Bis zur verhängnisvollen 88. Minute des EM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Weissrussland befand sich Luca Waldschmidt auf dem Weg nach oben. Dann schlug schmerzhaft der Ellenbogen des gegnerischen Torwarts in Waldschmidts Gesicht ein. Warum Joachim Löw ihn bei der EM trotzdem braucht.

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Spätestens während der U21-EM im vergangenen Sommer hörten auch die letzten deutschen Fussballfans von Luca Waldschmidt.

Freiburgs Angreifer hat es innerhalb eines Jahres vom Ergänzungsspieler in der Bundesliga bis zum Nationalspieler gebracht. Wie war das möglich - und wie könnte Waldschmidt bei Joachim Löw zu einem Fixpunkt im System werden?

Natürlich ist da dieses Tor. Wie er den Ball aus dem Stand raketenartig beschleunigt und der dann aus gut 25 Metern in den Knick rauscht.

Ein Tor wie eine Urgewalt, rücksichtslos, ansatzlos, einfach rein damit. Ein Treffer wie dieser, erzielt im U21-EM-Gruppenspiel gegen Österreich, ist ein Spektakel, nicht umsonst wurde er von den Fans der "Sportschau" später zum Tor des Monats Juni gewählt.

Seitdem wird Waldschmidt immer wieder mit dieser sagenhaften Einzelleistung in Verbindung gebracht, das Tor wurde mittlerweile rauf und runter gezeigt im Fernsehen.

Dabei hat er bei der U21-EM im vergangenen Sommer noch einiges mehr gezeigt: fussballerisch deutlich anspruchsvoller, genialer, aussergewöhnlicher. Sein Lupfer gegen Dänemark zum Auftakt etwa, aus vollem Lauf gespielt, formvollendet ins lange Eck gelegt - ein Traum von einem Treffer.

Und er hat schon wichtigere Tore geschossen als jenes im Gruppenspiel gegen den Nachbarn. Vor zwei Jahren rettete Waldschmidt den Hamburger SV in einem dramatischen Finale gegen den direkten Konkurrenten aus Wolfsburg vor dem Abstieg. Ein Kopfball des eingewechselten Waldschmidt brachte ein paar Minuten vor dem Abpfiff den erlösenden Sieg.

Es war Waldschmidts erstes Bundesligator überhaupt, zuvor hatte er in 30 Spielen vergeblich Anlauf genommen.

Das Tor feierte er wie Antoine Griezmann, aber der war damals, im Mai 2017, noch gefühlte Lichtjahre entfernt. Waldschmidt hatte Probleme, in der rauen Wirklichkeit von Deutschlands höchster Spielklasse Fuss zu fassen.

Wechsel nach Freiburg war entscheidend

In den Leistungsklassen der Jugend schoss er die Gegner für Eintracht Frankfurt reihenweise von den Plätzen.

In der U17-Bundesliga erzielte er 30 Tore in nur 40 Spielen, bei den A-Junioren waren es dann 14 Treffer in 29 Partien. Mit 18 erfolgte deshalb auch schon der Sprung zu den Profis, dort so richtig angekommen ist Waldschmidt aber erst seit einem Jahr.

"In der Jugend war es so, dass ich gesetzt war", hat er mal erzählt. "Bei den Profis musst du deinen Platz erkämpfen. Es ist nicht so einfach, wenn du eine ganze Saison auf 110 Prozent läufst und es gefühlt niemand merkt. Da fällt's dir schwer, dich immer wieder hochzuziehen."

Ihm fehlten der nötige Körperbau und die Wettbewerbshärte. Allein mit seinem feinen Fussball konnte sich Waldschmidt in der Bundesliga nicht durchsetzen.

Mit dem Wechsel ins Freiburger Biotop begann der Aufschwung, im Breisgau bekommen die Spieler eben noch ein bisschen mehr Zeit und Vertrauen und vielleicht auch Nestwärme, um sich zu entfalten.

Die EM in Italien und San Marino wurde dann zu seinem Durchbruch auf internationalem Parkett.

Auf allen offensiven Positionen zu Hause

In Europa war der schmächtige Junge mit dem Wuschelkopf plötzlich eine grosse Nummer. Die italienischen Zeitungen, bekannt für ihre teils blumigen, teils knüppelharten Überschriften, tauften ihn in Anlehnung an den unerreichten und in Italien gefürchteten Gerd Müller "Il Bomber".

Diese Auszeichnung erfolgte natürlich wegen der vielen Tore, die Waldschmidt während des EM-Turniers gelangen. Am Ende waren es immerhin sieben. Waldschmidt durfte deshalb die Torjägerkanone entgegennehmen. Unter Gleichaltrigen ist er - mal wieder - einer der Besten.

Luca Waldschmidt hat innerhalb eines Jahres einen Karriere-Push durchlebt.

Sein Spiel hat mit Bomber Müller aber so gar nichts gemein. Waldschmidt ist ein Freigeist, auf allen offensiven Positionen zu Hause, mal Angreifer in vorderster Linie, dann Spielgestalter im Zentrum oder vom Flügel kommend.

Der 23-Jährige ist weder besonders schnell, noch besonders robust, geschweige denn zweikampfstark. Aber im Kopf ist er schneller als andere, in den kurzen, wendigen Bewegungen flinker als seine Gegner und mit einer herausragenden Technik und einem Spielverständnis gesegnet, wie es nur wenige andere Spieler in der Bundesliga haben.

