• Der europäische Spitzenfussball ist in diesem Jahr unberechenbar.
  • Viele Spitzenmannschaften straucheln durch die Saison, was Rotation in den Titelkampf bringt.
  • Die Gründe für den teilweisen Kontrollverlust und eine Zukunftsprognose.

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Vor gut 70 Jahren stellte Sepp Herberger fest: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht." Dem Weltmeistertrainer von 1954 ist nicht zu widersprechen. Denn Herbergers Weisheit ist dieser Tage aktueller denn je.

Überall in Europa kommt es im von Corona bestimmten Spieljahr zu eigenartigen Ergebnissen. Spitzenteams straucheln gegen Abstiegskandidaten, Titelanwärter hinken ihrem Anspruch hinterher und die Underdogs profitieren von der neuen Unordnung. Das Spiel – siehe Herberger - scheint endlich wieder so unberechenbar zu sein, wie es sich die meisten Fans wünschen. Bringt also eine weltweite Krise die Spannung zurück in den Fussball?

Die Vorbereitungszeit war lang genug

Durch den Corona-Ausbruch musste die Saison im vergangenen Jahr unterbrochen werden. Für zwei Monate stand der Weltfussball ab März 2020 still. Der ursprüngliche Austragungstermin der Europameisterschaft war nicht zu halten. "Wenn ein Klub in dieser Zeit seine Hausaufgaben gemacht hat und die freie Zeit für das richtige Training genutzt hat, kann das heute ein Vorteil sein", sagt Sportmediziner Ingo Froböse im Gespräch mit unserer Redaktion. "Denn die Vorbereitungszeit im letzten Jahr war lang genug."

Neben seiner Professoren-Tätigkeit an der Sporthochschule Köln ist er Autor mehrerer Bücher zum Thema Bewegung, Sport und Gesundheit. "Die Teams sind momentan alle auf einem ähnlichen Trainingsniveau, das macht es teilweise sehr ausgeglichen und dadurch unberechenbarer."

FC Liverpool abgeschlagen, Juventus Turin und PSG nur dritter

In der laufenden Saison kam es europaweit zu bemerkenswerten Ergebnissen. Man denke nur in der englischen Premier League an Liverpools 2:7-Klatsche bei Aston Villa, an den 6:1-Sieg Tottenhams bei Manchester United oder Leicester Citys 5:2 bei Manchester City.

In Spaniens La Liga biss sich Real Madrid an Aussenseitern wie Deportivo Alaves, CA Osasuna und dem FC Elche die Zähne aus, der FC Barcelona besiegte Aufsteiger FC Cadiz und den SD Eibar nicht. Als Konsequenz standen zeitweise der FC Granada, Real Sociedad und der FC Valencia an der Tabellenspitze. Mittlerweile hat Atletico Madrid die Führung übernommen, und das mit zwei Spielen weniger als der Tabellen-Zweite Real Madrid und einem Spiel weniger als der Dritte, der FC Barcelona.

Und auch in der Serie A, wo mit Juventus Turin das italienische Pendant zum FC Bayern München derzeit auf Rang drei steht, geht es ungewohnt wild zu. Dort steht der AC Mailand vor dem 22. Spieltag an der Spitze. Juve krebste wochenlang im Mittelfeld der Tabelle herum.

Auch die Allmacht von Paris Saint Germain in der französischen Ligue 1 bröckelt dieser Tage. Der Dauermeister steht nach 24 Spieltagen drei Punkte hinter Lille OSC auf Platz drei. Zum Vergleich: In den vergangenen drei Saisons war Paris zu diesem Zeitpunkt der Saison bereits mit mindestens zehn Punkten enteilt. Dieses Jahr hat die Mannschaft von Thomas Tuchels Trainer-Nachfolger Mauricio Pochettino bereits fünf Ligaspiele verloren. In der gesamten Vorsaison waren es drei.

Von wegen Bayern-Krise

Nur in der Bundesliga herrscht mittlerweile wieder Tristesse: Mit sieben Punkten Abstand auf RB Leipzig hält der FC Bayern München die Konkurrenz erneut auf Fernglas-Abstand. Vor Weihnachten 2020 sah das noch ganz anders aus. Damals, nach 13 Spielen, eroberte der Titelverteidiger durch ein glückliches und spätes 2:1 im Spitzenspiel bei Tabellenführer Bayer Leverkusen die Spitze und setzte sich um zwei Zähler von der Werkself ab. Doch auch RB Leipzig auf Rang drei trennten damals nur zwei Punkte von den Bayern und Platz eins.

