Lukas Podolski ist zurück. Gegen Australien beweist der viel kritisierte Weltmeister, wie wichtig er fürs DFB-Team ist. Bundestrainer Joachim Löw vertraut dem Stürmer auch in seiner grössten Krise als Fussballer. Das zahlt sich aus. So kann es für Podolski tatsächlich noch was mit der EM 2016 in Frankreich werden.

Manche Szene am Mittwochabend in Kaiserslautern erinnerte an jenen zauberhaften Sommer 2006. Damals, als "Lu-Lu-Lu Lukas Podolskiiiii" durch die deutschen Strassen tönte. Und so hallten auch diesmal Sprechchöre für den Stürmer über den Betzenberg. Schon als dieser eingewechselt wurde. Am Ende des 2:2 des DFB-Teams gegen Australien hatte Podolski wieder zu seinem Glück gefunden. Er hatte im 122. Länderspiel sein 48. Tor im DFB-Dress erzielt und damit Jürgen Klinsmann und Rudi Völler in der ewigen Bestenliste hinter sich gelassen.

Monatelang sah sich der 29-Jährige zuvor teils heftiger Kritik ausgesetzt. Zuerst in England. Dann in Italien. Und in Fussball-Deutschland sowieso. Dort hiess es auf Blogs und in User-Kommentaren im Internet sogar, dass wohl kein Spieler weniger Anteil am WM-Titel habe, sich aber ebenso kaum ein Weltmeister auf Facebook, Twitter und Instagram mehr dafür abfeiere. Auch vor den Länderspielen gegen Australien und am Sonntag in der EM-Qualifikation in Tiflis gegen Georgien (ab 18 Uhr bei RTL und bei uns im Live-Ticker) wurde Bundestrainer Joachim Löw damit konfrontiert, warum er immer noch an ihm festhalte.

Es gibt Gründe, warum es für Podolski in der Nationalmannschaft läuft - und im Verein nicht. Das Beispiel FC Arsenal: In London hat er noch Vertrag bis Sommer 2016. Doch der Club möchte ihn lieber heute als morgen loswerden, heisst es. Deshalb verlieh er ihn bis Saisonende an Inter Mailand. Zuvor spielte er kaum. Tore erzielte er noch seltener. Vor der Saison verpflichtete der FA-Cup-Sieger mit dem Engländer Danny Welbeck und dem chilenischen WM-Star Alexis Sánchez zwei Stürmer erster Güte. Theo Walcott sowie der Franzose Olivier Giroud waren schon da. Alle diese Spieler haben eine ähnliche Anlage. Sie sind schnell, dynamisch und kommen explosiv mit viel Wucht vors Tor.

Das ist für Podolski, als müsste sich Stossstürmer Mario Gomez gegen Zlatan Ibrahimovic, Karim Benzema und Mario Balotelli gleichzeitig behaupten. Letzterer spielt nicht mehr in Italien - deshalb schossen sich die Gazetten dort jetzt statt seiner auf den Weltmeister aus Deutschland ein. Ein Stürmer, der nicht trifft, hat keinen Wert. Das hat System in der italienischen Presse. Da kann dieser noch so sehr fürs Team arbeiten, Wege gehen und Gegenspieler binden. So, wie es Podolski tut.

Vertrauen tut Lukas Podolski gut

Die Fallhöhe vom gefeierten Superstar zum Sündenbock ist gering. Dabei braucht Podolski nichts mehr als Vertrauen. Das hat er im DFB-Team. Genau deshalb läuft es dort für ihn. "Ich arbeite mit ihm seit elf Jahren zusammen, ich kenne ihn. Er war immer dabei. Er stand immer zur Verfügung", meint der 55 Jahre alte Löw. "Wir stehen hinter ihm. Das hilft ihm." Löws Zuneigung kommt nicht von ungefähr. Er vertraut auf die Klasse Podolskis. "Ich war letzte Woche beim Spiel Inter gegen Cesena. Ich habe gesehen, dass Lukas wieder körperlich in einer besseren Verfassung ist, er macht wieder längere Wege, bewegt sich besser ohne Ball", schildert Löw seine Eindrücke. "Der Lukas hat eine grosse Qualität, das weiss ich." Er habe ihm aber auch gesagt, erzählt er weiter, dass er dauerhaft gute Leistungen bringen müsse. "Aber im Moment, gibt es keinen Grund, an seinen Qualitäten zu zweifeln. Er hat keine Anzeichen von körperlichem Verschleiss."

Dass Podolski ohne Vertrauen nicht funktioniert, bewies nicht zuletzt seine Zeit beim FC Bayern zwischen 2006 und 2009. Hier wurde er zeitweise in die Amateurmannschaft degradiert. Manager Uli Hoeness vermied öffentlich keine Kritik an seiner Person. Das verunsicherte ihn. In der Nationalmannschaft geniesst er entgegen gängiger Vorurteile einen grossen Bonus. "Er ist immer gut drauf. Auch wenn er nicht viele Einsatzzeiten bekommt. Er ist für den Teamspirit sehr wichtig", erklärt Kapitän Bastian Schweinsteiger. "Er ist immer noch ein sehr, sehr guter Fussballer, ein toller Stürmer." Beide sind Kumpels seit der Jugend. Selbst Schweinsteiger, der starke Mann, braucht Vertraute. Der Druck, der auf dem Münchner und dem DFB-Team lastet, ist nicht erst seit dem WM-Titel gewaltig.

Oft genug vergisst die Öffentlichkeit, dass da junge Männer für Deutschland spielen. Podolski hilft der Mannschaft als Routinier - und durch seine stets optimistische Einstellung. Das ist, was Schweinsteiger mit Teamspirit meint. Und das ist, was Löw auf dem Weg zum anvisierten EM-Titel 2016 braucht. "Lukas ist voller Leben, voller Tatendrang", schildert Sami Khedira. "Er kann jeder Mannschaft nur gut tun." Podolski selbst beschwichtigte nach dem Sieg gegen Australien zwar. "Jetzt übertreibt nicht", sagte er. Es sei falsch, "nach 15 Minuten alles in den Himmel zu schiessen". Wie es in ihm wirklich aussah, bewies aber ein Tweet Stunden später. "Ich bin glücklich über mein 48. Tor im deutschen Trikot", schrieb er. "Es ist Zeit, dass wir uns auf die nächste Herausforderung fokussieren." Seine wird es sein, zu beweisen, dass er eben doch nicht nur der Social-Media-König ist. Dann kann es selbst was mit der EM-Teilnahme in Frankreich werden.