BVB-Coach Lucien Favre gilt als gewiefter Taktiker. Doch im Topspiel am Samstagabend beim FC Bayern München ging sein BVB unter - auch weil FCB-Trainer Hansi Flick sein Team punktgenau auf die Borussia einstellte. Wir erklären die taktischen Gründe für das 4:0.

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6:0, 5:0, 4:0 - der FC Bayern beweist in Spielen gegen Borussia Dortmund, wahlweise Bundesliga-Gipfel oder deutscher Klassiker genannt, eine schier gnadenlose Kontinuität. Auch diesmal ging der BVB in München unter, nachdem die Vorzeichen im Vorfeld gänzlich andere waren.

FC Bayern: Ein Sieg von Hansi Flick

Unmittelbar nach dem 4:0 (1:0) des Rekordmeisters gegen seinen vermeintlich ärgsten Widersacher, erzielt durch Treffer von Robert Lewandowski (17. Minute/76.), Serge Gnabry (49.) und ein Eigentor von Mats Hummels (80.), herrschte in der Allianz Arena einhellig die Meinung: Es war ein Sieg von Interimstrainer Hansi Flick. Ein Sieg über Dortmunds Analytiker Lucien Favre.

Der Schweizer schritt lange nach Ende der Partie durch die Katakomben des Münchner Stadions, blieb vor den Reportern stehen, um konsterniert Fragen zu beantworten. Was der 62-Jährige nach der Demütigung durch den Meister und Pokalsieger sagte, war ebenso wenig aufschlussreich, wie das, was seine Mannschaft in den 90 Minuten auf dem Platz in der Offensive versucht hatte.

0:4 im Topsiel beim FC Bayern - Borussia Dortmund hat wieder einmal Angsthasenfussball abgeliefert, meint unser Kolumnist.

Bayern-Stars schwärmen von Hansi Flick

"Sie haben uns gepresst, aber das haben wir gewusst. Wir hatten unglaubliche Ballverluste, statt einfache Bälle zu spielen", meinte er bei Sky und ging mit seiner Mannschaft hart ins Gericht, ohne, sicher der Enttäuschung geschuldet, wirkliche Lösungen für das Schlamassel zu präsentieren.

Während er das tat, lobte auf der anderen Seite Flick sein Team, und wichtiger, die Bayern-Stars schwärmten von ihrem neuen Coach, dessen taktische Massnahmen und Menschenführung.

Die Belohnung gab es durch die Bosse, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bestätigte, dass Flick bis zum Düsseldorf-Spiel (23.11.) Chefcoach bleibe, Präsident Uli Hoeness meinte, darüber hinaus auch noch. Dass an dieser Stelle mal wieder nicht mit einer Stimme gesprochen wurde, verkam zum Randaspekt des Flick-Triumphes. Denn: Sein Ansehen in der Mannschaft war förmlich greifbar.

Manuel Neuer über Hansi Flick: "Menschenfänger"

Manuel Neuer nannte ihn einen "Menschenfänger", Leon Goretzka sprach dem Badener eine "hohe Empathie und gutes Fingerspitzengefühl" zu und Thomas Müller meinte: "Die Mannschaft hat gezeigt, dass wir uns mit seinen Ideen wohl fühlen."

Flicks Ideen gegen Favres Ratlosigkeit lassen sich wie folgt zusammenfassen: Schnelles, frühes und permanentes Attackieren des Gegners, während dieser versucht, sein Spiel aufzuziehen, in der Fachsprache Pressing- und Gegenpressing genannt. Sowie hohes Anlaufen des BVB durch die Aussen- und Innenverteidiger, um so samt kompaktem Mittelfeld die Räume zwischen den Ketten eng zu ziehen. Geführt durch einen brillanten David Alaba als Innenverteidiger, der an einen Spielmacher erinnert.

Die erste Viertelstunde eines wilden Spiels bewies, dass darin die Gefahr einkalkuliert war, ausgekontert zu werden. Aber Flick ging aufs Ganze. Das ist nun alles nicht neu im Fussball. Aber die Bayern entbehrten in den vergangenen Wochen unter Kovac diese Qualitäten. Und setzten sie nun umso perfekter um. Gerade damit schienen die Dortmunder nicht gerechnet zu haben. Was ein völlig entnervter Abwehrchef Mats Hummels bewies, als der Ex-Bayer - trotz Eigentor noch der beste BVB-Spieler - frustriert zuerst in Richtung Himmels, dann ins Nirgendwo und schliesslich gen Boden fuchtelte und motzte.

Joshua Kimmich: "Haben Dortmund 90 Minuten unter Stress gesetzt"

"Du kannst in fünf Tagen nicht die Welt verändern, aber er hat an den richtigen Punkten angesetzt und die richtigen Veränderungen vorgenommen, entsprechend gross ist sein Anteil an den beiden Siegen", sagte Nationalspieler Goretzka über Flick, der ja eigentlich nur vorübergehend die Verantwortung tragen soll. Doch geht es besser als ein 4:0 gegen Dortmund?

Nach dem überzeugenden Sieg des FC Bayern München gegen Borussia Dortmund unter Interimscoach Hansi Flick plaudert Präsident Uli Hoeness ein wenig aus dem Nähkästchen: Offenbar wollten Teile der Mannschaft Trainer Niko Kovac nicht mehr.

