Gladbach, der VfL Wolfsburg – und dann erst die Bayern: Der Rekordmeister hat in der Bundesliga neben dem BVB und RB Leipzig plötzlich völlig neue Konkurrenz. Unsere Redaktion erklärt, welche Teams den FC Bayern in dieser Saison langfristig herausfordern können.

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Der Bundesliga fehlt die Spannung? Ein Blick vor dem achten Spieltag auf die Tabelle genügt und diese These ist widerlegt. Dass es lange so bleibt, glaubt Gladbachs Manager.

"Jetzt haben wir sechs, sieben, acht Mannschaften, die sehr eng zusammen sind. Dadurch steigt die Chance, dass andere Mannschaften dem FC Bayern gefährlich werden", meinte Max Eberl im Gespräch mit der "Sport Bild": "Die Bayern müssen sich diesmal nicht nur auf einen Verein konzentrieren, der angreift, sondern vielleicht auf mehrere."

Acht Teams trennen aktuell nur vier Punkte. Wer hat den langen Atem, um die Bayern bis zum Saisonende im Kampf um die Meisterschaft herauszufordern? Eine Einschätzung.

Borussia Mönchengladbach: Die Wiederauferstandenen

1. Platz, 16 Punkte: Prügelknaben waren die "Fohlen" nach dem 0:4 in der Europa League gegen die Österreicher aus Wolfsberg. Die Reaktion auf die Pleite war umso beeindruckender. Erst drehte die Borussia das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf (2:1), dann wurde der FC Augsburg demontiert (5:1).

Auch einzelne Spieler beweisen echte Stehauf-Qualitäten. Weltmeister Christoph Kramer, von Bundestrainer Joachim Löw aussortiert, sorgt in der Zentrale für Stabilität.

Aussenangreifer Patrick Herrmann, dessen Karriere zuvor stagnierte, meldete sich zurück.

Noch besser läuft es für Mittelstürmer Alassane Plea (vier Tore, vier Vorlagen), der in der vergangenen Rückrunde angesichts von nur drei Toren und einer Vorlage Ladehemmung hatte.

Wäre da noch Breel Embolo, der nach von Verletzungspech geprägten Jahren auf Schalke plötzlich befreit aufspielt.

Und jetzt steht auch noch Kapitän Lars Stindl vor dem Comeback. Eberl frohlockt: "Die Mannschaft hat einen grossen Willen entwickelt."

Tendenz: Gladbach fehlt die ganz grosse Klasse, die Mannschaft wird aber immerhin um die Champions-League-Plätze spielen.

VfL Wolfsburg: Von Weghorst schwärmt sogar der Gegner

2. Platz, 15 Punkte: Die "Wölfe" bauen auf das, was schon veraltet schien: einen echten Neuner. Sein Name: Wout Weghorst (vier Bundesliga-Saisontore). "Er ist ein klassischer Stossstürmer, der nicht nur in der Box parkt", meinte Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann vor dem direkten Duell und schwärmte: "Er ist nicht nur von einem Spieler zu verteidigen, das müssen wir im Kollektiv machen."

Wolfsburgs Plus: Kein Team verteidigt besser - bislang gab es nur vier Gegentore.

Tendenz: Wolfsburg ist kein Meisterkandidat, aber mit diesem Team ist die Champions-League-Quali drin.

SC Freiburg: Die Geister der Saison 1994/95

4. Platz, 14 Punkte: Jörg Schmadtke stand im Tor, Rodolfo Esteban Cardoso war der Spielgestalter und im Sturm traf ein gewisser Uwe Spies. Nur zwei Siege fehlten dem Sportclub in der Saison 1994/95 zur Meisterschaft, am Ende stand Platz drei.

Mittlerweile heissen die Protagonisten im Breisgau Robin Koch, Luca Waldschmidt und Nils Petersen.

Sie spielen unter Kult-Trainer Christian Streich einen gnadenlos explosiven und effektiven Umschaltfussball - aber auch über ihrem eigentlichen Leistungsvermögen.

Tendenz: Der Sportclub bleibt die grosse Überraschung - und kämpft immerhin um die Europa-League-Ränge.

RB Leipzig: Unter Julian Nagelsmann ein Meisterkandidat

4. Platz, 14 Punkte: "Es steigert die Attraktivität, wenn man nicht schon im Oktober weiss, wer am Ende in den Top vier ist", sagte RB-Coach Nagelsmann unlängst und verglich den Fussball mit Kunst: "Ein Spiel sollte Konzertcharakter haben, die Leute unterhalten."