Deren Verwundbarkeit erwies sich anschliessend durch ein 2:3 in Mönchengladbach (nach 1:0-Führung) und direkt danach durch das sensationelle Aus in der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals bei Zweitligist Holstein Kiel.

Die Pandemie hat Auswirkungen auf jeden Verein. Daraus resultierende finanzielle Einbussen durch Geisterspiele und fehlende Werbeeinnahmen und ein eng getakteter Spielplan sind Rahmenbedingungen, unter denen alle Teams in Europa antreten müssen. Einige Klubs scheinen sich mit der verzwickten Lage arrangiert zu haben, andere wiederum kämpfen noch immer mehr mit sich als mit der Konkurrenz um Titel.

Dabei steht den Top-Klubs der schwierigste Teil der Saison noch bevor. "Zum Ende der Saison wird der Spielplan noch dichter, es wird weniger rotiert, die Verletzungen werden zunehmen", sagt Ingo Froböse.

Woran liegt es aber, dass Teams wie der FC Bayern, Manchester City und Atletico Madrid derzeit besser mit den Gegebenheiten zurechtkommen als nicht minder grosse Klubs wie der FC Liverpool, FC Barcelona oder Paris Saint Germain?

Liverpool brach die komplette Innenverteidigung weg

"Alle drei Tage Fussball zu spielen, ist Unfug, es ist aber nicht die Hauptursache, weshalb die Spitzenteams straucheln, vielmehr verstärkt es nur die Probleme, die es sowieso schon gibt", sagt Marcel Reif im Gespräch mit unserer Redaktion. Reif war lange Jahre Fussballkommentator bei Sky und ist unter anderem Experte im Sport1-Doppelpass.

"Die grossen Klubs leben in ihrem eigenen Kosmos. Juve, PSG und Bayern langweilen sich seit Jahren zu Tode in ihren Ligen", sagt Reif. "Du spielst eine Meisterschaft, die du gewonnen hast, bevor der erste Ball rollt." Dass Bayern in diesem Jahr trotzdem an der Tabellenspitze enteilt ist, liege bloss daran, dass die anderen Teams die Patzer der Bayern nicht auszunutzen wissen.

"Du fährst alle drei Tage irgendwo nach Bielefeld, das Stadion ist leer, du kannst dich nicht reiben, niemand will den Bayern die Lederhosen ausziehen, du gewinnst das Spiel und fährst nach Hause – das macht die Fans und die Spieler nur noch müde", sagt Reif.

Erst ab Ende März, wenn die Champions League in die heisse Phase geht und die Grossen aufeinandertreffen, werde es wieder spannend. "Und daher wird bald die Super League kommen", sagt der Experte.

Kaderbreite entscheidend

Krise und Aufschwung lassen sich auch an der Qualität und Quantität des Spielerkaders festmachen. Bayern, Atletico und Manchester City weisen beides auf. Diese Klubs hielten vor der Saison weitgehend ihr Stammpersonal, lediglich Bayern verlor mit Thiago einen Kernspieler. Die Münchner holten dafür Leroy Sané, Marc Roca und beförderten Jamal Musiala in den Profikader. Pep Guardiolas Manchester City liess den zwar immer noch genialen, aber in die Jahre gekommenen David Silva ziehen und kaufte mit Innenverteidiger Ruben Dias von Benfica Lissabon das fehlende Puzzlestück hinzu. Atletico füllte seinen Kader mit Luis Suarez, Rückkehrer Yannick Carrasco und Geoffrey Kondogbia.

Der FC Liverpool hingegen wusste nicht zu reagieren, als ihm im Laufe der Saison die komplette Innenverteidigung mit Virgil van Dijk, Joel Matip und Joe Gomez wegbrach. Nun rächte es sich, dass sich der Verein vor der Saison entschieden hatte, mit dem verdienten Dejan Lovren Innenverteidiger Nummer vier abzugeben. Liverpool verlor kürzlich zum dritten Mal in Folge in Anfield – nachdem die Reds zuvor 68 Spiele lang zu Hause ungeschlagen geblieben waren. Ein 20-jähriger Ozan Kabak von Schalke wird die Defensivprobleme dort nicht allein beheben.

