Julian Nagelsmann setzt im Vorfeld der EM auf klare Kommunikation und reichlich Transparenz, auch seinen Spielern gegenüber. Die klar definierten Rollen sorgen für einen erfolgreichen Start ins EM-Jahr. Zwei Sportpsychologen ordnen das Vorgehen des Bundestrainers ein.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Michael Schleicher sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Rund zwei Wochen liegt die offizielle Kaderbekanntgabe von Bundestrainer Julian Nagelsmann mittlerweile zurück. Nach den Testspielsiegen gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) steht fest: Nagelsmanns mutiger Ansatz, auf einige Überraschungen zu setzen und dafür altgediente DFB-Profis zu Hause zu lassen, wurde belohnt.

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Im Vergleich zu den Länderspielen im vergangenen November, die mit den Niederlagen gegen die Türkei (2:3) und Österreich (0:2) mehr als bescheiden gelaufen sind, setzte Nagelsmann diesmal auf ein anderes Vorgehen.

Für Nagelsmann zählte diesmal das "Momentum"

Der Bundestrainer nominierte rein nach dem Leistungsprinzip, dem "Momentum", wie es Nagelsmann in den vergangenen zwei Wochen immer wieder in Interviews und auf Pressekonferenzen nannte. Oder anders gesagt: Wer in seinem Verein gute Leistungen zeigte und dort überzeugte, konnte sich auch durchaus berechtigte Hoffnungen auf eine DFB-Nominierung machen.

Und so kam es, dass mit Chris Führich und den Debütanten Maximilian Mittelstädt, Deniz Undav und Waldemar Anton gleich vier Stuttgarter im Kader standen. Ebenso Jan-Niklas Beste aus Heidenheim sowie Bayern-Senkrechtstarter Aleksandar Pavlovic. Auch wenn Beste und Pavlovic aufgrund von Verletzungen nicht auflaufen konnten, wurde schnell deutlich: Diesmal läuft es in Sachen DFB-Kader anders.

Goretzka und der BVB als grosse Kader-Verlierer

Die grossen Verlierer waren nämlich Spieler, die in den vergangenen Wochen nicht wirklich überzeugen konnten. Dazu gehörten unter anderem Bayern-Star Leon Goretzka sowie sein Team-Kollege Serge Gnabry, der nach langer Verletzungspause erst kürzlich wieder sein Comeback feiern konnte.

Auch Borussia Dortmund sorgte im neuesten Nagelsmann-Kader für eine negative Überraschung: Mit Niclas Füllkrug war lediglich ein BVB-Profi dabei. Andere Spieler, die in der Vergangenheit bereits für den DFB aufgelaufen sind – Mats Hummels, Nico Schlotterbeck, Niklas Süle, Emre Can, Julian Brandt – suchte man hingegeben vergebens.

Nagelsmann erklärte sein Rollen-Modell bei der Kaderbekanntgabe

Zudem setzte Nagelsmann in der aktuellen Länderspielphase auf klare Rollen. Ein Vorgehen, dass er bereits bei der Kaderbekanntgabe am 14. März erklärt hatte. In persönlichen Gesprächen wiesen er und Assistent Sandro Wagner jedem einzelnen Spieler eine bestimmte Rolle zu und gaben ihnen damit einen klaren Plan an die Hand.

Dass diese wie auf Knopfdruck erfolgreich umgesetzt werden, konnte niemand versprechen, nicht mal der Bundestrainer. Doch sie funktionierten – das machten die Spiele gegen Frankreich und die Niederlande eindrücklich deutlich.

Und wer etwas gegen seine zugeordnete Rolle hat und nicht entsprechend mitzieht, kann im Sommer Urlaub machen. Das hatte der Bundestrainer seinem Überraschungskader schnell vermittelt. "Am Ende gibt es vorgefertigte Rollen. Alle Spieler, die damit klarkommen, haben die Chance, beim Turnier dabei zu sein. Spieler, die damit nicht klarkommen, das müssen wir ehrlich kommunizieren, haben dadurch keine Chance, beim Turnier dabei zu sein. Vielleicht ersparen sie sich selbst Ärger", sagte der DFB-Trainer im Rahmen der Kaderbekanntgabe.

