Hansi Flick ist als Interimstrainer beim FC Bayern gefragt. Den 54-Jährigen zeichnet neben seiner Expertise sein Charakter aus. Nur selten medial in Erscheinung getreten, war er es, der Deutschland 2014 im Schatten von Bundestrainer Jogi Löw zum WM-Titel führte. Und nun den FC Bayern zurück an die Bundesliga-Spitze?

Mehr Fussballthemen finden Sie hier

Am Montag begann für Hansi Flick ein neues Kapitel in seiner beruflichen Laufbahn. Dabei hatte sich der 54-Jährige auf seinen neuen Job gar nicht beworben. Nach der Trennung von Niko Kovac rutschte Flick mehr oder weniger automatisch auf den Trainerposten beim FC Bayern. (Alles zu Flicks erster Pressekonferenz lesen Sie hier)

Schnell musste ein neuer Trainer her, denn der deutsche Rekordmeister ist bereits am Mittwoch in der Champions League gegen Olympiakos Piräus gefordert. Am Samstag folgt das Top-Spiel in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund (18:30 Uhr, LIVE bei uns im Ticker).

Bis zur anschliessenden Länderspielpause wollen sich die Bayern-Entscheider ein Meinungsbild über die Kandidaten für die Kovac-Nachfolge verschaffen. Zu ihnen gehört auch Flick. Ein Mensch, der sich nie in den Vordergrund drängt und nie die Ambitionen hatte, den grossen FC Bayern hauptverantwortlich zu übernehmen. Doch nun macht es Flick "bis auf weiteres", wie der FC Bayern am Sonntag mitteilte.

Niko Kovac pochte auf Verpflichtung von Hansi Flick

Flicks Pläne sahen Anfang des Jahres noch vor, sich nach mehr als drei Jahrzehnten im Profi-Fussball wieder mehr seinen Liebsten zu widmen. Erst im Frühjahr war Flick zum zweiten Mal Opa geworden. Doch dann kam ein Anruf aus München.

Es war wie Mitte der 80er-Jahre. Flick sollte zum VfB Stuttgart wechseln, doch die Bayern kamen dem Rivalen aus dem Süden zuvor - und Flick erlebte in München die erfolgreichsten Jahre seiner aktiven Fussballer-Karriere.

Nun war es ausgerechnet Niko Kovac, der auf die Rückholaktion von Flick pochte. "Wir brauchen einen Mann, der mit der Jugend arbeitet und integriert. Das war ein ausdrücklicher Wunsch von Niko Kovac", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeness unmittelbar nach Flicks Verpflichtung. Hoeness selbst bezeichnete die Entscheidung als "sehr gut".

Fast drei Jahrzehnte pflegten Flick und der FC Bayern keine Zusammenarbeit mehr. Der Kontakt war aber immer da, schliesslich war Flick als Co-Trainer von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft und später als Sportdirektor des DFB immer mal wieder an der Säbener Strasse vorstellig und im dauerhaften Austausch mit den Bayern-Bossen.

Menschen wie Flick und Peter Hermann sind für den FC Bayern enorm wichtig

In den jüngsten und überaus erfolgreichen Jahren hatten die Bayern immer eine Art zugeschaltete Instanz zum Trainerteam. Peter Hermann war der stille Triple-Held, als der FC Bayern 2013 sowohl die Champions League, die Deutsche Meisterschaft als auch den DFB-Pokal gewann.

Der getreue Wegbegleiter von Jupp Heynckes war auch in der vergangenen Saison noch bei den Bayern aktiv, ehe er seine Trainer-Karriere endgültig beendete. Die vakante Stelle besetzte - ehe er nun interimsweise zum Chef-Trainer ernannt wurde - Flick.

Im Binnenverhältnis zwischen Mannschaft und Trainerteam sind Menschen wie einst Hermann besonders wichtig. Da sie sich nicht ausschliesslich mit den alltäglichen Problemen herumschlagen, sondern auch etwas weitsichtiger agieren können.

Sie können eine andere Verbindung zu den Spielern herstellen, als es der Chef-Trainer schafft, ohne dabei als der Kumpanei verdächtig zu werden. Flick fällt diese Rolle zu. Zwar trat Flick bisher nur selten in den Vordergrund, doch redet er sehr viel. Etwa mit Bayern-Mittelfeldspieler Javi Martínez, als dieser Anfang Oktober auf der Ersatzbank sass und angeblich weinte, weil er nie zum Einsatz kam.