Unterhaltsam ist der Fussball der Leipziger. Die Vollgas-Offensive um Timo Werner (fünf Saisontore) und Yussuf Poulsen wurde durch den athletischen Angreifer Christopher Nkunku ergänzt, der es aber in bisher zehn Pflichtspielen nur zwei Mal in die Startelf geschafft hat. Da ist Nordi Mukiele schon viel weiter und auf dem Weg zum besten Aussenverteidiger der Bundesliga.

Insgesamt besitzt Nagelsmann eine Mannschaft mit enormer Klasse, die es nicht nur in den Füssen hat. Sie versteht es, die taktische Raffinesse auf dem Feld sehr flexibel umzusetzen. Das war beim 1:1 im Spitzenspiel gegen den FC Bayern München am vierten Spieltag sehr gut zu beobachten, als Nagelsmann auf die drückende Überlegenheit des Meisters nach den ersten 45 Minuten reagierte. Die zweite Halbzeit gehörte dann Leipzig.

Tendenz: RB Leipzig ist Bayerns grösster Herausforderer.

FC Schalke: David Wagner, der Bessermacher

6. Platz, 14 Punkte: Eine viel schlechtere Saison als die letzte konnte es für Schalke kaum geben. Deshalb haben sie dort alles auf den Kopf gestellt. Mit erstaunlich schnellem Erfolg. Der neue Trainer und Jürgen-Klopp-Intimus David Wagner ist ein Bessermacher.
"Wir wollten einen positiven Typen zu uns holen. Jemanden, der die Menschen mit auf eine Reise nehmen und begeistern kann, der den Laden sprichwörtlich anzünden kann", erklärte Sportchef Jochen Schneider in der Fussball-Talkshow "Sky90". Experiment geglückt.

Tendenz: Schalke festigt sich, ist aber noch nicht gefestigt genug für ganz oben.

Bayer Leverkusen: Alle Blicke auf Kai Havertz

7. Platz, 14 Punkte: "Dortmund, Leipzig und Leverkusen sind die Mannschaften, die ein hohes Potenzial haben und lange oben dabei bleiben werden", sagte Bayern-Coach Niko Kovac auf der Spieltags-Pressekonferenz mit Blick auf Bayer 04. Meister, das war der Klub noch nie.

Nicht von ungefähr brandmarkt seit der Saison 2001/02 das Label "Vizekusen" den Verein. Damals verspielte Bayer die Deutsche Meisterschaft und verlor die Endspiele im DFB-Pokal und in der Champions League.

Hoffnung macht den Fans die Turbo-Offensive um Nicht-Nationalspieler Kevin Volland (vier Saisontore), DFB-Juwel Nadiem Amiri und das Ausnahmetalent Kai Havertz. Jüngst erzielte der 20-Jährige sein erstes Länderspieltor für Deutschland. Eifrig wird die Frage diskutiert, ob es ihn nach der Saison nach München oder Dortmund zieht. Vorerst wird die Frage aber sein, ob der Spielmacher die sehr gute letzte Saison (17 Bundesliga-Tore) nochmal toppen kann.

Spektakulär: Der beim BVB gescheiterte Trainer Peter Bosz lässt selbst gegen Hochkaräter ein offensives 3-2-4-1-System spielen.

Tendenz: Die Werkself kann das Dreigestirn Bayern, Leipzig und BVB durcheinanderwirbeln. Die Meisterschaft wird jedoch weiter ein Traum bleiben.

Borussia Dortmund: Der angeschlagene Meisterfavorit

8. Platz, 12 Punkte: Die Ansage von Hans-Joachim Watzke war unmissverständlich: Das Ziel bleibt die Meisterschaft. "Daran korrigieren wir nichts. Wir versuchen alles. Nicht mehr, nicht weniger", sagte der BVB-Boss kürzlich der "Süddeutschen Zeitung".
Die Baustellen sind jedoch gewaltig: Das Vertrauen in Trainer Lucien Favre schwindet, Führungsspieler Marco Reus ist im Formtief und Zweifel an der Klasse von Keeper Roman Bürki werden laut.

Die Qualität des Kaders ist dennoch unbestritten und meisterwürdig. Wenn die Westfalen unter den Leadern Mats Hummels und Axel Witsel die Probleme beheben können, ist der sehr überschaubare Rückstand von vier Punkten auf die Tabellenspitze rasch aufgeholt.

Tendenz: Trotz grosser Anlaufschwierigkeiten bleibt der BVB ein Meisterkandidat.
Verwendete Quellen:

  • "tz" (Print): Julian Nagelsmann im Interview
  • sportbild.de: "Eberl sieht Bayern-Dominanz schwinden"
  • SZ.de: "BVB-Boss Watzke: Meisterschaft bleibt das Ziel"
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