Bundestrainer liess sich von Basketball-Weltmeistern inspirieren

Die Idee hat sich der Bundestrainer in einer anderen Sportart abgeschaut: "Ich habe neulich eine Dokumentation über die deutschen Basketballer angeschaut. Man konnte die Gespräche zwischen Trainer und Spielern vor der WM beobachten. Da wurde klar: Jeder Einzelne kannte Monate vor dem Turnier seine Rolle", sagte Nagelsmann im vergangenen Februar im "Spiegel"-Interview. Wie die Basketballer beim Turnier 2023 abschnitten, ist hinlänglich bekannt: Deutschland wurde Weltmeister.

Dass Nagelsmann an seinen im Voraus definierten Rollen auch bei Rückschlägen festhält, zeigt unter anderem die Situation im DFB-Tor. Vergangene Woche sickerte die Nachricht durch, dass Manuel Neuer bei der EM die Nummer eins sein wird. Für Marc-André ter Stegen blieb in der Folge abermals nur die Rolle des Backups.

Doch dann verletzte sich Neuer, der Bayern-Torwart musste frühzeitig abreisen und verpasste die beiden Testspiele. Ter Stegen übernahm seinen Platz zwischen den Pfosten. An Nagelsmanns Entscheidung pro Neuer ändert die Verletzung allerdings nichts, das stellte er wenig später in einer Pressekonferenz klar: "Ich revidiere nicht jede Entscheidung. Manu hat extrem lange stabil gespielt", sagte der Bundestrainer da unter anderem.

"Aber es geht auch für ihn darum, sich einzugliedern, deswegen haben wir diese Rollengespräche, wo jeder Spieler sich auch Gedanken machen kann, ob er mit der Rolle zurechtkommt."

Bundestrainer Julian Nagelsmann über Leroy Sané

Auch die Causa Leroy Sané verdeutlicht das Rollen-System, das Nagelsmann in der Nationalmannschaft eingeführt hat. Der Offensivspieler ist wegen seiner Roten Karte aus dem Spiel gegen Österreich derzeit noch gesperrt – vor dem Spiel gegen die Niederlande stiess er als Besucher dennoch zum DFB-Team.

Der DFB-Coach wollte damit deutlich machen: Sané gehört zum Team, auch für die EM. Jedoch nur, wenn sich auch der Bayern-Star an die ihm zugeteilte Rolle hält. Er könne und wolle beim Heim-Turnier nicht auf ihn verzichten, erklärte Nagelsmann, ehe er hinterherschob: "Aber es geht auch für ihn darum, sich einzugliedern, deswegen haben wir diese Rollengespräche, wo jeder Spieler sich auch Gedanken machen kann, ob er mit der Rolle zurechtkommt."

Nagelsmann setzt vor der EM auf Transparenz

Der Bundestrainer setzt wenige Wochen vor dem EM-Start also auf klare Kommunikation, sowohl mit seinen Spielern als auch in der Öffentlichkeit. Im Rahmen der Länderspiele herrschte viel Transparenz, auch was die Aufstellung betraf. So erklärte Nagelsmann beispielsweise vor dem Spiel gegen die Niederlande, dass er mit ziemlicher Sicherheit dieselbe Elf wie im Spiel gegen Frankreich anfangen lassen wird. "Jeder", betonte Nagelsmann vor seinen EM-Gesprächen, "muss ein gutes Verständnis für seine Rolle haben, die er im Kader innehat." Das sei einer der Schlüssel für den Turniererfolg.