Und dann noch dieser linke Fuss: Fast schon klinisch präzise im Passspiel und im Torabschluss eiskalt.

Ein bisschen wie Max Kruse

Dieses Schwimmen über den Platz, das schlaue Anbieten, die Drehungen, seine Spielverlagerungen, der linke Fuss als Waffe, die gefährlichen Standards und sogar sein Bewegungsablauf erinnern an Max Kruse, nur eben in deutlich jüngeren Jahren.

Für Kruse war bei der deutschen Nationalmannschaft nach ein paar Aussetzern abseits des Rasens irgendwann kein Platz mehr. Bundestrainer Joachim Löw kann da durchaus nachtragend sein.

Löw kann aber auch sehr treu sein, wenn es ihm ein Spieler angetan hat. Lukas Podolski war in der Vergangenheit ein solches Beispiel. Spielt Löws Schützling dann auch noch für den SC Freiburg, den dessen Rekordtorschütze Löw wegen seines nahen Wohnorts und seiner alten Verbundenheit intensiver verfolgt als jeden anderen Bundesligisten, dann erhöhen sich die Chancen auf viele Jahre in der Nationalmannschaft.

Waldschmidt kam gegen Weissrussland erst zum dritten Mal in den Genuss eines A-Länderspiels. Löw brachte ihn in der 84. Minute für Serge Gnabry - aber nur für sieben Minuten.

Beim Versuch, eine Flanke von rechts mit dem Kopf zu erreichen, zog Waldschmidt gegen Weissrusslands Keeper Alexander Gutor den Kürzeren.

Gutor fischte die Kugel aus der Luft. Waldschmidt rauschte anschliessend ungebremst mit seinem Kopf gegen den rechten Ellenbogen des Torwarts. Sofort war erfahrenen Beobachtern klar, dass in dieser Szene mehr passiert sein musste. Sebastian Rudy ersetzte den ausgeknockten Waldschmidt in der ersten Minute der Nachspielzeit.

Joachim Löw: "Das ist bitter für Luca"

"Es war sehr schade für ihn. Er war gerade auf dem Platz und hatte den Ehrgeiz, etwas zu zeigen", bedauerte Löw auch zwei Tage danach noch Waldschmidts Unglück.

Der Jung-Nationalspieler wird aufgrund mehrerer Verletzungen lange ausfallen. Wie lange, steht noch nicht fest. Sein Verein SC Freiburg teilte aber zwei Tage nach dem Unfall mit, die im Gesicht vorgenommene Operation sei "erfolgreich" verlaufen.

"Es hat uns alle betroffen gemacht, die Vielfältigkeit der Verletzung", sagte Löw in Frankfurt vor dem abschliessenden EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland. "Es ist bitter für ihn und für uns. Er hat seine grosse Stärke im Abschluss. Wenn er zum Abschluss kommt, trifft er auch die Kiste", betonte der Bundestrainer.

Ihm steht, wenn Waldschmidt fit ist, für den EM-Kader ein Spielertyp zur Verfügung, den es in der mittlerweile auf höchstes Tempo ausgerichteten Mannschaft nicht mehr gibt.

Einer, der eher Lösungen in kleinen Zonen sucht, auch gegen tief stehende Gegner Ideen hat und dessen Spiel nicht ausladend und weiträumig angelegt ist. Viele sehen in Waldschmidt eine Art Ersatz für den lange verletzten Leory Sané, was aber schon im Ansatz eine falsche Überlegung ist.

Bei Löw wartet Waldschmidt noch auf den Durchbruch

Waldschmidt ist ein ganz anderer Spielertyp, dazu auch abseits des Platzes eher introvertiert und schüchtern. Seine gute Vorsaison hat der gebürtige Siegener mit vier Toren in zehn Bundesligaspielen und einem Treffer im DFB-Pokal bisher bestätigt.

Am 8. Oktober 2019 machte Löw Waldschmidt im Freundschaftsspiel gegen Argentinien in Dortmund zum Nationalspieler und liess ihn sogar die volle Distanz durchspielen.

Er fiel dabei allerdings ebenso wenig auf wie fünf Tage später bei seinem 24-Minuten-Einsatz nach seiner Einwechslung für Leipzigs Timo Werner beim 3:0 in der EM-Qualifikation in Estland.

Für Waldschmidt ging es jeweils darum, ins DFB-Team reinzuschnuppern und die Kollegen kennenzulernen. Gegen Weissrussland endete dieses Kennenlernen in einem unvorhersehbaren Unglück.

"Er ist ein riesiges Talent, aber er ist noch in der Entwicklung. Er kann und muss noch viel lernen. Zum Glück, denn dann kann ich ihm vielleicht noch so einiges beibringen", sagt sein Trainer Christian Streich.

Wie lange der seinen Schützling Waldschmidt aber überhaupt noch anleiten darf, ist ungewiss. Im Sommer waren schon einige nationale und internationale Klubs hinter ihm her, und im Herbst wurde eine angebliche Ausstiegsklausel über 23 Millionen Euro publik. Dass Waldschmidt seinen bis 2022 datierten Vertrag in Freiburg erfüllen wird, darf man angesichts der Entwicklungen der letzten Monate stark bezweifeln.

Verwendete Quelle:

swr.de: L wie Luca - SC-Freiburg-Talent Luca Waldschmidt im Porträt

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