Bayer 04 Leverkusen feiert einen eindrucksvollen und auch verdienten Sieg im Bundesliga-Gipfeltreffen, schlägt den FC Bayern München deftig mit einem klaren Ergebnis. Und verteidigt damit die Tabellenspitze. Thomas Müller hat nach dem Spiel harte Worte für die Mannschaft - und nimmt Coach Tuchel in Schutz. Der glaubt weiter an die Meisterschaft.

Mehr News zur Bundesliga

Harry Kane, Joshua Kimmich und Co. konnten mit starrem Blick nur zusehen, wie sich die glückseligen Profis von Bayer Leverkusen feiern liessen. Durch das hochverdiente 3:0 (1:0) im Topspiel der Fussball-Bundesliga baute die Werkself ihren Vorsprung auf den am Samstag harmlosen FC Bayern auf fünf Punkte aus. Bayer-Trainer Xabi Alonso stand nach dem 27. Sieg im 31. Pflichtspiel lächelnd mit seinen Spielern vor den jubelnden Fans.

Thomas Müller kritisierte nach dem Spiel mit deutlichen Worten die Einstellung der Spieler des FC Bayern kritisiert. "Da fehlen mir - jetzt können wir unseren Oliver Kahn zitieren - teilweise die Eier und diese Freiheit. Wir haben eine Verkopftheit in unserem Spiel, vor allem mit Ball", sagte der Münchner Nationalspieler bei Sky. Im Training zeige das Team "deutlich bessere Ansätze, weil wir da mutig sind, weil wir da Fussball spielen".

Der 34-Jährige betonte, das sei keine Kritik an Trainer Thomas Tuchel. "Wir waren genug Spieler auf dem Platz von internationalem Format, da brauchst du nicht auf den Trainer gehen", sagte er zu Sky-Moderator Patrick Wasserziehr. "Wovon ich spreche, sind Entscheidungen vor allem mit Ball, das hat was mit der Spielintelligenz zu tun, mit der Selbstständigkeit."

Tuchel bestätigt Müller-Kritik: "Hat mit vielen Dingen recht"

Der Sieg für Bayer sei "absolut verdient", sagte Müller. "Die Analyse können wir kurz halten." Die Leverkusener, "die zocken einfach, die spielen Fussball, die suchen Lösungen", sagte der Weltmeister von 2014. Das erwarte er auch von seiner Mannschaft. Stattdessen spiele das Bayern-Team zu statisch, "von a nach b, von b nach c, keiner hat die Freiheit, einfach zu zocken zu beginnen."

Tuchel äusserte im Sky-Interview, Müller habe mit seiner Kritik "nicht unrecht". Der Trainer hatte Müller nicht für die Startelf berücksichtigt, der Offensivspieler wurde in der 60. Minute eingewechselt. "Wir hatten eine ganze Woche Zeit, uns darauf vorzubereiten. Wir wollten sehr offensiv verteidigen und den Spielfluss von Leverkusen gar nicht aufkommen lassen", sagte Tuchel: "Aber wir haben wahnsinnig schlechte Entscheidungen getroffen. Er hat mit vielen Dingen recht."

Matthäus sieht "Klassenunterschied" zwischen Bayer und Bayern

Leverkusen hingegen blickt zufrieden auf das Spiel. "Wir haben eine gute Truppe und wir wussten, dass wir gut sind", sagte der Leverkusener Sportchef Simon Rolfes bei Sky. "Wir arbeiten alle hart für den Erfolg. Wir haben nicht nur auf dem Platz eine Einheit, sondern im gesamten Verein." Rekordnationalspieler Lothar Matthäus sprach von "einem Klassenunterschied" zwischen beiden Teams.

Die Bayern um Starspieler Kane, die in den vergangenen elf Jahren immer Meister wurden, verloren erstmals nach 21 Partien wieder ein Spitzenspiel zwischen einem Tabellenersten und dem Zweiten. Trainer Thomas Tuchel verschwand nach dem Abpfiff sichtlich bedient in der Kabine.

Lesen Sie auch:

Ausgerechnet die in München geborene Bayern-Leihgabe Josip Stanisic brachte Leverkusen mit seinem ersten Saisontor in der 18. Minute in Führung. Der andere Aussenverteidiger, Alejandro Grimaldo, über den Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeness unter der Woche gesagt hatte, ihn habe bis zum Bayer-Transfer "kein Mensch" gekannt, erhöhte in der 50. Minute. Jeremie Frimpong (90.+5) setzte den Schlusspunkt.

Die Spannung vor dem Spiel war zu greifen. "Hosen runter und Karten auf den Tisch", hatte Tuchel gesagt. Bayer hätte 180.000 Tickets verkaufen können. Doch dann begann die Partie mit acht Minuten Verspätung, weil die Fans aus Protest gegen die Investorenpläne der Deutschen Fussball Liga Bälle aller Art aufs Feld warfen - und die Fussballwelt sah zu.