"Wir haben versucht, uns auf die Defensive zu konzentrieren, wer wen anläuft, wie wir anlaufen, mit einer gewissen Aggressivität und Risiko, weil wir versuchen, durchzuschieben und durchzudecken", referierte nach dem Sieg Joshua Kimmich in der Mixed Zone mit fokussiertem Blick, als stünde er immer noch auf dem Platz: "Dadurch hatten wir viel mehr hohe Ballgewinne. Wir haben Dortmund nie in Ruhe gelassen und sie über 90 Minuten immer unter Stress gesetzt. Dieses intensive Spiel haben wir durchgezogen."

Wochenlang war der selbsterklärte Leader stumm an den Reportern vorbeigelaufen, jetzt sprudelte es aus dem 24-jährigen Schwaben förmlich heraus. Noch ein Beleg dafür, dass die Bayern sich freischwimmen. Sicherheit, Selbstvertrauen, Selbstverständnis - es waren die Begriffe, die dominierten und der Konkurrenz wohl nichts anderes sagen sollten als: Der FC Bayern ist auf dem Platz wieder der FC Bayern. Oder, um es stilecht zu formulieren: "Mia san mia."

FC Bayern setzt Taktik von Hansi Flick konsequent um

"Über die hohen Ballgewinne gewinnst du Sicherheit und lässt den Gegner erst gar nicht ins Spiel kommen", erklärte Kimmich: "Wenn du den Ball in der gegnerischen Hälfte gewinnst, kommst du leichter zu Chancen und nimmst das Publikum mit, statt den Ball am eigenen Sechzehner gewinnen und zehn Feldspieler ausspielen zu müssen."

Es ist eine einfache Rechnung. Die Flick offensichtlich in kürzester Zeit seinem Fachpersonal näher brachte. "Er hat die Grundhaltung verändert, insbesondere das defensive Anlaufen und wie wir verteidigen wollen. Dadurch ist eine andere Dynamik in der Defensive entstanden", sagte Goretzka und ordnete ein: "Gerade zu Beginn eines Spiels ist das entscheidend, wenn die intensive Anfangsphase durch Ballgewinne auf deiner Seite ist."

Richtig gute Laune hatte Weltmeister Müller, der ein gutes Spiel gemacht und das 2:0 kurz nach der Pause vorbereitet hatte. Er erzählte von neuem Vertrauen durch Flick. Davon, dass der ehemalige Assistent von Bundestrainer Joachim Löw auf ihn setzt. Schmeichelhaft dürften auch diese Aussagen für Ex-Coach Kovac nicht gerade sein.

Hansi Flick als genialer Taktiker

"Auch wenn das Olympiakos-Spiel in der Öffentlichkeit eher mittelmässig gesehen wurde, haben wir schon in diesem Spiel extrem offensiv nach vorne verteidigt und den Gegner weit von unserem Tor weggehalten", erzählte Müller und schob die Mundwinkel frech nach oben: "Wir waren alle dran und gierig. Als Aussenstehender würde man sagen, dass wir es mehr wollten. Wir waren wirklich da."

Flick blieb sachlicher, im Stile eines genialen Taktikers, der sich als solcher zu erkennen gibt. "Mutig nach vorne verteidigen, aber alle gemeinsam. In einer kompakten Organisation eine gute Ordnung zu haben, wirklich auch mal mit dem Risiko, dass man ausgespielt wird, aber dann ist schon der nächste da, der einen unterstützt: Das gibt Selbstvertrauen", sagte der 54-Jährige auf der Pressekonferenz, sichtlich erleichtert, dass seine Kniffe gesessen hatten.

Drei Meter neben ihm hatte Favre Platz genommen, freilich alles andere als erleichtert. Er hatte unter anderem Jadon Sancho von Anfang an spielen lassen, obwohl der Engländer sich am Dienstag gegen Inter Mailand (3:2) eine Oberschenkelblessur zugezogen hatte.

BVB: Lucien Favre watscht Jadon Sancho ab

Dass Favre Sancho dann auch noch öffentlich abwatschte, um es im Vokabular von Gastgeber München auszudrücken, dürfte dem 19-jährigen Angreifer mutmasslich gar nicht gefallen.

"Er war nicht verletzt, sondern einfach nicht gut. Deswegen habe ich ihn ausgewechselt", meinte Favre nonchalant und schuf sich mit seiner Klartext-Aussage noch eine Baustelle mehr.

"Es war viel zu wenig, viel zu wenig. Wir waren nicht da. Es war eine sehr, sehr schwache Leistung", murmelte er in sich gekehrt ins Mikrofon: "Man hat gesehen: Es war viel zu wenig, viel zu wenig." Zu wenig auch von ihm gegen einen an diesem Tag taktisch genialen Bayern-Trainer Flick.

Joachim Löw nominiert das DFB-Aufgebot für den Endspurt in der EM-Qualifikation

Ohne den im März 2019 gemeinsam mit Thomas Müller und Jerome Boateng aussortierten Mats Hummels geht Bundestrainer Joachim Löw in die beiden abschliessenden Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft zur EM 2020.

Verwendete Quellen:

  • sport.sky.de: Flick: "Haben das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben"
  • sport.sky.de: Favre: "Es war viel zu wenig"