Substanzielle Krisen in Spanien

Während der FC Liverpool lediglich in einer sportlichen Krise steckt, geht es bei den spanischen Schwergewichten aus Barcelona und Madrid angesichts der finanziellen Schieflage beider Klubs ans Eingemachte.

Der FC Barcelona befindet sich in einer historischen Krise, steht bei Schulden in Milliardenhöhe nahe an einem Insolvenzverfahren, hat einen kostspieligen, wechselwilligen Dribbelfloh und längst den Zauber vergangener Tage verloren. Wegen massiver Einnahmeausfälle gab es vor Saisonbeginn keine grosse Transferoffensive - und das trotz einer enttäuschenden, weil titellosen Vorsaison. Oberste Priorität war und ist es heute mehr denn je, halbwegs glimpflich aus der Krise herauszukommen.

Auch Real Madrid entschied sich vor der Saison, auf dem Transfermarkt die Füsse still zu halten. Lieber gaben die Königlichen teuren Edelreservisten wie Gareth Bale und James Rodriguez den Laufpass und jagten auch den Ex-Dortmunder Achraf Hakimi (zu Inter Mailand) und Sergio Reguilon (zu Tottenham Hotspur) vom Hof. Dementsprechend dünn besetzt ist der Kader in diesem Jahr. Derzeit sind sechs potentielle Leistungsträger verletzt, unter ihnen Sergio Ramos und Daniel Carvajal. Beim Ligaspiel gegen SD Huesca am Wochenende sassen nur sechs Spieler auf der Bank, davon zwei Torhüter und zwei Jugendspieler.

Ein weiteres Problem bei Real ist der in die Jahre gekommene Kader. Ende letzten Jahres liess Trainer Zinedine Zidane mit einem Durchschnittsalter von 30,5 Jahren die älteste Startelf der Vereinsgeschichte spielen. Bei einem Spielplan, der in der heissen Phase der Saison jede Woche drei Spiele vorsieht, sind das dämmrige Aussichten.

"Sowohl Real Madrid als auch der FC Barcelona sind über dem Zenit. Es hätte längst einen Umbruch geben müssen. Daher kann Atletico diese Saison so marschieren", sagt Experte Reif.

Ein grotesker Anspruchssteller

Der Blick nach Frankreich zeigt ein anderes Problem. Dort erkrankt Paris Saint Germain zunehmend am Anspruch der Besitzer aus Katar. Dass die Anforderungen in Paris auf einer faulen Idee und einem grotesken Anspruchsteller fussen, der um jeden Preis die Champions League gewinnen will, macht den Umgang mit Misserfolg umso schwieriger.

Die Finalniederlage gegen den FC Bayern München in Lissabon nährte Selbstzweifel. Da war das Team, seinerzeit noch von Thomas Tuchel trainiert, so dicht davor, dem Scheich endlich seine heiss ersehnte Champions-League-Trophäe zu bringen, ihn vielleicht ruhigzustellen – und dann wurde es wieder nichts.

Paris ist ein lukratives Pflaster, rein sportlich aber wenig erfüllend. "Verlängert Neymar? Kommt Messi? Was anderes interessiert da doch niemanden. Vor allem nicht irgendein Auswärtsspiel in Auxerre", sagt Reif. Es wirkt, als laufe für dieses Fussballprojekt allmählich die Zeit ab.

Das Spiel wird unkontrollierbar

Die bisherige Saison beweist, dass im Fussball weiterhin alles denkbar und möglich ist. Erinnert sei nur an die Meisterschaft von Leicester City in England 2016.

Die grossen Teams verlieren sukzessive ihren Drive. Ihr Spielplan aber wird immer voller. Diese Belastungen machen die Breite des Kaders immer bedeutender und spielentscheidender. Froböse vermutet eine weitere Zunahme "besorgniserregender Verletzungen" in den kommenden Jahren. Somit wird das Spiel weniger kontrollierbar.