Sacha Boey erstmals in der Startelf

Bei den Bayern hatte es am Freitagabend Entwarnung in Bezug auf Manuel Neuer gegeben. Der Nationaltorhüter konnte trotz seiner Knieprobleme spielen. Joshua Kimmich wurde nach seiner Schulterverletzung zumindest eingewechselt, Dayot Upamecano kam seinem auskurierten Muskelfaserriss von Beginn an zum Einsatz. Erstmals in der Startelf stand Winter-Zugang Sacha Boey. Bei Bayer nahm Alonso im Vergleich zum 3:2 im Pokal gegen den VfB Stuttgart vier Wechsel vor. Dass Frimpong, Jonas Hofmann und Patrick Schick auf die Bank mussten, war überraschend.

In Duell der beiden Teams, die nicht nur die meisten Punkte in der Liga haben, sondern auch die meisten Treffer, die wenigstens Gegentore und den meisten Ballbesitz übernahmen die Bayern zunächst das Kommando. Dennoch hatte Bayer die erste Chance, als Amine Adli nach einem Querschläger von Upamecano zu überhastet abschloss (11.).

Nach einer Viertelstunde fand Bayer besser ins Spiel und ging prompt in Führung. Zunächst hatte Neuer nach einer Rettungsaktion von Minjae Kim gegen Adli stark pariert, doch nach dem folgenden Einwurf und der Hereingabe von Robert Andrich stand Stanisic am langen Pfosten frei und erzielte die Führung. Glückwünsche der Kollegen wehrte er - wohl aus Respekt vor seinem Stammverein - ab, zumindest schickte er aber einen Dank und einen Handkuss in den Himmel.

Torjäger Harry Kane komplett abgetaucht

Die Bayern waren nun kurzzeitig von der Rolle. Neuer verhinderte gegen Nathan Tella nach einer Direktabnahme (23.) und gegen Jonathan Tah nach einem Kopfball (24.) mit guten Paraden das schnelle 2:0. Die grösste Chance dazu vergab Adli, als er alleine aufs Tor zulief, sich aber den Ball von Upamecano vom Fuss spitzeln liess (42.). Die Bayern hatten vor der Pause nur eine brauchbare Chance durch Leroy Sané (43.).

Nach dem Wechsel kam Thomas Müller als Ersatzspieler im gelben Leibchen mit auf den Platz und redete bis Sekunden vor dem Anpfiff auf den bis dahin völlig abgemeldeten Torjäger Harry Kane ein. Doch statt des Ausgleichs fiel schnell das zweite Leverkusener Tor, als Grimaldo nach schönem Doppelpass mit Tella mit einem Schuss unter die Latte abschloss.

Wenige Minuten brachte später Tuchel dann Müller und Kimmich. Die Münchner erarbeiteten sich immer mehr Spielanteile, konnten sich aber kaum noch nennenswerte Chancen herausarbeiten. Auf der Gegenseite traf Frimpong noch den Pfosten (88.), ehe er kurz vor Schluss einen Konter ins leere Bayern-Tor abschloss. Neuer war zuvor für eine Ecke mit in den Bayer-Strafraum gekommen.

Tuchel glaubt weiter an die Meisterschaft

Bayern-Coach Thomas Tuchel hat die deutsche Meisterschaft dennoch noch nicht abgeschrieben. "Wir werden jetzt den Teufel tun, die Flinte ins Korn zu werfen. Für Leverkusen war die Chance gross, einen Abstand zu schaffen. Das haben sie geschafft. Für uns verändert sich der Abstand, aber die Herangehensweise nicht. Wir müssen weitermachen, besser werden", sagte Tuchel nach dem Spiel beim TV-Sender Sky.

Für den taktischen Plan übernehme er die Verantwortung, so Tuchel: "Ich würde es wieder so machen." Geärgert hat den Coach vor allem der erste Gegentreffer. "Das 1:0 kannst du normalerweise in der Fünferkette nicht kassieren. Das geht nicht. Das ist ein klarer Konzentrationsfehler. Es schlafen einfach alle. Es tut weh, ein sehr billiges Tor", so Tuchel, für den die Niederlage zu hoch ausgefallen ist: "Es hat sich nicht wie ein 3:0 angefühlt." (best/dpa)

Unbeliebte Bayern? Tuchel zieht Federer-Vergleich

Der spannende Zweikampf im Bundesliga-Titelrennen dürfte so manchen Fussballfan begeistern. Dass der FCB sich dabei nicht bei jedem grosser Beliebtheit erfreut, ist Trainer Tuchel bewusst. Vor dem Topspiel gegen Leverkusen sprach der Coach über den Status der Bayern - und zog einen interessanten Vergleich zu einer Sportikone.




JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.

Teaserbild: © Rolf Vennenbernd/dpa