Serge Gnabry glänzt für den FC Bayern und im DFB-Team, arbeitet an einem Superstar-Image. Bis es soweit war, musste der neue Hoffnungsträger des deutschen Fussballs jedoch Rückschläge wegstecken - und Umwege gehen. Ein Rückblick.

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Er rührt. Und rührt. Und rührt. Siedend heiss ist sein Fussball. Zu feurig für viele Gegenspieler. Wenn Serge Gnabry vom FC Bayern sich durch die Defensivketten dribbelt, weiss mittlerweile jeder gegnerische Verteidiger: Der Chefkoch steht am Herd. Bildlich gesprochen.

Sein an NBA-Superstar James Harden angelehnter Torjubel, bei dem er ein imaginäres Kochgefäss hält und die darin brodelnde fiktive Brühe rührt, hat sich längst herumgesprochen. Nicht zuletzt, weil Gnabry diesen Jubel mittlerweile in beinahe jedem Spiel zum Besten gibt.
Keine Frage: Was der 24-jährige Schwabe derzeit für die Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft abliefert, sucht seinesgleichen. So soll es auch am Sonntag in der EM-Qualifikation in Tallinn gegen Estland (20.45 Uhr, RTL und hier im Liveticker) sein. Nach einem Viererpack für die Münchner bei der Gala in London gegen Tottenham Hotspur (7:2), und nach seinem traumhaft zielstrebigen Treffer beim 2:2 gegen Argentinien, bei dem sich der Angreifer unter ärgster Bedrängnis gegen gleich drei Südamerikaner durchgesetzt hatte.

Serge Gnabry hatte keinen Raketenstart

Was bei all den Lobeshymnen auf seinen spektakulären Fussball vergessen wird: Welchen steinigen Weg der Bayern-Star seit seinem Profi-Debüt 2012 hinter sich hat.
Ob der junge Stürmer in Interviews und Pressekonferenzen deswegen so reflektiert wirkt? "Am meisten hat mir die Zeit in England geholfen, mich als Person weiterzuentwickeln, auch, was Neues zu sehen, für was Neues offen zu sein, für eine neue Kultur. Was es definitiv einfacher macht, sich woanders anzupassen", erzählte der Nationalspieler einmal über seine vier Jahre (2012-2016) in der englischen Premier League.

Gnabry war noch nicht mal erwachsen, da wurde der FC Arsenal auf den damaligen Jugendspieler des VfB Stuttgart aufmerksam - und holte ihn für kolportierte 100.000 Euro Ablöse aus seiner Heimatstadt auf die Insel. Eine Ablöse in dieser Höhe für einen Nachwuchskicker wäre selbst heute noch bemerkenswert, während die Transferentschädigungen weiter exorbitant steigen.

FC Bayern demütigt die Spurs - die historische Torgala in Bildern.

Gnabry: "Wollte immer schon Risiko gehen"

"Ich wollte immer schon Risiko gehen und Arsenal war schon immer der Klub, bei dem junge Spieler eine Chance bekommen hatten. Deswegen war dieser Schritt natürlich sehr wichtig für meinen weiteren Werdegang", begründete Gnabry seinen Wechsel zum Londoner Traditionsklub, ohne auch nur ein Profispiel für den VfB gemacht zu haben. Aufmerksamkeit weckte er dann auch in Fussball-Deutschland, als er am 20. Oktober 2012 mit gerade einmal 17 Jahren für die Gunners in der Premier League debütierte. Vier Tage später kam er beim 0:2 gegen den FC Schalke zudem in der Champions League zum Einsatz.
Das war es dann aber auch erst einmal mit Berücksichtigung bei den Profis. Es dauerte fast ein Jahr, ehe er wieder ganz oben ran durfte. Er meldete sich so explosiv zurück, wie heute seine Antritte vor dem gegnerischen Strafraum sind. Gegen Swansea City gelang ihm am 28. September 2013, mittlerweile immerhin 18 Jahre alt, sein erstes Premier-League-Tor. Es bleibt bis heute sein einziges.