Dass die Spieler Nagelsmanns EM-Kurs bereits nach kurzer Zeit voll verinnerlicht haben, machten die DFB-Stürmer Niclas Füllkrug und Deniz Undav in ihrer gemeinsamen Pressekonferenz deutlich. Beide sind aktuell Backup hinter Startelf-Spieler Kai Havertz. "Bei einem Turnier geht es einfach darum, dass du die Spieler in einer Rolle hast, wo sie funktionieren, wo sie der Mannschaft helfen", sagte Füllkrug am vergangenen Donnerstag. Und Undav ergänzte: "Bei der EM brauchst du nicht elf Spieler, sondern 23, die alle ihre Rolle annehmen. Das Team steht über allem."

Niclas Füllkrug und Deniz Undav
Aktuell nur als Backup eingeplant, aber dennoch enorm wichtig für das gesamte Team: die DFB-Stürmer Niclas Füllkrug (l.) und Deniz Undav. © IMAGO/Sven Simon/Frank Hoermann

Psychologe: Rollen beim DFB haben auch Nachteile

Der Erfolg gibt Nagelsmann nun erstmal recht. Doch ist eine klare Rollenverteilung innerhalb des Teams überhaupt zuträglich für den einzelnen Spieler und auch das Mannschaftsgefüge?

"Das ist nicht schlecht oder gut, es hat Vorteile und Nachteile. Der Vorteil ist, dass die Spieler wissen, welche Position sie innerhalb der Mannschaft haben – das macht die Sache einfacher", erklärt Sportpsychologe Jürgen Walter im Gespräch mit unserer Redaktion.

Gleichzeitig stellt Walter klar: "Aber es könnte auch sein, dass sich diejenigen, die nur als Ergänzungsspieler eingeplant sind und vielleicht schon ahnen, dass sie gar nicht eingesetzt werden, möglicherweise benachteiligt fühlen. Wenn sie dann plötzlich doch spielen sollten, weil sich zum Beispiel jemand auf der Position verletzt, stehen sie unglaublich unter Druck, gute Leistung bringen zu müssen."

"Kommunikation ist wichtig, aber die ganz strenge Trennung hat aus meiner ganz persönlichen Sicht mehr Nachteile als Vorteile."

Sportpsychologe Jürgen Walter

Der Diplom-Psychologe erklärt im Interview, dass er die Rollenverteilung im Voraus nicht so klar wie Nagelsmann kommuniziert hätte. "Kommunikation ist wichtig, aber die ganz strenge Trennung hat aus meiner ganz persönlichen Sicht mehr Nachteile als Vorteile", sagt Walter.

Einen anderen Standpunkt vertritt der Sportpsychologe Kyle Varley, der im Gespräch mit unserer Redaktion eine klare Rollenzuordnung innerhalb der Mannschaft für äusserst empfehlenswert hält. "Um gemeinsam ein Ziel zu verfolgen, ist es unabdingbar, dass die einzelnen Rollen transparent zugewiesen werden."

Psychologe Varley: Mit klaren Rollen kann niemand zum "sozialen Trittbrettfahrer" werden

Dabei sei es laut Varley von entscheidender Bedeutung, dass die Rollen prozessorientiert und nicht ergebnisorientiert definiert sind. "Prozessorientierte Rollen legen klar fest, wie ein Spieler seine Rolle ausführen soll, indem er aktiv zum Gesamtprozess beiträgt. Im Gegensatz dazu fokussiert sich eine ergebnisorientierte Rolle auf das, was der Spieler erreichen soll", erklärt der Sportpsychologe.

Einer der grossen Vorteile der Rollenzuordnung ist laut Varley, dass keiner der Spieler zum "sozialen Trittbrettfahrer" werden kann. Was das bedeutet? "Soziales Trittbrettfahren beschreibt das Verhalten, von den Vorteilen sozialer Interaktionen, wie beispielsweise Mannschaftsleistungen, zu profitieren, ohne angemessen dazu beizutragen."

Jedoch gibt es ihm zufolge auch Nachteile beim Vorgehen: Falsch gesetzte Rollen könnten die Spieler übermässig unter Druck setzen und/oder demotivieren. "Ein weiterer potenzieller Nachteil im Vergleich zu einer Teamstruktur ohne klare Rollenzuordnung besteht in der Schwierigkeit, seine Rolle zu ändern", sagt Varley – vor allem, wenn diese in der Vergangenheit bereits klar definiert wurde.

