken irgendwann die Plätze streitig machen.

Auch der FC Bayern ist dem Gebot der Jugend gefolgt, hat in den letzten beiden Jahren sieben U23-Spieler verpflichtet oder nach Leihen wieder zurückgeholt.

Es droht der Absturz der Ikone Thomas Müller

Andererseits ist es aber auch nicht so, dass man mit Anfang 30 nicht mehr Stammspieler bei den Bayern sein könnte. Müller hat 495 Pflichtspiele für die Bayern bestritten, dabei 186 Tore erzielt und 171 vorbereitet.

Die unzähligen Tore, die Müller durch einen Pass vor dem finalen Pass, einen kruden Laufweg oder das listige Über-den-Ball-steigen eingeleitet hat, sind da noch gar nicht mitgezählt.

Von einem "verdienten Spieler" zu reden, wäre also eine glatte Untertreibung. Er hat sich bei Bayern ein Lebenswerk geschaffen. Nun droht die Ikone abzustürzen.

Unter Ancelotti wurde Müller zum Politikum

Vor zwei Jahren ging die schleichende Entmachtung los. Carlo Ancelotti scherte sich nicht besonders viel um das, was vergangen war und schon gar nicht um Van Gaals Katechismus.

Der Italiener machte aus Müller erst einen Wackelkandidaten und dann einen Bankdrücker. Im ersten Jahr unter Ancelotti stand Müller nur noch in zwei Dritteln aller Spiele in der Startelf, in vielen wichtigen Spielen in Liga, Pokal und vor allem in der Champions League fand sich Müller auf der Bank wieder.

Das ging dann so lange, bis sich Müller schnippisch zu Wort meldete. "Ich weiss nicht genau, welche Qualitäten der Trainer sehen will. Aber meine sind scheinbar nicht hundertprozentig gefragt", sagte er nach einem Ligaspiel bei Werder Bremen.

Damals fing es an, dass Müller bei den Bayern zu einem Politikum wurde. Ancelotti musste gehen, unter Interimslösung Jupp Heynckes wurde es aus Müllers Sicht wieder besser - nur um jetzt, unter Kovac, wieder gereizter zu werden.

Kovac braucht Müller nur bei "Not am Mann"

Fünf Spiele in Serie sass Müller zuletzt auf der Bank, und die unglückliche Aussage seines Trainers vor der Partie gegen Hoffenheim goss noch zusätzlich Öl ins Feuer. "Thomas ist sehr wichtig, aber die anderen Spieler auch", sagte Kovac bei "Sky" und legte nach: "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen."

Zwischen der Intention des Satzes und seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und beim Spieler liegen Welten. Das wurde offenbar auch Kovac schnell bewusst, der merklich über sich selbst erschrocken war und nach dem Spiel versuchte, die Dinge wieder einzufangen. Die Medien sollten daraus "jetzt aber nichts zaubern", sagte Kovac. Nur war es da längst zu spät.

Ganz unabhängig vom fehlenden diplomatischen Geschick bleiben ja die nackten Zahlen - und die sprechen eindeutig gegen Müller: In nur vier von elf Pflichtspielen in dieser Saison stand Müller in der Startelf, in der Champions League hat er bisher ganze sieben Minuten gespielt.

Wenn Müller motzt, wird es gefährlich

Mit dem Zukauf von Philipp Coutinho ist ein Spieler bei den Bayern, der auf Müllers Position im Mittelfeldzentrum mehr als ein veritabler Kontrahent ist. Vielleicht ist Coutinho derzeit der sportlich wichtigere Spieler. Innerhalb der Mannschaft und in der Kabine ist Müller aber von unschätzbarem Wert - was es im Umkehrschluss für Kovac durchaus kompliziert macht.

Denn immer dann, wenn Müller übellaunig war, wenn er wenig spielte und von dieser Ungerechtigkeit die ganze Welt unterrichtete, wurde es ungemütlich für den jeweiligen Trainer.

Ancelotti stolperte damals nur vordergründig über das längst legendäre Spiel bei Paris St.-Germain, letztlich verscherzte es sich der Mister mit einer Reihe von Führungsspielern, unter ihnen auch Müller.

Will Müller im Winter weg?

Im letzten Herbst befeuerte eine Anmerkung von Müllers Frau in den sozialen Medien die Diskussionen um den Bayern-Trainer-Novizen Kovac, der sich in den Wochen darauf gerade noch so im Amt halten konnte.

Die "Sport Bild" spekuliert nun schon, ob Müller die Bayern im Winter verlassen könnte. Nach 20 Jahren wäre das nichts anderes als eine Zäsur beim Rekordmeister. So weit ist es aber noch lange nicht, und vermutlich unterschätzen einige auch den Kampfgeist des Spielers.

Stattdessen dürfte Müller gleich im nächsten Spiel in Augsburg seine Chance bekommen: Coutinho weilt mit der Selecao für zwei Testspiele im fernen Singapur, während Müller zu Hause die Füsse hochlegen kann. Die Ausbootung aus der Nationalmannschaft könnte also auch noch ihr Gutes für die Bayern-Ikone haben.

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