Flick hat für Sorgen und Nöte immer ein offenes Ohr

Von den beim FC Bayern verbliebenen deutschen Weltmeistern Manuel Neuer, Jerome Boateng und Thomas Müller wird Flick ebenso geschätzt wie akzeptiert. Gerade für die jungen Spieler - von denen die Bayern aufgrund ihres doch recht dürren Kaders einige im Team haben - und deren Sorgen und Nöte hat Flick immer ein offenes Ohr.

Diese natürliche Autorität und Nähe zu den Spielern ist im Mikrokosmos der Bayern nicht selten ein entscheidender Faktor. Vergangenen Herbst, als es bei den Münchnern in der Bundesliga überhaupt nicht lief und Kovac bereits erstmals auf der Kippe stand, war die Rückendeckung der sogenannten Führungsspieler für den ohnehin schon nicht mit überdimensionalen Lorbeeren angetretenen Kovac doch sehr dosiert.

Bei Flick, der im Schatten von Löw bei der Deutschen Nationalmannschaft immer eine Spur zu sehr unter dem Radar blieb, dürfte das von Beginn an anders sein. Im DFB-Team war er es, der einige sehr entscheidende Massnahmen zu verantworten hatte auf dem Weg zum WM-Titel vor fünf Jahren.

Im Schatten von Joachim Löw zum WM-Titel

So war Flick etwa für die bis dato eher stiefmütterlich behandelten Offensivstandards der deutschen Mannschaft zuständig. Aus einem traditionellen Manko der Löw-Ägide machte Flick zum Turnier 2014 eine Waffe.

Ähnlichen Einfluss hatte er auf die Trainings- und Belastungssteuerung der Mannschaft und die Vorbereitung sämtlicher Analyse-Arbeiten in Kooperation mit Chef-Scout Urs Siegenthaler und dessen Team der Sporthochschule Köln.

Flicks Vorgeschichte hat ihm bei den Entscheidungsträgern des FC Bayern sofort einen sanften Start verschafft. Ganz anders als Kovac, der in erster Linie ein Hoeness-Kandidat war und ist und mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge einige Male aneinandergeriet.

Flick, ein Mann von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeness

Flick dagegen ist ein Mann von Rummenigge und Hoeness. Er hat klare Vorstellungen vom Fussball, die er nun ohne jede Einschränkung einbringen kann. Er bringt als ausgewiesener Taktik-Experte und -Analyst die Elemente der Nationalmannschaft mit ein, das akkurate Positionsspiel ebenso wie ein gut abgesichertes Gegenpressing.

Im besten Fall befruchten sich die beiden wichtigsten Mannschaften des Landes ab sofort gegenseitig, die Bayern als Klub-Team und die Nationalmannschaft als übergeordnetes Aushängeschild des deutschen Fussballs. "Für die Nationalmannschaft ist das gut, weil wir jemanden haben, zu dem wir einen ganz guten Draht haben, mit dem wir uns gut austauschen können und wo ich weiss, dass unsere Spieler dort gut aufgehoben sind", sagte etwa DFB-Teammanager Oliver Bierhoff.

Mit Niko Kovac und dem FC Bayern trafen zwei Welten aufeinander. Der Trainer hat es nie geschafft, seiner Mannschaft ein tragfähiges taktisches Konzept zu vermitteln, das den hohen Ansprüchen in München genügt.

Der FC Bayern hat Nachholbedarf in der Jugendarbeit

Mit Flick hat der FC Bayern aber auch wieder einen Mann, der sich um die Belange und die viel zitierte Verzahnung des Nachwuchsbereichs mit der Profiabteilung kümmert. Rund 100 Millionen Euro hat der Deutsche Rekordmeister in sein neues Nachwuchsleistungszentrum gepumpt, alsbald sollen die teuren Investitionen einen entsprechenden Ertrag abwerfen, sprich: Spieler für die erste Mannschaft der Bayern produzieren.

Der Letzte, der es dauerhaft bei den Profis gepackt hat, ist David Alaba. Dessen Debüt in der Bundesliga liegt allerdings fast zehn Jahre zurück. Die Bayern haben in diesem Segment also durchaus Nachholbedarf.

Ebenso dabei, die erfolgsverwöhnten Zuschauer in München fussballerisch wieder zu begeistern. Der FC Bayern zeigte in den vergangenen Wochen eklatante Schwächen. Diese gilt es für Flick abzustellen. Gelingt ihm das, bewirbt er sich möglicherweise auch ganz offiziell als Bayern-Trainer. (Aktualisierung: msc)

Hinweis: Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv, den wir um aktuelle Entwicklungen ergänzt haben.