Walter schwärmt von DFB-Psychologe Hermann

Sportpsychologe Jürgen Walter
Sportpsychologe Jürgen Walter. © Jürgen Walter

Jürgen Walter zufolge könnte der DFB noch mehr auf den Bereich der Sportpsychologie setzen: DFB-Psychologe, Professor Hans-Dieter Hermann, sei "ein ganz erfahrener und sehr guter Sportpsychologe, der aber möglicherweise zu wenig eingesetzt wird", sagt Walter, der weiter ausführt: "Ich würde es nicht nur einem Trainer überlassen, dass er jetzt plötzlich mit seinem magischen Auge sieht, wie sich die Spieler untereinander verstehen und welche Rollen im Team sie ausführen sollen. Das würde ich diagnostischen Verfahren überlassen, wissenschaftlich klar definierten Verfahren."

Die EM 2024 findet in Deutschland statt, endlich gibt es wieder ein Heim-Turnier für den DFB. Beflügelt diese Ausgangssituation eher oder überwiegt der Druck bei den Spielern? Auch dazu hat der Sportpsychologe eine klare Meinung: "Ein Heimvorteil wie jetzt bei der EM soll beflügeln und zusätzliche Kräfte freisetzen."

Jedoch dürfe man als Spieler nicht überdrehen, erklärt Walter: "Wenn ich zu angespannt und übermotiviert bin, wenn ich alles perfekt machen will, dann funktioniert das nicht. Wenn ein Spieler mental stark ist, dann beflügelt das."

"Mental starke Menschen machen ihr Glück nicht von anderen abhängig."

Sportpsychologe Jürgen Walter

Die EM-Chancen für Bayerns-Star Goretzka sind nach den guten Auftritten des DFB-Teams gegen Frankreich und die Niederlande weiter gesunken – gut möglich, dass er beim Turnier im Sommer nicht dabei sein wird. In diesem Falle müsse Goretzka dem Psychologen zufolge die "drei As" im Hinterkopf haben: "Akzeptieren, dass es so ist. Analysieren, woran es gelegen hat – und dann abhaken."

Laut Walter würde sich für Goretzka in der Zukunft dann wieder die Chance bieten, sich zu präsentieren. Zur aktuellen Situation des Bayern-Spielers sagt er: "Ich darf auch mal beleidigt sein und schmollen, aber dann geht es weiter. Mental starke Menschen machen ihr Glück nicht von anderen abhängig."

Nagelsmann gibt EM-Kader Ende Mai bekannt

Jetzt kehren die Nationalspieler aber erstmal wieder zu ihren Vereinen zurück, die Klubs starten in die heisse Phase der Saison. Und Nagelsmann? Der wird seinen EM-Kader nach jetzigem Planungsstand zwischen dem letzten Bundesliga-Spieltag (18. Mai) und dem Pokalfinale (25. Mai) verkünden.

Dann ziemlich sicher mit deutlich weniger Überraschungen als noch Mitte März – den vorgefertigten, klar kommunizierten und funktionierenden Spielerrollen sei Dank.

Über die Gesprächspartner

  • Jürgen Walter ist Diplom-Psychologe und Vorstandsvorsitzender im Verband der praktischen Sportpsychologie e.V. Daneben ist Walter Lehrbeauftragter der Fresenius Hochschule Düsseldorf und der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin. Der Sportpsychologe praktiziert in Düsseldorf.
  • Kyle Varley arbeitet als selbständiger Sportpsychologe mit diversen Mannschafts- und Individualsportlern auf nationalem und internationalem Niveau zusammen. Von seinem Hauptsitz in Zürich (CH) aus unterstützt er Athleten vor Ort oder online dabei, ihre mentale Stärke im Spitzensport zu entwickeln.

Verwendete Quellen

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