Flügelstürmer für Monate ausser Gefecht

Eine hartnäckige Knieverletzung entzündete sich und setzte den Hochbegabten damals für Monate ausser Gefecht. In der Saison 2014/15 spielte der Frühstarter nicht ein einziges Mal bei den Profis. Die hoffnungsvolle Karriere stagnierte unerwartet und unvermittelt.

Arsenal verlieh ihn an West Bromwich Albion, für die Nordengländer machte Gnabry aber nur ein Premier-League-Spiel gegen Chelsea, weswegen er nach nur einem halben Jahr nach London zurückkehren musste, ohne, dass die Gunners für ihn wirklich Verwendung gehabt hätten. Der junge Bursche, der noch heute oft in sich gekehrt wirkt, lernte früh die Schattenseiten des Geschäfts kennen.

Im Sommer 2016 sollte alles besser werden. Gnabry hatte bei der U21-Nationalmannschaft einen Mentor gefunden, durch den schon so mancher deutsche Nachwuchsspieler erst sein wahres Potenzial erkannte. Gemeinsam mit Trainerfuchs Horst Hrubesch und seinem heutigen Kollegen beim FC Bayern, Niklas Süle, holte Gnabry bei Olympia 2016 in Rio die Silbermedaille, wurde neben dem Freiburger Nils Petersen mit sechs Treffern Torschützenkönig des Turniers. Plötzlich war das Interesse aus der Heimat gewaltig.

Über Werder Bremen zum FC Bayern

Werder Bremen schlug zu, für eine kolportierte Ablösesumme von fünf Millionen Euro, aus heutiger Sicht ein Schnäppchen. Was beim damaligen Arsenal-Coach Arsène Wenger im Nachgang einen bösen Verdacht hervorrief. "Ich denke, dass Bayern hinter den Kulissen manipuliert hat, dass er, wenn er nach Bremen geht, danach zu Bayern gehen würde", meinte der französische Trainer kürzlich bei "beIn Sports". Er selber hatte es nicht geschafft, das wahre Potenzial aus Gnabry herauszukitzeln.
"Ich wollte einfach nicht mehr warten, nicht mehr die vierte oder fünfte Wahl sein", sagte Gnabry der "Daily Mail" über seinen Wechsel in die Hansestadt: "Es war die schwierigste Entscheidung, die ich je im Fussball treffen musste, einen Klub wie Arsenal zu verlassen, diese Fans, die Mitspieler. Um zu spielen, musste ich einen Schritt zurück machen, und letztlich war es auch die richtige Entscheidung."

Auf dem Weg zum Superstar

Allerspätestens nach der Show des "Chefkochs" bei Stadtrivale Tottenham dürften mutmasslich die letzten Arsenal-Verantwortlichen sich die Haare raufen, dass sie diesen Spieler einst regelrecht wegschickten. Gnabrys Karriere führte seit dem Transfer zu Werder dagegen steil nach oben. Die Bayern verpflichteten und verleihten ihn gleich an 1899 Hoffenheim. Nach der Rückkehr an die Isar wurde Gnabry Stammspieler beim Rekordmeister, der seinen Vertrag vorzeitig bis 2023 verlängerte, und auch bei der Nationalmannschaft. Heute ist er einer der Hoffnungsträger des deutschen Fussballs, auf dem besten Weg zum internationalen Superstar.
"Serge Gnabry spielt bei mir immer", sagte Bundestrainer Joachim Löw mit Blick auf das DFB-Team: "Der Serge hat Tempo zum Tor. Der Serge hat gute Technik. Der Serge kann verschiedene Ebenen spielen." So soll der neue "Zielspieler" (Löw) für die Nationalmannschaft auch an diesem Sonntag in Estland brillieren, und damit mit dem DFB-Team bestenfalls einen grossen Schritt in Richtung EM 2020 machen.

Verwendete Quellen:

- sport1.de: Serge Gnabry spricht über seine Ausbildung beim FC Arsenal London
- abendzeitung-muenchen.de: Serge Gnabrys Rückkehr an einen besonderen Ort
- sportbuzzer.de: Arsène Wenger: FC Bayern hat bei Transfer von Serge Gnabry "manipuliert"
- transfermarkt.de: Profil von Serge Gnabry